Gates Open!

Designer*innen sprechen über

Caroline Villis

→→ [...] Also mein Einstieg nach meinem Masterstudium in Mainz, den Bachelor habe ich in Dortmund gemacht, war bei Herburg Weiland. Ich bin direkt von der Uni sehr spontan nach München gezogen und habe dann dort mit dem Redesign des Lenbachhauses gestartet. Also es gab schon ein paar Parameter, die festgelegt waren und ja, Tom und Steffi haben mir da sehr viel Verantwortung überlassen. Was auf jeden Fall eine Herausforderung war. Und als Einstieg nach dem Studium natürlich ein Traumprojekt. [...] Ich habe fast drei Jahre lang dort gearbeitet und durfte danach auch andere Kunden noch mit betreuen. [...] Was ich heute anders sehe, ist, dass man als Team, dass man ja… wie soll ich es formulieren, dass man gar nicht immer alles alleine lösen muss. Wenn man in einem Team zusammenarbeitet, kann man als Team gemeinsam die Dinge bestreiten. Und nach dem Studium hatte ich, und auch meine damaligen Freunde und Arbeitskollegen auch, immer so das Bedürfnis, das selbst schaffen zu müssen. Und alles selbst umsetzen zu müssen. Und da muss ich jetzt, nach über zehn Jahren Berufserfahrung, wenn ich darauf zurückblicke, manchmal ein bisschen schmunzeln, weil eigentlich ist Teamwork und gegenseitiger Austausch und auch mal ein kreatives Ping-Pong, jemand anderes arbeitet weiter, man steigt wieder ein, viel effektiver. Das merken wir jetzt auch mit unserem Büro, in dem ich jetzt arbeite, dass wir einfach viel effizienter sind, wenn wir gemeinsam an Projekten arbeiten. Und wenn man merkt, man hängt an irgendeiner Stelle, dass man jemand anderem die Verantwortung übergibt, sich auf andere Dinge konzentrieren kann und dann mit einem frischen Blick wieder einzusteigen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Manchmal muss man lernen loszulassen. Und man muss seine Prioritäten manchmal vielleicht ein bisschen anders setzen. Und ich glaube, man muss schon an seinen gestalterischen Prinzipien festhalten. Und das macht ja auch viel vom eigenen, ja von der eigenen gestalterischen Haltung aus. Da darf man sich nicht von Kunden verunsichern oder auch zu sehr steuern lassen. Aber was total hilft bei uns, ist, wenn wir mal in Situationen kommen, wo das Feedback negativ ist oder der Workflow unstrukturiert und nicht zufriedenstellend ist. Dass man sich erst mal gemeinsam darüber austauscht, einmal seinen Frust rauslässt, das intern bespricht und dann versucht, konstruktiv zu lösen. Und manchmal steckt man ja so drin und ist irgendwie nur noch genervt, weil es nicht so läuft, wie man sich es vorgestellt hat. Und da hilft es total, wenn andere Kolleginnen oder Mitarbeiterinnen das nachvollziehen können, aber dann sagen: Hey, okay, keinen Schritt zurück. Probier es mal so! [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Also dieser Dienstleistungsaspekt ist bei uns schon ein sehr großer. Nichtsdestotrotz versuchen wir, wenn wir Projekte umsetzen, immer unsere Handschrift mit einzubeziehen, sowohl im konzeptionellen Ansatz als auch in der Gestaltung. Und es gibt immer mal wieder so Freiräume in Projekten, wo man kreativer sein und mehr designen kann, als Dienstleister sein kann. Und diese Freiräume versuchen wir uns immer schon einzuräumen. Heißt also, wenn es im Editorial geht, dass wir schauen, dass es da irgendwie bestimmte Seitentypen gibt, wo wir auch frei gestalten können oder wenn es an irgendwelche Mailings geht oder an so Teile von Projekten, wo wir uns halt auch gestalterisch austoben können. Bei manchen Projekten ist halt einfach der Rahmen schon so krass gesteckt, dass man da einfach gucken muss, dass es für den Kunden und auch für die Inhalte, die vermittelt werden, passt. Also es ist immer so eine Mischform und wir versuchen uns halt irgendwie Freiräume zu schaffen, in denen wir kreativ sein können. Und das trägt dann auch so ein bisschen diesen Dienstleistungsaspekt, den man parallel erfüllen muss. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Angebote sind ein sehr aufwendiges Thema. Wir schreiben wahnsinnig viele, aber es muss immer wieder ein bisschen neu definiert werden, weil die Anfragen zum Teil auch so unterschiedlich sind. Es gibt zwei Arten von Angeboten. Es gibt einmal Anfragen, die an uns herangetragen werden von Kunden, wo man direkt merkt okay, das was die anfragen, ist eigentlich gar nicht das, was sie brauchen. Also ganz oft kommen Leute zu uns und sagen, ich brauche eine Webseite. Aber die haben nichts. Also die haben kein Logo, kein Corporate Design, nichts. Aber sie wollen eine Webseite haben und dann müssen wir mit denen erstmal erarbeiten, was sie brauchen und mit gemeinsam ein Briefing erstellen, wo man dann klären kann, was ist eigentlich der Arbeitsumfang? Was hilft denn eigentlich wirklich weiter? Das ist so eine Form von Angeboten und Briefings, die wir oft bearbeiten. Dann gibt es eine. Eigentlich gibt es sogar drei, von denen gibt es eine zweite Form von Briefings, die relativ klar schon formuliert, aber sehr umfangreich sind, wie zum Beispiel Corporate Design für eine kulturelle Einrichtung, wo man einfach noch mal mit einem Workshop erarbeitet: Was genau sind die Parameter, die wir erfüllen müssen? Und dann erstellen wir im nächsten Schritt ein umfangreiches Briefing, was genau beschreibt, was unsere Aufgabenfelder sind und wo wir durch diesen Workshop im Vorfeld klarer definieren können, was kommt da eigentlich wirklich auf uns zu. Damit wir uns da nicht verrennen und das hinterher völlig unwirtschaftlich ist. Und dann gibt es noch eine dritte Form von Angeboten, die sich auf Ausschreibungen bezieht. Das ist auch ein sehr umfangreiches Feld. Und da ist es so, dass das oftmals sehr komplex formulierte Anforderungskataloge schon von vornherein sind, die auch sehr viel Zeit erfordern bei der Aufarbeitung, wo aber meistens schon klar ist, welche Angebotspunkte werden benötigt und wo man dann immer gucken muss, in welchem Bewertungsfeld befinden wir uns? Was zählt mehr, Preis oder Referenz oder Entwurf? Und da bewegt man sich dann in diesen drei Kategorien, die irgendwie immer wieder aufploppen. Manchmal wünsche ich mir, dass wir da jemanden hätten, der uns dabei hilft. Weil das wahnsinnig aufwendig ist und einen echt von der Arbeit abhält. Das war im vergangenen Jahr echt wild und viel und zeitaufwendig. Vor allen Dingen diese Ausschreibungsthemen. Und das ist echt was, was man überhaupt nicht auf dem Schirm hat, wenn man Design studiert. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Wenn man sich selbstständig machen will, diese ganzen Themen mit Organisation, Projektmanagement, Angebotsblätter, dass man sich da auf jeden Fall von vornherein mit auseinandersetzt und auch guckt, was sind so die Preise am Markt. Es hilft einem auf Dauer nicht, wenn man einsteigt und Dinge sehr günstig anbietet und nach drei Jahren merkt okay, ja, ich habe jetzt hier so einen Kundenstamm, aber die sind echt durch meine Preise sehr verwöhnt, die sehr günstig sind. Mein Leben zieht jetzt an, ich muss jetzt die Preise erhöhen. So, dann kommt man in schwierige Situationen

Was total wichtig ist, ist ein Austausch mit unterschiedlichen Menschen. Also heißt mit seinen Kommilitonen, aber auch mit Leuten, die im Beruf sind. Natürlich ist Geld auch so ein Thema, wo viele nicht gerne offen drüber reden. Aber was es ja auch gibt, sind Empfehlungen vom BDG (Bund Deutscher Grafikdesigner), wo es schon so Preisblätter gibt und Empfehlungen. Die muss man vielleicht auch an manchen Stellen hinterfragen. Aber das sind ja schon mal Richtwerte. Und ansonsten hilft es einem auch einfach mal Stunden zu tracken und zu gucken: Wie lange brauche ich für etwas? Was kann ich vielleicht schneller, was kann ich langsamer umsetzen? Das ist bei Kreativprozessen immer so ein bisschen schwierig, weil man manchmal sofort eine gute Idee hat und schnell zu einem kreativen Ergebnis kommt, was einen zufrieden stellt. Manchmal hängt man so ein bisschen, aber deshalb ist es, glaube ich, ganz gut, trotzdem immer mal einen Timer mitlaufen zu lassen, damit man einfach das mal realistisch für sich selbst einschätzen kann. Man kann sich auch fragen, was sind so die Einstiegsgehälter, wenn man jetzt in eine Agentur gehen würde, was bekommen da Junior-Designer? Was steht da so auf dem Deckel? Das auch noch mal für sich in Relation zu setzen, weil diese Zahlen, die haben ja auch was konkret mit dem Leben zu tun. Man braucht ja auch irgendwie das Geld. Weil dafür macht man ja die Arbeit und da sollte man sich dann klar machen: was brauche ich? Was ist der Mindestwert, den ich brauche und wie erreiche ich das? Entweder über Stundensätze oder über geleistete Stunden. Weil das finde ich, vergessen viele am Anfang, dass man diesen Job natürlich macht, weil man sich gestalterisch auch verwirklichen möchte und Spaß daran hat. Aber man macht das auch, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Kaltakquise ist sehr, sehr hart, kann sich aber auch rentieren. Aber da muss man sich nicht viel vormachen. Also da braucht man vielleicht auch ein dickes Fell. Wir arbeiten auch viel im kulturellen Bereich, da sind natürlich Veranstaltungen wichtig. Heißt zu Ausstellungseröffnung, Theaterveranstaltungen, Festivals Leute treffen. Das ist superwichtig. Wir haben uns ein bisschen aufgeteilt bei uns. Ich kümmere mich vor allen Dingen um Ausschreibungsthemen, weil ich familiär so ein bisschen eingebunden bin. Mit zwei kleinen Kindern kann man halt nicht auf jeder Hochzeit tanzen. Das heißt, ich schaue, was gibt es für offene Ausschreibungen? Und meine beiden Partnerinnen, die sind halt dann wirklich vor Ort und treffen die Leute genau. Ansonsten. Es ist total wichtig, dass auch wenn man gerade genug Arbeit hat, das war unser Learning der letzten drei Jahre, dass man trotzdem am Ball bleibt und sich nicht in die Arbeit verkriecht, sondern parallel Akquise betreibt. Wenn die Arbeit dann erledigt ist und man ganz vergessen hat zu kommunizieren, dass man noch da ist, dann kann das manchmal schwierig werden. Ich glaube, wenn man so aus dem Studium kommt, ist es gut, vom Kleinen ins Große zu denken. Heißt ruhig auch erstmal kleinere Projekte machen im bekannten Freundeskreis. Um dann irgendwie sich ein Portfolio aufzubereiten, was halt reale Projekte beinhaltet, nicht nur Uniprojekte. Und sich von da aus herantasten an immer größere Dinge, denn zum einen lernt man viel dabei und zum anderen schafft man sich schon ein Portfolio. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Ich mache diesen Job total gerne. Ich mag vor allen Dingen an der Selbstständigkeit und wie wir uns jetzt aufgestellt haben, dass ich wirklich für Kundinnen und Institutionen arbeiten darf, die ich inhaltlich wahnsinnig spannend finde und da einen kleinen Beitrag leisten kann, dass die besser kommunizieren. Und das ist total erfüllend. Unsicherheit und Angst von jungen Menschen kann ich aber auch total nachvollziehen. Wir sind auch verunsichert durch die neuen technischen Entwicklungen, die Weltlage sowieso. Da brauchen wir jetzt nicht einsteigen. Aber es ist krass, weil ich habe vor zwanzig Jahren angefangen zu studieren. Und dieses Berufsfeld hat sich so unfassbar gewandelt in diesen zwanzig Jahren, in denen ich das intensiv beobachte und begleite. Das ist wirklich verrückt. Und ich glaube, diese Wandlung, die so vonstatten geht, die wird jetzt durch diese ganzen neuen technischen Dinge nochmal zunehmen. Das ist aber auch gleichzeitig eine Chance für uns als Designer*innen. Sich immer wieder neu aufstellen zu müssen, macht es auch spannend. Auch wenn es eine gewisse Unsicherheit beinhaltet. Genau deshalb bin ich sehr gespannt, was die Zukunft bringt und wie sich dieser Beruf in Zukunft wandeln wird. Ich blicke in das Jahr 2026 recht optimistisch. Ist doch eigentlich ganz gut. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Caroline Villis

→→ [...] Also ich glaube, ein Riesenvorteil von manchen Dingen, die sich gerade so entwickeln, ist, dass man komplexere und umfangreichere Projekte mit einem kleineren Team als noch vor ein paar Jahren entwickeln, umsetzen und betreuen kann. Und das ist zum Beispiel für uns als Agentur, die nicht so groß ist und als Studio ein Riesenvorteil eigentlich. Das ist auch nur eine Momentaufnahme, das wird sich auch wieder ändern. Es ist aber auch was, was man jetzt als Berufsstarter mitnehmen kann. Man hat viele Hilfsmittel, die einem den Weg in eine Selbstständigkeit auf jeden Fall erleichtern können. Die Frage ist, ob man das möchte. Ich glaube nämlich, es schadet auf keinen Fall eine gewisse Zeit wirklich, auch in ein Studio, in eine Agentur, in eine größere Agentur zu gehen. Weil dort lernt man so viel und bekommt so viele unterschiedliche Aspekte des Berufs mit. Und auch die Expertise von Leuten, die das länger machen, ist nicht zu unterschätzen. Das ist auf jeden Fall was, was man in Betracht ziehen sollte. Viele Leute, die möchten sich ja nach dem Studium direkt selbstständig machen. Das kann auch für einige gut funktionieren. Aber ich glaube, diese Erfahrung mitzunehmen von Leuten, die das schon länger machen, die ist richtig, richtig wichtig. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Caroline Villis, 13.01.2026

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: Also ich habe mein Studium hingeschmissen nach dem siebten Semester und habe angefangen beim Jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung, was im Nachhinein auch eine sehr gute Entscheidung war, auch wenn ich keinen Abschluss habe. Es hat mir nichts geschadet. Im Gegenteil. Ich habe einfach eine super Chance gehabt und sie ergriffen. Das würde ich allen empfehlen. Keine Angst vorm Experiment. ←←

→→ HANS: Ich bin hier über das Praktikum reingekommen und habe dann eigentlich schon gewusst, ja klar, wenn ich fertig bin, dann komme ich wieder hier hin. Ich stand daher nie vor diesem großen Moment, “Nächstes Jahr habe ich meinen Bachelor und dann weiß ich gar nicht, wohin mit mir." Ich könnte jetzt auch gar nicht sagen, was jetzt ein Ratschlag wäre für jemanden, der nicht weiß, wohin mit sich. Weil ich nie vor der Frage stand. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] HANS: Der Beruf des Designers oder der Designerin ist ja immer eine Dienstleistung. Du hast immer ein Gegenüber, egal ob das jetzt ein cooler Sauerteigbäcker ist in Neukölln oder ob das irgendein krasses mittleres Management in einem Riesenkonzern ist. Du hast immer ein Gegenüber. Und der Beruf des Designers Designerin: Ist der jetzt künstlerisch? ←←

→→ TOM: Ja und Nein. Es gibt bestimmt ein paar Aspekte, würde ich auch sagen. Aber halt nicht ausschließlich. Würdest du Kunst machen, würdest du es ja nur für dich selbst machen. Also mal ganz streng genommen. Und dann gucken, wo der Erfolg herkommt. Und dadurch, dass du immer ein Gegenüber hast, kannst du dich entscheiden. Bist du eher ein künstlerischer Designer oder eher so ein “Ich mach dir alles recht" Designer. Was übrigens eine Diskussion ist, die nicht nur auf Einzelpersonen zutrifft, sondern auch auf Agenturen. Wir stellen uns genau die Frage auch gerade. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: Wir hatten sehr lange eine, ich nenne es jetzt mal eine relativ kryptisch coole Webseite. Da stand der Name, sagte einem nichts. Dann kam da so ein Showreel, das schnell geschnitten ist und unten halt irgendwelche Instagram-Einträge, das war's. Dann gab es noch eine Info, da stand so ein bisschen verschwurbelter Text und dann kamen da irgendwie so fünf tausend Awards drunter. Das ist ja auch irgendwie so eine Ansage. Wir hatten ja noch nicht mal unsere Leistungen aufgeführt. Niemand, der jetzt nicht super Design-affin ist, konnte wissen, was wir überhaupt sind oder was wir überhaupt machen, wofür man uns überhaupt buchen soll. Das war für jemanden, der nicht design-affin ist, eigentlich nicht zu verstehen. Das muss man wirklich mal so sagen. Das haben wir inzwischen geändert. Jetzt sind wir gerade wieder an so einem Punkt, wo wir eigentlich überlegen: Drehen wir das wieder zurück, bleiben wir eher so kryptisch cool? Dass es eher die Insider checken. Und vielleicht aber auch die, die nicht ganz Insider sind, die aber auch das Coole haben wollen. Spricht man Kunden an oder macht man sich halt super erklärend verständlich? Durch diese Positionierung deiner selbst oder deiner Agentur hast du eigentlich schon eine Aussage getroffen zu diesen Battles. Du kriegst es gar nicht mit, weil das Battle ist auf Kundenseite. In dem Moment, wo die bei sich sitzen und sich überlegen, welche Agentur rufen sie jetzt an? Und im Optimalfall kommt da jemand, der bei dir gelandet ist, mit dem verstehst du dich so gut, dass es kein Battle ist. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] HANS: Eigentlich sollte es in einer guten Zusammenarbeit keinen Gewinner oder Verlierer geben, sondern es sollten nur Gewinner geben. Wenn man mit einem Kunden der Kundin diskutiert als Dienstleister, dann bricht man sich keinen Zacken in der Krone, weil die sind ja auch Experten auf ihrem Spielfeld. Es ist total okay, wenn die mal recht haben. Das muss man sich auch gegenseitig eingestehen. Man muss auch wissen: Wo sind die Kompetenzen auf der Kundenseite? Wo sind die Kompetenzen der Agenturseite? Und in der bestmöglichen Zusammenarbeit wird das gegenseitig erkannt und man wirft diese beiden Kompetenzen in einen Topf und dann gibt es gar kein Battle. Weil dann gibt es einfach ein geiles Ergebnis und das ist das, was man sich immer wünscht. Das findet aber nur statt, wenn die Leute sich für einen entscheiden. Ganz bewusst als Agentur hier anrufen und sagen: Hey, lass uns mal an den Tisch hocken, ich glaube, ihr seid genau die Richtigen und wir haben Bock, mit euch zu arbeiten. Bei geilen Matches gibt es auch keine Battles. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: Wenn junge Menschen zum ersten Mal in den Job einsteigen, dann kriegen sie zum ersten Mal etwas, was eigentlich ein Misserfolg ist. Oder ein Dämpfer? Oder weil irgendjemand findet irgendwas nicht gut, was sie machen. Das kann jetzt ein Kollege oder eine Kollegin sein. Es kann der Boss sein, das kann aber auch eben auf Kundenseite sein. Das spielt erstmal keine Rolle. Dann ist auf einmal was da passiert. Was, was viele noch nie mitbekommen haben. Und zwar einmal, weil dieses ganze Designstudium ja so ist, du musst einmal auf diese Schule kommen und ab dann ist es eigentlich ein smoother Ride. [...] Einmal habe ich einer Studentin von mir eine Zwei gegeben. Hat die sich beschwert bei mir? Hallo, eine Zwei ist gut. Dreier und Vierer darf man gar nicht geben. Da ist man der Henker. Das heißt, diese ehrliche Kritik. Dieses Scheitern, dieses Versagen. Auch das lernen junge Menschen tatsächlich nicht mehr so stark wie das vielleicht noch in der Zeit, an die ich mich erinnern kann, der Fall war.

Das hat übrigens auch ganz viel mit Social Media zu tun. Alle posten, ich habe was geschafft, ich habe den ersten Platz, ich habe einen geilen Job, ich habe eine super Ausbildung, ich habe einen super Preis auf zehn Kilometern, ich habe abgenommen usw. Niemand postet: Gestern habe ich mich wieder vorgestellt bei einer Agentur. Die haben mich abgelehnt. Mir geht es schlecht. Also das gibt es auch, aber das gibt es sehr, sehr selten. [...] Und deswegen ist es so, dass viele Menschen, die ankommen, auch in ihrem ersten Job erst mal mit diesem Scheitern klarkommen müssen. Man müsste fast sagen, dass man auch am Scheitern scheitert. Mir hat mal ein Freund aus einer Agentur, ungefähr mein Jahrgang, gesagt, "ich nehme niemanden mehr direkt von der Schule, die sollen überhaupt erst mal kurz einen Job woanders haben und dann sollen die das Ganze scheitern lernen und dann sollen die zu uns kommen.” Dann ist es super, dann können die konstruktiv umgehen mit Kritik, können daraus was machen. Im Idealfall wächst du an der Kritik und am Scheitern. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: Ich war ein absoluter Designnazi, als ich jung war. Ich habe mich mit Leuten im Gang angeschrien oder in Buchverlagen. Ich habe ganze Ordner vom Server gelöscht und den Papierkorb entleert und gesagt: Du musst mich nie wieder anrufen! Und so weiter. Ich war wirklich ein Despot. Das war aber in den neunziger Jahren ein bisschen mehr en vogue, würde ich mal sagen. Jetzt würde ich wahrscheinlich ganz viele Anzeigen bekommen oder sowas wegen ungebührlichem Verhalten. Aber damals habe ich das halt knallhart durchgezogen. Es war mir wirklich scheißegal und ich weiß auch, dass ich bei ein paar Institutionen gefühlt auf so einer schwarzen Liste stehe. Wenn der Ising anruft, "Oh Gott, oh Gott, was machen wir dann?" Aber ich habe das halt einfach durchgezogen. Ich habe mich extrem geändert. Das ist auch schon lange, lange, lange vorbei. Aber das war damals so der Weg und jetzt ist es so, wenn man jung ist und anfängt, dann muss man irgendwie schon so eine Waage halten. Zwischen “ich höre nicht drauf” und “ich lerne von allen etwas, um mich zu verbessern". [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] HANS: Der Beruf hat mit wenig anderen Dingen gemein. Die Ausbildung ist wahnsinnig Eingleisig und wahnsinnig eindimensional und danach wird es unfassbar divers. Als Kommunikationsdesigner*in kannst du in verschiedensten Formaten arbeiten, vom Ein-Person-Büro bis zur Riesenagentur, oder auf Unternehmensseite im Konzern. Du kannst künstlerischer sein, du kannst Dienstleister*in sein, du kannst handwerklich als Setzer arbeiten. Du kannst als Kreativdirektor quasi nie wieder deinen Computer aufmachen und große Reden schwingen. Da ist so viel Möglichkeit und diese Diversität bildet sich halt, finde ich, in so einem schulischen System, nicht so richtig ab. Die handwerkliche Komponente, die ganze Sache, das sind eigentlich die gleichen Sachen, die die Leute auch in der Ausbildung lernen. Die werden aber in der Ausbildung viel besser vermittelt, weil man sie in der Praxis lernt und nebenbei auch noch so Sachen lernt wie eben Umgang mit Kunden. Kritik findet in der Realität und angewandt statt. Ich frage mich, ob das Ganze nicht besser wäre, wenn Kommunikationsdesign ein Master wäre und davor gibt's eine Ausbildung. Und dann kann man entweder die Ausbildung machen, die ist quasi der Bachelor und danach wird es ein bisschen forschender und ein bisschen theoretisch. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass diese Praxisferne eigentlich blöd ist für die Diversität. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: Ich finde das Wichtigste ist eigentlich, dass auf Kundenseite ein klares Ziel da ist. Man kann über alles reden, viele Sachen können schwammig sein. Aber man muss wissen, in welche Richtung man läuft. Und das kann keine Agentur entscheiden. Ich würde mal sagen, man kann als Designer, wenn man ein gewisses Skillset hat oder ein gutes Team, alles möglich machen. [...] Die besten Briefings sind nicht sehr konkret, zumindest nicht im Detailgrad nach unten, sondern sie haben eine klare Aufgabenstellung und Zielführung. Ab dann zieht sich der ideale Kunde zurück, weil er ja mit uns Profis hat oder mit wem auch immer. Mit allen anderen Designern. Und ich meine, die schlausten Menschen überlassen den Profis den Job. Ja, also ich, ich stehe ja auch nicht neben dem Elektriker und sage immer “Boah, doch noch ein bisschen tiefer. Nee, jetzt noch ein bisschen links. Jetzt nimm doch erst den kleinen Schraubenzieher.” Warum? Ja, das ist der Profi. Und so gilt es eigentlich für jeden Beruf auf der ganzen Welt.

Ich kann auch noch aus dem Nähkästchen plaudern. Wir haben mal für die Swiss Re gearbeitet. Schweizer Rückversicherer. Wirklich Geld ohne Ende. Da gab es diesen Boss und der hat so scharfe Chilis gezüchtet in seiner Freizeit und der war so ein Typ der alten Schule und der hat einfach zu uns gesagt: “Ihr seid die Profis. Ich halte mich komplett raus. Ihr wisst, was wir wollen.” Es ging es um interne Mitarbeiterkommunikation. Er hat gesagt: “ Ich möchte gerne, dass alle ein bisschen näher zusammenrutschen. Ich möchte gerne, dass man irgendwie was erleben kann bei uns in den Gängen usw. Das ist nicht so kahl, ist nicht so karg, dass man so ein paar allgemeine gesellschaftliche Themen auch irgendwie so packt. Ein bisschen den Horizont erweitern.” So, das war sein Briefing und dann hat er nie wieder irgendwas gesagt. Der hat sich das natürlich angeschaut, kritisch, aber der hat nichts dazu gesagt, weil er uns vertraut hat. Und das ist nicht nur der ideale Kunde, sondern das ist eigentlich auch der ideale Chef. Das ist wie ein Fußballtrainer im Ideal. Du stellst dir halt dein Team gut auf und dann muss ich nichts mehr machen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] TOM: So divers der Beruf ist, so divers sind natürlich auch die Verdienstmöglichkeiten. Es ist wahnsinnig individuell und da spielen ganz, ganz viele Dinge mit rein. Im Optimalfall trifft man einen Arbeitgeber, da geht man ja hin, weil man sagt: Hey, die Leute gefallen mir. Es ist ein Match. Da sollte man gar nicht das Gefühl haben, über den Tisch gezogen zu werden, weil da will ich ja hin. [...] ←←

→→ [...] Auf Kundenseite sagt man immer, desto mehr der Kunde bestimmen darf, desto teurer. Wenn der Kunde nichts bestimmen darf, dann ist der Preis gut. Und wenn der Kunde ganz viel bestimmt, ist der Preis hoch. Und es kommt darauf an, wer der Kunde ist. Das ist eigentlich das, was auch viele Leute nicht wissen. Wir machen zum Teil die gleiche Webseite für fünf tausend Euro und für fünfzig tausend Euro. [...] Das ist die gleiche Arbeit, also die gleiche Kreativleistung, die gleiche Programmierleistung usw. Das eine ist ein fetter Immobilienkonzern, der auch längere Abstimmungsprozesse hat und der auch den größeren finanziellen Nutzen daraus zieht. Das andere ist ein einzelner Architekt, der ist schon ein bisschen älter, der hat schon ein paar gute Projekte gemacht. Der macht sich gerade wieder selbständig, weil der aus seinem Ding rausgeht. Er fängt bei Null an. Ja, der braucht auch eine Webseite usw. Kann ich dem jetzt das gleiche Angebot schreiben wie so einem fetten Immobilienentwickler? Auch wenn die Arbeit die gleiche ist. Das heißt, es ist wahrscheinlich Faktor zehn unterschiedlich, weil ich finde, es ist auch fair, wenn man jemand, der neu startet und es auch ein interessantes Projekt ist, dass man da auch den Umständen angemessen kalkuliert. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] Mach dir ein kurzfristiges, mittelfristiges und langfristiges Ziel und sei utopisch. Ja, also wenn du der beste Designer der Welt werden willst als langfristiges Ziel. Why not? Du musst dir Ziele setzen, weil sonst wurschtelst du einfach nur so vor dich hin. Sonst treibst du wie so ein Blatt im Fluss. Man sollte nicht alles dem Zufall überlassen, sondern man sollte sein Geschick schon auch selbst erkennen. Man muss die Dinge selbst in die Hand nehmen. Es gibt niemanden, der das für einen macht. Du bist auf dich selbst gestellt und ich glaube, dass man wahnsinnig viel investieren muss. Nicht Geld, aber Interesse, Fleiß, Genialität. Ich glaube, man muss vor allem in Zeiten wie heute, extrem über den Tellerrand hinausschauen. Der Beruf ist im Wandel, wie fast alle Berufe oder sehr, sehr viele Berufe und keiner kann jetzt sagen, wo uns das hinführt. [...]

[...] Zu der aktuellen Diskussion nach wie viel sollte man arbeiten? Vierzig Stunden, vier Tage Woche etc. usw. Ich glaube, wenn man etwas wirklich will, dann muss man auch richtig investieren. Wenn du eine geile Idee hast, ist es doch scheißegal, wenn die fünf Minuten dauert, dann bist du fertig. Lass den Rest vom Tag frei. Und so weiter. Aber ich glaube, um dahin zu kommen, dass man das überhaupt in fünf Minuten schafft, musst du vorher diese zehn tausend Stunden wahrscheinlich investieren. Und es ist halt die Frage: Jetzt kannst du das halt in einer vier Tage Woche machen, dann dauert es vielleicht, bis du 38 bist. Du kannst es aber auch in einer sieben Tage Woche machen. Dann bist du mit 25 vielleicht schon da. Das Investment kann man nicht skippen. Alle haben ja immer Probleme damit zu präsentieren oder sprechen vor großen Gruppen. Ich glaube, das ist so eine Grundangst der Menschen. Es gibt es einen klassischen Albtraum, dass man nackt vor einer Gruppe von Menschen steht. Das ist so ein wiederkehrender Albtraum. Wie vor etwas fliehen und man kommt nicht vom Fleck. Ich hatte das auch. Jeder hatte das. Ich bin immer noch super aufgeregt, aber mein Gott, ich verliere das, sobald ich irgendwie vor der Gruppe stehe usw. [...] Ich habe früher für ein Layout fünf Varianten gemacht, habe mir dann eine ausgesucht. Irgendwann machst du eine, weil du sofort weißt, ob das passt oder nicht. Und da sparst du extrem Zeit. Aber die Zeit, die Zeit musst du vorher erstmal investieren. Und da glaube ich, da glaube ich fest dran. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Herburg Weiland

→→ [...] Jetzt ist es die AI-Revolution. Kann man, glaube ich, so sagen. Die Umwälzungen sind gravierend. Es gab in unserem Bereich schon die sogenannte DTP-Revolution, die Desktop-Publishing-Revolution, wo alles von analog auf digital umgestellt wurde. Das war ein monströser Unterschied. Ihr müsst euch einfach vorstellen, um Layouts zu machen, egal was für eine Art, musstest du aus einem Schriftmusterbuch, wo Schriften in Schriftarten in verschiedenen Größen und Zeilenabständen gedruckt in dem Buch waren, mit einer Schere alles so breit wie deine Spalte sein sollte ausschneiden. Das auf eine Pappe aufkleben. Jede Spalte. Dann hast du Bilder dazu aufgeklebt. Dann hast du diese Pappe in den Litho gegeben und dort wurde das mit einer Maschine nachgesetzt. Müsst ihr euch mal vorstellen, wie lange das dauert. Jetzt stell dir mal vor, irgendjemand macht auf einmal das Ganze an einem Rechner. Das war ein Bruchteil der Zeit. Ein Fünfzigstel der Zeit würde ich jetzt mal schätzen. Ja, das ist genauso, wie wenn du ein Bild illustrieren musst, ein komplexes Bild. Oder du könntest das halt in zwei Sätzen promten. Ich finde, das ist von der Speed Beschleunigung ähnlich. [...] da gibt es nur eine Möglichkeit, was man damit machen kann: umarmen. [...] AI geht wahrscheinlich auch nicht mehr weg. Beschleunigung geht nicht mehr weg. Man kann das alles kritisch hinterfragen. Sollte man auch. Man sollte überlegen, wo es nützlich ist und wo nicht? Aber man muss es umarmen, weil sonst bleibt man auf der Strecke. Ist eine ganz einfache Rechnung. Die ganzen Menschen, die Pferde gefüttert haben und den Dreck weg gemacht haben und die Ställe in der Stadt bestückt haben, die waren alle arbeitslos, als das Auto kam. Aber jetzt kannst du dir angucken, wie viel die Autoindustrie an Arbeitsplätzen geschaffen hat. Ja und jetzt? Alles andere wissen wir noch nicht. Wusste man damals auch nicht. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Tom Ising und Hans Findling, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...] Und dann habe ich am ersten Tag Matze getroffen und wir fanden uns voll dumm, also auf einer oberflächlichen Ebene vielleicht interessant, aber wir haben uns gar nicht verstanden. Er war halt ein paar Jahre älter. War halt irgendwie schon in Berlin. Ich bin halt aus der Kleinstadt in die mittelgroße Stadt Karlsruhe gezogen. [...] Und der ist dann auch erstmal wieder abgehauen, weil seine Residency in Berlin ging länger und er ist dann ein Jahr danach mit eingestiegen, war dann quasi wie so ein Semester oder ein Jahr unter mir. Das heißt, wir hatten auch kaum in dem Foundation-Jahr miteinander zu tun. Ja, wir hatten kaum Überschneidungspunkte. Dann schon im Laufe der Zeit. [...] Dann haben wir unser Diplom angefangen zu machen und ich saß mit ihm in einer Bar noch mit anderen Leuten und er meinte dann so: Ja, ich brauche Hilfe. Ich kriege es nicht alleine hin. Und fast schon rhetorisch habe ich gesagt: Ja, ich kann dir ja helfen und hatte eigentlich gehofft, dass er es nicht annimmt. Und dann? Dann hat er das Angebot aber angenommen. Und dann haben wir tatsächlich gemerkt: Hey, wir können ja nicht nur gemeinsam feiern gehen, sondern wir können auch gemeinsam arbeiten. Und das hat sich total gut ergänzt irgendwie.

Das ganze Studium über war ich sehr, total so auf einer ganz klassischen, printlastigen Swiss-Heavy-Graphic-Design-Schiene unterwegs und habe mich da auch sehr sicher gefühlt und wollte da auch nicht so ausbrechen. Zu der Zeit hat sich das angefühlt wie das kann ich, das interessiert mich, das möchte ich machen. Und Matze war immer schon etwas offener und freier unterwegs mit den Projekten, die er im Studium gemacht hat. Deshalb haben wir uns inhaltlich nicht so sehr überschnitten. In der ersten Zusammenarbeit haben wir gemerkt: Hey, genau das, was der andere macht, brauchen wir eigentlich voneinander. Diese Differenz hat so gut zusammengeklickt, dass wir ein paar Monate später einfach, wirklich ziemlich voreilig entschlossen haben: Hey, lass einfach ein Studio gründen. Wir haben das ein bisschen mitgekriegt, auch im Umfeld, dass andere Leute das gemacht haben. Und wir waren extrem, wirklich extrem gelangweilt davon, wie lange das zum Teil dauert, sich für einen Namen zu entscheiden und irgendwie zu überlegen, was will man eigentlich machen? So sehr, dass wir uns entschieden haben, es muss alles an einem Tag entschieden werden. Der Name, das Firmenlogo, eine Mini-Mini-Webseite und einmal einen Satz, den man sich irgendwie hinknallen kann. Das haben wir dann auch durchgezogen. Gegen die Idee, dass man Sachen auf eine bestimmte Art machen muss, damit sie auch gut sind. Das ist eigentlich der Anfang. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...] Im Studium hat man natürlich extrem viele super wichtige Sachen und auch spannende Sachen gelernt, die sich aber alle auf Gestaltung als künstlerische Praxis beziehen, weniger auf Gestaltung als Beruf, der mir Geld aufs Konto bringt. Und das betrifft natürlich alles von: Wie mache ich überhaupt ein Angebot? Kann ich als soloselbstständige Person arbeiten? Was bedeutet eine Steuernummer und eine Steuer-ID? Also komplett die Basics bis hin zu: Wie kann ich mich so positionieren, dass ich meine Ideen auch in einer Art Verkaufsgespräch vertrete, was ja Präsentationen mit Kundinnen in der Theorie oftmals sind. Wie kann ich meinen Wert selbst erkennen und etablieren? Wie kann ich überhaupt irgendwas machen, was über ”ich mache jetzt irgendwie ein cooles Poster” hinausgeht? Das hat uns total gefehlt. Aber dadurch, dass man ja auch nicht weiß, wie viel man nicht weiß, hat man da auch nicht so mega die Angst vor. Deshalb hatten wir da am Anfang natürlich einige Struggles, aber nicht so, dass man dann gemerkt hat: Oh, da weiß man ja so wenig, dass man damit gar nichts machen kann. Sondern es war immer so: Hey, jetzt kommt der Moment, wo man Angebote schreibt. Dann sind die ersten Angebote extrem, extrem, zu billig, viel zu billig. Und das ist immer noch ein Problem. Kurzes Framing zu allen meinen Aussagen. Ich sage auch nicht, dass du irgendwas davon zu 100% gelöst haben wirst. Es ist ein Ongoing-Ding. Wir sind ja auch noch relativ jung und das ist immer, immer ein Thema und ich glaube, das hätte ich gerne gewusst. Und ich glaube, das wird einem bewusst nach so ein paar Jahren, dass man da immer dazulernen und sich weiterentwickeln muss. Um auch Fehler, die passieren, nicht noch mal auftauchen zu lassen oder auch mit immer komplexer werdenden Strukturen umgehen zu können. Ja, je nachdem, auf welchen Skalen man eben arbeitet. Und auch ein bisschen mehr Offenheit dazu hätte ich mir gewünscht. Vor allem im Kontext zu zum Beispiel Inputvorträgen in der Uni von Leuten, oder Studios, die vorbeikommen und ihr Portfolio präsentieren oder ihre Arbeit präsentieren. [...] Dieses so total shiny nach außen cleane Produktprojekt so Dokus zeigen ist gar nicht mehr so das Ding. Zu unserer Studienzeit war das eigentlich 99% Prozent der Fälle so, ein Studio kam rein, hat super coole Sachen gezeigt, man saß als Studierende da und war so okay, aber wie zur Hölle soll ich denn jemals an diesen Punkt kommen? Von den Designskills mal ganz abgesehen. So was Cooles kann ich nie machen, da komme ich nie hin. Und diese ganze Frage drumherum, dass auch Struggles dabei sind und Zweifel und auch Sachen schiefgehen, das hat einfach komplett gefehlt. Wir haben nur so eine Oberfläche präsentiert bekommen. Das hätte ich gerne anders gehabt. [...] ←←

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Shortnotice Studio

→→ [...] Tipp Nummer eins: Immer erstmal eine Konversation haben, bevor man Angebote schickt. Selbst wenn die Anfragen per Mail kommen und zum Teil schon gut ausformuliert sind und man theoretisch schon ein Angebot machen könnte: immer erst ein Gespräch führen. Wie fühlt sich das Gespräch an? Werde ich in meiner Position insgesamt schon auf eine Art Ernst genommen? Ist Verständnis dafür da, dass ich eine Leistung verbringe, die potenziell einen Mehrwert bringt und dann auch so was auszuhorchen wie: Seid ihr irgendwie publicly funded? Habt ihr einen Förderantrag, auf dessen Eingang noch warten müsst? Ist es ein gewinnbasiertes Unternehmen und deshalb ist Geld da? Gründet sich gerade irgendwie jemand neu, braucht eine CI und ist eigentlich gar kein Geld da? Usw usw. Also so ein bisschen herauszuhorchen: Wie steht es denn im Finanziellen insgesamt und wie sehr ist das Wissen und die Wertschätzung für Design? Wie habt ihr bisher grafische Prozesse erlebt? Man gibt vor, das wäre das Gespräch, um dem Kunden zu erlauben, einen kennenzulernen. Aber letztlich ist es eigentlich ein bisschen andersrum und es ist ein Aushorchen.

Empfohlen wird eigentlich zum Beispiel nicht, dass man unterschiedliche Tages- oder Stundensätze hat. Ja, aber die Realität sieht dennoch so aus, dass man sie häufig anpasst. Aber ich versuche trotzdem mal bei dem einen Punkt zu bleiben. Unser Tagessatz momentan ist wahrscheinlich immer noch viel zu niedrig, aber wir sind gerade bei 600€. Ich weiß auch, das ist aus Studierendenperspektive erst mal sehr viel Geld. Wenn man das Ganze aber durch drei teilt und dann die Steuer abzieht und Fixkosten abzieht, bleibt davon wahrscheinlich nicht mehr sehr viel übrig. Zumal man auch fix davon ausgehen kann, dass niemals jeder Werktag im Monat abzurechnen ist. Die interne Arbeit, Buchhaltung, das Studio putzen… Wir können uns zum Beispiel jetzt gerade keine Putzkraft leisten. So, dann muss man doch noch mal irgendwo hinfahren, irgendwelche Sachen abholen, dann hat man mal einen Zahnarzttermin, dann geht eine Besprechung länger, dann sind Vorabmeetings, die zu keinem Job führen, die unbezahlt sind, natürlich. Das heißt, die wirklich abrechenbare Zeit am Tag, die ist eigentlich relativ klein. Und selbst wenn man es dann schafft, den Tagessatz abzurufen und genau in der antizipierten Zeit, die man angegeben hat, zu bleiben, dann kommt man bei einem Stundensatz raus. Die Realität ist aber häufig, dass man tendenziell etwas länger braucht, als man denkt, weil einfach sehr viele Faktoren unvorhergesehen sind. Kommen zum Beispiel Inhalte verspätet für ein Buch oder sind total fehlerbehaftet, dann sind’s halt nicht zwei Korrekturen, sondern acht. Und dann kannst du auch nicht sagen, ja, sind jetzt halt zehn Tage mehr. Wenn das Budget insgesamt nur zehn Tage ist. Es ist jetzt ein extrem krasses Beispiel natürlich. [...] ←←

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Shortnotice Studio

→→ [...] Gefühlt wird man immer in die negativste Ecke gesteckt. Künstler, Künstlerin ist man, wenn man nicht schnell genug oder präzise genug herausfühlen kann, was der andere will. Und Dienstleister ist man, wenn man nicht genau den Ton trifft, den man treffen soll. Also so ein bisschen dazwischen. Aber ich würde trotzdem sagen, zum allergrößten Teil sind wir da wirklich irgendwo in der Mitte mit Schwenk nach links und rechts. Was aber auch für uns total fein ist, weil wir, glaube ich, uns in einem dieser Pole nicht wohlfühlen würden und es aber auch anstrengend ist, immer sehr arg zu sein und gut mal Sachen abzuarbeiten. Mal Dienstleister zu sein ist auch völlig in Ordnung, weil am Ende ist es auch einfach Arbeit. Die ganze Erfüllung aus dem Job heraus zu bekommen ist natürlich schwierig, auch wenn wir das häufig versuchen. Irgendwann lässt man auch ein bisschen sein Ego raus. Es ist nicht jeder Job mehr das Baby und nicht alles muss hammer-mega-krass sein. Es ist aber auch sehr schmerzhaft. Also fand ich zumindest eine längere Zeit. Wenn man es aufbereitet, für einen Post oder für das Portfolio. Man sieht, dass es noch viel geiler wäre, wenn die uns einfach hätten machen lassen. Mittlerweile ist mir das ein bisschen egal. [...]

→→ Im Studium gab es eine intensive Konzeptphase. Es wurde extrem viel Wert auf Konzept gelegt und extrem viel in die Tiefe gegangen. Wenn man ehrlich ist, hat man selbst da häufig nicht alles in der Gestaltung wiedererkannt, wenn man es nicht wusste. Also wenn ich jetzt nicht in der Semesterpräsentation nebenan stehe und meinen Konzepttext vortrage, hätte man vielleicht nicht diese ganzen Punkte darin gesehen. [...] Und dann kommt natürlich auch dazu, dass wenn man Auftragsarbeiten zusammenarbeitet, man die Inhalte nicht immer 100% beeinflussen kann. Ja, wenn dann kack Bilder kommen oder langweilige Texte, dann kannst du die auch nicht wegzaubern. Genau deshalb würden wir uns da in dem Spektrum auf jeden Fall auch – nervige Aussage – sehr fluide verorten, weil es ändert sich die ganze Zeit, je nach Auftrag und auch je nach Laune. Und auch wenn man mal nicht so Bock hat, dann macht man eher Dienst nach Vorschrift, um sich dann auch erlauben zu können, zu einem anderen Zeitpunkt mal mehr Energie und Effort da mit reinzubringen. [...] ←←

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Shortnotice Studio

→→ [...] Da gibt es auch keine Lösung. Bei manchen Prozessen haben wir so vorgefertigte PDF-Sheets für die Kundinnen, so kann man zum Beispiel sagen: so und so müssen Inhalte vorbereitet werden. So und so möchten wir gerne, dass ihr die Korrekturen im Acrobat Reader kennzeichnet, damit es nicht komplett chaotisch wird. Aber für jedes Szenario, was man vorbereiten kann, gibt es wieder zwanzig, die nicht vorzubereiten sind. Ja, und dann wird die Übersetzerin krank oder der Autor springt ab. Man kann es sich nicht vorstellen. Es ist jedes Mal immer wieder irgendwas. Immer. Wir sind halt alle Menschen. Und weil bei vielen Gestaltungsprojekten einfach sehr viele Menschen beteiligt sind, ist diese Human-Error-Quote einfach bei zwanzig, dreißig Prozent wahrscheinlich. Das summiert sich. [...]

Es hängt auch sehr stark von der Persönlichkeit der Kund*innen ab. Manche Leute lieben es, eine Vorschrift zu bekommen, wie sie Sachen vorzubereiten haben. Andere fühlen sich davon extrem überrumpelt und finden es auch total unsexy. Deshalb wünschte ich, wir hätten da auch ein fixes System. Was wir aber tun, ist zumindest auf unserer Seite Ordnung zu halten: unsere Ablage, unsere Ordnerstrukturen, unsere Verwaltung sind extrem gestreamlined. Sobald bei uns Sachen abgelegt werden, gibt es ein ganz, ganz klares System, nach dem alles funktioniert. Wir haben Jobnummern, also Jobnummer 100 zum Beispiel, der Ordner heißt 100, darin ist ein Admin-Ordner, da ist ein Ordner, wo die Inhalte reingelegt werden, da ist ein Design-Ordner, Druck-Ordner. 100 ist auch das Kürzel für unsere tolle App, mit der wir unsere Zeit tracken. 100 ist auch jeder Kalendereintrag, der eingetragen ist zu diesem Auftrag. Also nur als Beispiel. Diese ganzen Anknüpfungspunkte erlauben eben auch, dass wir im Team switchen können, wer woran arbeitet. Wir haben immer einen Projektmanager bei uns, der die Verantwortung übernimmt in der Kommunikation. Aber wir delegieren dann, wo es möglich und nötig ist, auch an jeweils andere Personen weiter, wenn wir Support brauchen oder mal eine Abwechslung. Was von außen kommt, kannst du nicht verhindern. Du kannst dich nur irgendwie adaptieren, indem du intern Strukturen und Grundlagen festlegst, die dir ermöglichen, das abzufedern. [...] ←←

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Shortnotice Studio

→→ [...] Ich war echt so: Hey, kein Mensch, kein Mensch wartet auf eine weitere Gestalterin, die nach Berlin kommt. Und ich war [...] 100% überzeugt: Nobody gives a Fuck. Aber hier in Karlsruhe bleiben bringt halt auch nichts. Zumindest für die Übergangszeit suche ich mir halt einen Freelancejob, um irgendwie anzukommen. Irgendeine Grundlage zu haben, finanziell. Und dann schauen wir mal. Matze war in der Zeit auch in London. Und tatsächlich, so nervig es klingt, habe ich es dann geschafft, relativ schnell in dieser Berlin-Design-Bubble Leute kennenzulernen. Einfach weil ich für dieses andere Studio gearbeitet habe und in diesem Studio-Raum sehr viele andere Designstudios waren. Da war zum Beispiel auch Dinamo, da saß Node, da war Dan Solbach, da saß Pascal Storz, Helmut Völter, ungefähr die halbe Bubble. Ja, und Matty war in London und hat über das andere Studio und über seinen Partner, der auch Künstler ist, einfach relativ viele Artists in London kennengelernt. Ist auf jede Veranstaltung, auf jede nervige Vernissage gerannt, auch wenn man eigentlich nur einen Wein abgreifen wollte. Egal. Trotzdem hingehen. Dann hat es sich so ergeben, dass wir diese beiden Bubbles aufgebaut haben. Und ähnlich wie unser Studienstart, hatten wir in unseren Netzwerken eine relativ geringe Überschneidungsmenge. Also als Studio haben wir natürlich ein sehr breites Feld, aber ich kenne immer ganz andere Leute als Matze und gemeinsam kennen wir eigentlich tatsächlich gar nicht so viele Leute und das ist einfach ein extrem großer strategischer Vorteil. Der sich aber leider nicht so wirklich planen lässt. Ist einfach ein bisschen eine Zufallssituation, eine sehr glückliche Situation. Aber die hat eben verursacht, dass wir aus diesen beiden Feldern entweder Supportanfragen bekommen haben, so: Hey, kannst du mich unterstützen bei dem Projekt oder: Hey, ich bin Künstler, ich will eine schnelle Artist-Website, hättet ihr Bock das zu machen für 200 Pfund? Und wir so? Ja, natürlich. Machen wir sofort! Wir konnten bzw. wir können ja immer noch nicht coden. Trotzdem machen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...] 2020 haben wir wirklich angefangen mit Shortnotice Berlin, London. [...] Wir haben davor nichts Digitales oder Web-lastiges gemacht. Gar nichts. Mich hat das null interessiert. Ich habe einen HTML- und CSS-Kurs in der Uni gemacht und dann abgebrochen. Das hat mir keinen Spaß gemacht und dann haben wir über WordPress halt so basic Sachen irgendwie versucht zu layouten um dann so ein bisschen das Editorial einfach ins Web zu bringen. Wir haben ja keine hyperkomplexen Seiten gebaut, sondern einfach nur so ein paar Portfolio-Seiten. Wir waren uns auch nicht zu schade dafür, irgendwie Sachen neu zu lernen und auch vielleicht noch nicht auf dem Level Sachen umsetzen zu können, wie wir es eigentlich theoretisch im Print gekonnt hätten. [...] Und auch total schlecht bezahlt. Aber egal, weil sonst kommt ja eh gerade nichts rein. Und dadurch, dass wir noch bei anderen Studios waren, konnten wir es uns auch leisten. Dann mit extrem extrem Mini Mini Mini Budget Aufträge anzunehmen. Es war dann am Anfang erstmal nur ein Freund, dann ein Freund von einem Freund, dann ein Bekannter von einem Bekannten und dann kannte man die über zwei Ecken oder so und so ist es eigentlich nach wie vor auch immer noch, dass sich allermeistens von einem Job ein oder zwei weitere Sachen ergeben. Und unser Netzwerk, das wir haben, empfiehlt uns auch weiter, und ist im Austausch mit Kurator*innen die wieder Projekt XY machen usw usw. Und so hat’s sich ergeben, dass wir tatsächlich – also wirklich knock on wood, ich weiß auch nicht warum wir haben, wir machen das jetzt nicht irgendwie krass besser als Leute, bei denen es nicht so läuft, das kann ich komplett sagen, es hat nichts mit Skills zu tun, das ist nicht ein Geheimtrick, den ich jetzt nicht sagen kann oder so – es hat sich einfach so ergeben, dass wir bisher noch keine Akquise machen mussten. Ich weiß nicht warum. Es ist einfach random. Wirklich komplett random. Und auch nicht replizierbar. Es ist kein Trick dabei. Es sind einfach extrem viele Zufälle. Wir kennen sehr viele Leute, haben im richtigen Moment die ausversehen richtigen Entscheidungen getroffen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...] Mit der Zeit ergeben sich größere Aufträge, die besser budgetiert sind und wir nicht mehr 10.000 Sachen machen müssen, sondern halt nur fünf oder so. Und dadurch ermöglichen sich auch ganz andere logistische, finanzielle Freiheiten. Also wir verdienen jetzt natürlich schon besser als vor ein paar Jahren, aber wir sind auf jeden Fall nicht an dem Punkt, wo wir denken, okay, jetzt fängt es an, dass es sich lohnt. Und das hat auch ein bisschen krass. Weil wir wollen, wenn es irgendwie geht, unser Studio weiter aufbauen und dann zeitmäßig, nicht verantwortungsmäßig, etwas reduzieren. Mehr Quality-Time mit Entwurf und Delegation und Feedback und schauen, dass das Bigger Picture läuft. Weil gerade sehr viel unserer Zeit gefressen wird, Brände zu löschen, wenn man doch eigentlich voll gerne einfach ein Konzept an dem Tag für Projekt XY gemacht hätte.

Man ist nach außen hin das Studio, das die coolen Jobs macht und nach innen hin ist man total oft gestresst und genervt von Sachen. Also wir sind da wirklich am Struggeln, aber wissen das auch. Weil wir so viel machen. [...] Aber tatsächlich kommt dann als Ersatz für die kleinen Sachen halt größere Sachen und wir regen uns eigentlich die ganze Zeit gleich viel drüber auf. Das ist ein Prozess, der extrem viel Kommunikationsaufwand in sich beansprucht. Es muss immer wieder nachbesprochen werden. Kleine Check-ins. Hey, ist alles okay? Auch ein bisschen antizipieren. Morgen wird es stressig bei der anderen Person, kann man irgendwie irgendwas tun, was das ein bisschen einfacher macht oder auch für einen selbst? Hey, kann ich auch einfach zehn Minuten früher gehen als du? Ja, also das sind so kleine kleine Sachen, die man sich rausnehmen muss. Und ich glaube, je nachdem wie sehr People pleasing man ist, fällt einem das leichter oder weniger leicht. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Shortnotice Studio

→→ [...] Man muss auch einfach vorsichtig sein, wen man sich anlacht. Das ist aber auch gleichzeitig eine sehr, sehr privilegierte Aussage. Es ist auch nicht so, als würden wir immer die schlausten Entscheidungen treffen oder auch im Vorfeld erahnen können, wie das läuft. Das versuche ich auch die ganze Zeit auf jeden Fall zu betonen. Dass wir nach wie vor immer wieder Sachen falsch machen, immer wieder die gleichen Fehler machen, wo wir eigentlich wissen: Hey, das wollen wir eigentlich nicht mehr machen. Ja, aber wenn dann das Szenario ganz bisschen anders ist, dann hat man es wieder. Dann erkennt man es nicht rechtzeitig. Man geht über die eigenen Grenzen. Man traut sich nicht, sich einzugestehen, dass jetzt gerade was schief läuft. Man sagt nicht rechtzeitig was. [...] Ich habe das auch Ongoing. Das ist auch einfach normal. Wenn alles nach so einem genauen Schema laufen würde, dann könnte man das ja irgendwo einmal nachlesen und einfach so durchziehen. Also ich habe jetzt keinen Zweifel an uns als Studio und ich weiß auch de facto, dass Leute unsere Sachen cool finden. Ich weiß, dass de facto Leute sich bei uns bewerben, die ganze Zeit für Praktika und Jobs und so. Ich weiß, dass Leute die Gestaltung cool finden und es irgendwie gut finden, dass wir ein Studio haben, was wir für Jobs machen und so. Das ist also wieder dieses Ding, so Reality-Check mäßig. Man sieht es selber dann nicht. Man regt sich nur auf über das und das. Man hat sich da und da wieder komplett überarbeitet. Ja, man, man findet es irgendwie scheiße, was man gemacht hat oder man weiß oh man, wenn ich jetzt da einmal ein bisschen präziser formuliert hätte, wie es aussehen soll, dann wäre es vielleicht besser geworden.

Instagram versus Reality ist auch so ein Ding. Ich weiß natürlich nicht, wie meine Außenwahrnehmung ist, weil ich uns ja nur intern sehen kann. Aber ich kann mir vorstellen, vielleicht ansatzweise, alles ist fun, wir sind total locker. Das ist eine Repräsentation von unserer Idealvorstellung. Wir sind natürlich auch auf eine Art locker und fluide und so, aber da ist auch sehr viel Pain dabei und sehr viel Struggle und und es ist nicht alles easy. Dieses Jahr haben wir von Mai bis September oder August zufälligerweise, obwohl wir theoretisch auf dem Papier genug verdient hätten, vier Monate lang keinen Cent reingeholt. Hat einfach keiner die Rechnung bezahlt. Das kam dann alles auf einmal. Also es war de facto nicht zu wenig Verdienst. Alles okay. Aber vier Monate lang ging quasi kein Geld ein. Und was am Ende bei rauskommt, ist noch nicht mal beim Durchschnitt, sondern beim Medianeinkommen von normalen akademischen Deutschen. Wir können uns irgendwas zwischen zwei, zwei und zwei, vier auszahlen pro Person. Wir können davon alles zahlen. Aber es ist einfach crazy, wie viel man arbeiten muss, dass das rauskommt. Auch sicher selbst zum Teil mit verschuldet, weil wir zu billig sind und man lernen muss, wie wir teurer werden. Nicht teurer, sondern nachhaltiger. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Sascia Reibel, 03.12.2025

Conversation Taking Place

→→ [...] Es gibt natürlich gewisse Basics. So ein Standartsatz, der glaube ich überall drin sein sollte. Aber für mich ist wichtig zu betonen, dass genauso wie kein Projekt immer das gleiche ist, auch das Vor- und Nachspiel nie das gleiche sein kann. Das bedeutet für mich, ein Angebot zu schreiben ist teilweise wirklich eine Kunstform. Das kann extrem detailliert, genau und clever sein. Es legt den Grundstein einer Zusammenarbeit. Da kommt es dann natürlich auch immer auf andere Faktoren an. Also betreibt man viel Aufwand für eine Offerte, wo man nicht weiß, ob man den Job bekommt, weil es zum Beispiel eine Ausschreibung ist. Das sind alles Faktoren, die sowas beeinflussen. Nicht jede Offerte sollte, sage ich mal, wirtschaftlich betrachtet, die gleiche Aufmerksamkeit bekommen. Aber was bedeutet es genau, eine Offerte zu schreiben? Da schreibst du ja nicht nur rein: Das möchte ich für meine Arbeit. Sondern viele vergessen, da auch reinzuschreiben: Was möchte ich von den Kunden eigentlich haben? Was brauche ich für meine Arbeit? Was ist das gemeinsame Outcome?

Und neben so Sachen wie deinem Stunden- oder Tagessatz, gibt es auch flexible Momente, wo man betrachten muss, was für Chancen dieser mögliche Job in sich trägt. Ich habe zum Beispiel mal einen Auftrag für eine Corporate Identity für ein Musikfestival bekommen. Und beispielsweise eine Corporate Identity für ein anderes Unternehmen. Und nur, weil das beides Corporate Identities sind, bedeutet das nicht, dass es die gleichen Offerten sein müssen. Für das Musikfestival habe ich Gott sei Dank geschnallt, dass die Musikindustrie natürlich auch viel mit Licensing arbeitet. Die sind es viel mehr gewohnt, Lizenzen für Musiktitel usw zu zahlen oder irgendwelche Artists unter Vertrag zu nehmen. Angebote schreiben begrenzt sich nicht nur auf das tatsächliche Angebot schreiben, sondern auch darauf zu verstehen: wer ist mein Gegenüber und mit wem werde ich zusammenarbeiten? Und das bedeutet, dass Offerten und Angebote wirklich grundverschieden aussehen können. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Conversation Taking Place

→→ [...] Ich hatte mal eine Anfrage von einem sehr bekannten Fashion-Unternehmen. Wo man wusste: Geld spielt erstmal keine Rolle. Ich habe mit denen über drei Monate lang nur Verträge geschrieben. Es ging hin und her. Das war eines der erschütterndsten Erlebnisse in meiner bisherigen Laufbahn, weil ich zwischenzeitlich Leute einstellen musste, die für mich weiter Projekte machen und ich tatsächlich nur mit diesem Projekt-Angebotsschreiben beschäftigt war. Um mir aber auch den Arsch zu retten, wenn es ernst wird. Das eine ist natürlich zu sagen: Toll! Ich bekomme eine Anfrage von einem total renommierten Unternehmen und da spielt Geld keine Rolle und man kann da irgendwie total toll seine Arbeit machen. Und da fängt dann erst an, dass die Fassade bröckelt. Je höher und besser die Anfragen werden, desto mehr muss man sich auch absichern. Am Ende hat mir das wahrscheinlich meine Karriere gerettet. Ab einem gewissen Zeitpunkt habe ich gesagt, unter diesen Bedingungen kann ich meine Arbeit nicht verrichten. Das hat zu tun gehabt mit kompletten Buyouts, komplette Lizenzübernahmen, die aber gekoppelt waren mit dem Anspruch, dass ich weiter haftend bin für irgendwelche Lizenzverletzungen und so weiter. Wenn die ganzen Lizenzen und Nutzungen gekauft werden, muss auch die Haftung damit übergehen. Das haben die nicht mitgemacht. Es ging immer hin und her mit Anwälten. Irgendwann habe ich gesagt: Okay, scheinbar drehen wir uns jetzt hier gerade im Kreis. Das wäre ein total tolles Projekt gewesen. Das hätte mir vom Umsatz her wahrscheinlich zwei Jahre normal arbeiten gerettet. Und das wichtigste Learning war einfach da auch Nein zu sagen und zu sagen: Okay, diese Summe, die hier auf dem Papier steht, die ist erst real, wenn die auf meinem Konto ist. Also sich auch nicht ködern zu lassen und auf seine Prinzipien und Möglichkeiten zu beharren. Und ich glaube, ein dreiviertel Jahr später bin ich auf die Knie gefallen und habe den Boden geküsst, weil ich mitbekommen habe, dass die Firma, die es letztendlich gemacht hat, von denen verklagt wurde, nachdem der Job gemacht wurde. Und da habe ich drei Kreuze gemacht und mir gedacht: Wie professionell war das in dem Moment Nein zu sagen? Davon kriegt niemand was mit. Nichts ist in meinem Portfolio oder so gelandet. Nichts von diesem Ruhm, den man vielleicht gerne geerntet hätte. Einfach nur, um den Namen ins Portfolio zu schreiben. Davon kriegt niemand etwas mit. Aber die Experience und diese Bestätigung, dass es wirklich sehr viel bringt, sich damit auseinanderzusetzen, was in solchen Angeboten steht, sich auch wirklich dann Hilfe zu holen bei Leuten, die sowas ähnliches vielleicht schon mal gemacht haben, ist unglaublich wichtig [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Conversation Taking Place

→→ [...] Frust kann erst entstehen, wenn man über seine eigenen Grenzen geht. Dann entsteht Frust. Wenn man die Zähne zusammen knirschen muss und sich denkt: Ach, das habe ich dem jetzt durchgehen lassen. Aber die Dankbarkeit, die kommt nicht zurück. Ja. That's reality. Die wird nie kommen. Das ist, glaube ich, was nirgendwo, in keinem Aspekt, Berufsleben oder Privatleben, anders ist. Man muss, glaube ich, lernen, nicht nur Grenzen zu kommunizieren, sondern vor allem die eigenen Grenzen abzusichern und durchzusetzen. Und dafür kannst nur du selbst verantwortlich sein. Und das bedeutet auch nicht, konfliktscheu zu sein. Das würde dann in der Realität bedeuten, wenn Kunden nicht zahlen, gibt es eine Konsequenz wie überall im Leben. Die Angst ist ja immer so: Oh nein, ich verliere den Job dann. Das ist eine sehr, sehr geringe Realität. Diese Angst ist erstmal eine Angst. Das ist erstmal nicht Realität. Und ich sehe das bei ganz vielen Leuten. Bei mir ja auch. Ich habe die gleichen Ängste und Sorgen. Und das entscheidet letztendlich über Erfolg oder Misserfolg in der Zusammenarbeit. Wie gut kann ich vorher meine Grenzen kommunizieren? Viel Verantwortung liegt auch bei uns in der Nichtkommunikation. Wenn ich möchte, dass mein Kunde mir Bilddateien oder Daten überliefert in einem gewissen Format, in einer gewissen Ordnerstruktur, damit ich weniger Arbeit habe oder mich mehr freue, damit zu arbeiten, dann kann man das definieren. Was man nicht machen sollte ist, Leute dann später damit überraschen und sagen: Warum hast du mir das nicht geschickt? Na, wenn es niemand weiß, dass man es so haben möchte, dann kann man es auch nicht bekommen.

Also das ist so die Nummer eins. Nummer zwei ist, in jedem Projekt gibt es ja vorher wahrscheinlich ein Briefing oder so. Also selber zu wissen, was ich möchte. Wenn ich weiß, ich werde mit einem potenziell schwierigen Kunden zusammenarbeiten, ist es umso wichtiger, sich das auch schriftlich zu geben. Ich arbeite erst mit dem Material, wenn A und B passiert ist und das steht im Angebot. Und wenn das nicht passiert, dann ist die Konsequenz daraus, dass der Projektzeitplan sich verschiebt. Und dafür bin ich nicht verantwortlich. Und so weiter. Im Selbständig sein oder im Freelancer-Dasein würde ich mal sagen, nimmt die wirklich kreative Arbeit einen so geringen Teil ein. Das sind vielleicht zehn Prozent oder so von einer ganzen Woche oder von einem ganzen Tag. Das andere ist People Management. Nicht nur andere Leute zu managen, sondern auch sich selbst zu managen. Und eben sich im Klaren darüber sein: Wenn ich das so haben möchte, muss ich das vorher diskutieren oder absprechen und wenn das nicht passiert, kann ich das nicht durchgehen lassen. Nicht ignorieren, sondern wirklich diese Konsequenzen ziehen. Das ist, denke ich, ein wichtiger Punkt für dieses: Wo entsteht Frust? [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Conversation Taking Place

→→ [...] Das ist eine sehr gute Frage und leider auch eine sehr schwierige. Ich würde es gerne ganz einfach beantworten, aber das ist ähnlich wie mit diesen Offerten natürlich. Also ich sag mal, natürlich gibt es einen Preis, den du haben solltest, von dem du auch nicht abweichen solltest. Theoretisch in einem Best Case Szenario. Aber die Realität sieht dann eben nun wieder ein bisschen anders aus. Zum Beispiel Faktor: Sehe ich das Potenzial, dass sich das in eine längerfristige Zusammenarbeit entwickelt? Und damit ist nicht gesagt, dass der Kunde mir einfach sagt: Ja, ja, da ist da noch mehr Arbeit. Ja, wir machen das jetzt für fünfzig Euro und ich frag dich dann noch mal an. Das wird nicht passieren. Wenn der Satz fällt, dann kann man einfach direkt Nein sagen. Sondern wirklich: Sehe ich das Potenzial, dass da vielleicht noch mehr geht? Und gehe ich das Risiko ein und mache das zu einem Investment? Das kann funktionieren, ist aber ein Investment. Ich glaube, es ist wichtig, wenn man selbstständig ist, Investments zu machen.

Das macht jemand an der Börse genauso. Es ist eine kleine Wette. Die kann sich bezahlt machen. Oder auch nicht. Aber dann habe ich was draus gelernt. Und wichtig ist es, genauso wie an der Börse auch nicht alles auf ein Pferd setzen, breit zu streuen, gewisse Dinge abzugrasen, wo man sagt: Okay, da bekomme ich auf jeden Fall mein Geld zurück. Und da, da setze ich sozusagen achtzig Prozent meiner Energie und Zeit drauf. Und nehme dann aber mal einen kleinen Job, der mir halt vielleicht ein bisschen weniger zahlt. Aber ich denke so, das könnte was werden. Den nehme ich dann mit und sehe das als Investment. Dass dieses flexible Gerüst auch die eigene Arbeit und Zusammenarbeit als Investment zu sehen ist, glaube ich schon wichtig. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Conversation Taking Place

→→ [...] Ich habe noch niemanden getroffen, der nicht schon unter Wert irgendwie gearbeitet hat. Oder nur für den eigentlichen Wert gearbeitet hat und damit erfolgreich geworden ist oder andersrum damit total unerfolgreich geworden ist. Ich glaube, auch hier liegt ein bisschen die Krux darin zu sagen: die Dosis macht das Gift. Wenn du immer Jobs unterbezahlt machst, dann beutest du dich einfach selber aus. Und da kann mir auch niemand sagen, dass du in allem ein Investment siehst. Da belügst du dich offensichtlich selbst. Und da muss man diese Problematik tatsächlich selbst therapeutisch mal angucken und sagen: So, das kann nicht sein, dass jedes Projekt für mich ein Investment ist. Also da muss man irgendwie eine andere Strategie entwickeln und eben eine Diversität eröffnen, wo ich sage, okay, ich mache vielleicht auch einen Minijob. Es ist immer möglich, einen Minijob zu machen, der nicht in deinem Portfolio landet. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Conversation Taking Place

→→ [...] Es gibt so, so viele Studios, die wir auf ein Podest stellen, so toll finden, weil die nur kreative Arbeit machen. Die verdienen damit sicher nicht ihr Geld. Es ist unglaublich wichtig, den Unterschied zu machen und zu erkennen zwischen: Was ist mein Image, auf wen möchte ich attraktiv wirken, was ist meine eigene Story und und und und. Aber nicht denken, dass man nur das die ganze Zeit macht. Es ist fast bescheuert, dass man nicht darüber spricht, was man für manche Jobs macht, weil man sich dafür schon fast schämt. Weil es so aussieht, als würden alle nur ihrer Passion hinterhereifern. Ich habe total Kackjobs in meinem Leben schon gemacht, auf die ich nicht stolz bin. Aber darüber kann ich trotzdem reden, weil das halt einfach Geld bringt. Und das ist wichtig, um meinen Traum, um meiner Vision irgendwie ein weiteres Puzzleteil hinzuzufügen. Diese Art von Realität fällt, glaube ich, sehr schwer, nach dem Studium zuzulassen. Das war bei mir auf jeden Fall so und ich dachte jedes Mal so, wenn mich der Job nicht zu 100 Prozent erfüllt, dann ist es ein Kackjob und das zieht mich nur runter. Oder im schlimmsten Fall wirft mich das in meiner Karriere nur zurück und das ist falscher Stolz. Da bringt dich nicht der Job weiter, sondern da bringt dich dein eigenes Mindset nicht weiter. Weil alle Leute, von denen ich viel halte und die meiner nach meiner Definition erfolgreich sind. Damit meine ich nicht unbedingt monetär oder irgendwas anderes. Die machen fast alles. Die sind sich nicht für nichts zu schade. Die wissen aber trotzdem einfach, was sie als Person ausmacht. Und das bedeutet nicht, dass du nicht irgendwie für einen Bäcker ein Logo machen kannst. Das kannst du trotzdem machen, auch wenn du gerne nur in der Kunst- und Kulturindustrie arbeitest. Der Bäcker freut sich auch über ein Logo von dir. Wenn der dir gutes Geld zahlt, warum nicht? Das muss ja nicht in deinem Portfolio landen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Conversation Taking Place

→→ [...] Nicht alles an der Arbeit muss Selbstverwirklichung sein. Jeder Mensch, der aufsteht und sagt so irgendwie, jetzt, heute, irgendwie noch mal morgens ins Gym gehen, weil ich besser aussehen oder gesünder leben möchte. Der Weg dahin, der wird immer beschissen sein. Man muss ganz viele Sachen machen, die einem keinen Spaß machen und die vielleicht eher sekundär zur Vision hin zum Erfolg führen. Aber so ist es bei der Arbeit auch. Wenn ich irgendwelche Jobs mache, die vielleicht nicht im Portfolio landen, aber einfach Geld geben und mir die Absicherung geben, dass ich zum Beispiel einen unbezahlten Job annehmen kann, der für viele dann aussieht wie so ein Pilotprojekt, wo, ich ganz viel eigene Zeit und Energie reinstecken kann, weil das ein Idealismus von mir ist, irgendein Projekt so und so zu machen. Na, warum sollte ich diesen einen Job nicht machen, der mir das ermöglicht? Keine Scheu haben, Arbeit nicht zu extrem zu idealisieren. Das finde ich auch wichtig. Ja, wirklich jeder macht irgendeinen verrückten Kackjob, über den nicht geredet wird. Wo einem die Ohren schlackern würden und du denkst: Sowas, das machen die? Das kann irgendeine krasse Agentur sein, die für Lidl Prospekte macht, weil die einfach ein geiles Gehalt zahlen und für die einfach das bedeutet, ich beschäftige damit eine Person, habe vielleicht sogar einen Arbeitsplatz kreiert und in neunzig Prozent der anderen Zeit mache ich die geilen Projekte, für die ich bekannt bin. Warum denn nicht? Ist doch geil. [...] ←←

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Conversation Taking Place

→→ [...] In Momenten, wo ich dachte, aha, da tue ich denen noch einen guten Gefallen. Da waren sie überrascht, dass das 500% mehr war als erwartet. Also, dass da am Ende eine Zahl steht, die irgendwas beim Gegenüber auslöst, sollte nicht in deine eigene Bewertung mit übernommen werden. Ich möchte wirklich ganz arg dafür plädieren, sich zu überlegen, was jeder braucht. Natürlich nicht ohne schlau zu sein. Natürlich werde ich in einer Firma, die 100 Angestellte hat, einen anderen Stunden- oder Tagessatz nennen als eine Einzelperson, Künstler, Künstlerinnen oder so, wo irgendwie klar ist, die halten sich mit Stipendien über Wasser. Da darf man ja auch flexibel sein. Aber nichtsdestotrotz glaube ich, sollte man sich davon entmutigen lassen, in Situation A oder B eine Ziffer reinzuschreiben, wo man selber davon ausgeht zu wissen, dass die andere Person das vielleicht zu hoch oder zu niedrig findet. Man kann es ultimativ nur am Ende wissen, wenn diese E-Mail zurückkommt und sagt: So passt, passt nicht. Wenn jemand und das ist natürlich auch schon vorgekommen, sich aufgrund dessen gar nicht mehr melden sollte, sollte nicht das Feedback sein: Oh je, oh je, was habe ich gemacht? Sondern: na Gott sei Dank meldet sich diese Person nicht, weil ich kann dir zu 100 Prozent garantieren, diese Zusammenarbeit wäre sowieso beschissen geworden. Ja, das ist eine Red Flag. Sich auf Grund von sowas nicht mehr zu melden oder dich zu ghosten, da ist Kommunikation und Zusammenarbeit sowieso schon auf dem Holzweg. Das ist deine Versicherung, dass du da noch mal die Kurve bekommen hast. Weil wenn du das nicht machst, gibt es genau Szenario A und B. Szenario A: Du hast einen Scheißpreis genannt. Du knirscht jedes Mal mit den Zähnen, wenn irgendeine Designrunde abgezeichnet wird. Dann kommen noch Korrekturen, die im schlimmsten Fall nicht ausgehandelt wurden. Die Person sagt: wie, das kostet extra? Und du machst das dann auch noch umsonst. Und jede Interaktion mit dieser Person? Ist beschissen, weil keinerlei Wertschätzung da ist und du die ganze Zeit bei jeder Interaktion denkst: Ich tue dir doch nur einen Gefallen und es kommt keine Wertschätzung zurück. Da kommt wieder Frust ins Spiel. Warum? Weil du deine eigene Grenze ja schon direkt am Anfang übertreten hast und gar keine Verhandlung stattgefunden hat… [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Conversation Taking Place

→→ [...] Die Person meldet sich nicht. Du denkst vielleicht, du hast einen Fehler gemacht, aber du hast jetzt wieder Raum und Zeit, eigene Aktionen zu machen. Vielleicht sogar jemanden anzuschreiben, mit dem du ein Projekt machen möchtest und bist nicht irgendwie gelähmt durch eine toxische Arbeitsbeziehung mit irgendjemandem, der dich gerade ausbeutet und brauchst eigentlich auch noch zwei Wochen danach, um dich davon wieder zu erholen? Also es ist wirklich natürlich nicht schön, kein Feedback zu bekommen auf einen Preis oder so, aber ich sag mal, in der besten Welt wird jeder mit dir danach das Gespräch suchen und dann ist es an einem selbst gelegen, wie flexibel man sein möchte. Aber ich kann nur empfehlen, und das sehe ich bei vielen Kollegen auch, die schicken leider schon einen Dumpingpreis hin und dann kannst du dir vorstellen. Wie auf dem Basar auch, es geht immer darum, noch günstiger zu werden. Also warum sollte man sich Verhandlungsspielraum nehmen lassen? Das ist einfach nicht gut. Wenn du schon weißt, okay, das wird vielleicht tight. Schick trotzdem diese Ziffer. Schreib hin: Hey, ich denke, das ist vielleicht ein bisschen viel, oder? Lass uns gerne darüber reden, wie wir das zusammen ermöglichen. Einladen zum Gespräch. Geld ist nie das Problem. Wirklich. Es ist wirklich Geld da. Die Frage ist nur, wie hoch ist die Priorität der anderen Person? Für uns ist es natürlich, weil es unser Beruf ist, immer Priorität Nummer eins. Aber auf einem anderen Blatt ist natürlich ein Unternehmen, was vielleicht Ausgaben für Design macht, Ausgaben für Marketing, Ausgaben für Text. Weißt du. Die haben eine ganz andere Rechnung. Die haben Budgets. Aber was dann passiert ist ein Gespräch und die Möglichkeit zu sagen: Okay, pass auf, ich mache das günstiger für dich, aber… und dann lass dir was einfallen. Dafür gibt es kein Poster, oder so? Es ist am Ende des Tages immer noch ein Exchange of Gods. Es sollte sich so anfühlen, als wäre es gleich. Das sind Äpfel für Birnen. Wenn du mehr Äpfel willst, dann musst du mehr Birnen geben. Und wenn der andere weniger Birnen haben möchte, dann brauchst du vielleicht mehr Äpfel. Und deswegen muss man, finde ich, auch Konsequenzen setzen mit späterer Zahlung usw. Das ist die Wertschätzung deiner Arbeit. Das sind immer die Leute, da. Und noch zehn Follow-ups haben und Emails schreiben mit Korrekturlisten. Die wollen es ganz genau haben, aber lassen sich ganz viel Zeit später mit der Bezahlung. Und da muss man dann aber auch sagen: Hey, wenn du so pedantisch bist, dann muss ich leider auch pedantisch sein. Das macht dich ja nicht zu einem schlechten Menschen. Das bedeutet nur, dass du deine Grenzen kennst. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Conversation Taking Place

→→ [...] Jeder, der aus der Uni kommt, muss sich die Frage stellen: Wie viel Selbstverwirklichung will ich in meinem Job haben? Manche Leute, die sind super gute Designer, wo ich immer dachte, du musst auch selbstständig sein, wie kannst du dich für einen anstellen lassen und die Visionen anderer umsetzen? Aber deren Erfüllung liegt vielleicht mehr in der Selbstverwirklichung durch den Job, als wie ich das vielleicht empfinde für mein Leben. [...] Und diesen Realitätscheck mit wie viel Selbstverwirklichung möchte ich in meinem Beruf haben und wie viel möchte ich vielleicht aber auch dann aber in privater Zeit vielleicht mit meinen Freunden verwirklichen? Das muss man sich am Anfang, glaube ich, fragen und sich dann im Klaren sein, dass Selbstverwirklichung immer mit einem enormen Aufwand verbunden ist, egal wo, egal mit was. Ist die Priorität Sport und weniger vielleicht einen Freund treffen und paar Abende, die versoffen sind und irgendwie damit enden, dass man um sechs Uhr nachts nach Hause kommt. Man muss sich die Frage nach der eigenen Identität stellen. Und man kann nur enttäuscht werden, wenn man die falsche Entscheidung getroffen hat, nämlich angestellt zu sein, obwohl man selbstständig sein will oder vice versa. Selbstständig zu sein, obwohl man vielleicht das Bedürfnis nach Sicherheit hat, von einem klaren Job, wo mir jemand sagt, was zu tun ist, wo ich nicht die Verantwortung habe, mein Design vor einem Kunden zu verteidigen, sondern es muss ein Creative Director für mich machen. Das ist unglaublich wertvoll. Auch das mag aber nicht für jeden sein. Und ich glaube, wenn du ein Top Gestalter oder Gestalterin bist, bedeutet es nicht, dass du selbstständig sein musst oder lost Potential hast, wenn du dann angestellt bist. Wenn du die Selbstverwirklichung darin siehst, in einem Team zu arbeiten und diesen ganzen nervigen Scheiß nicht zu machen zu müssen, weil dich das nicht verwirklicht, da musst du den extra Effort betreiben und in mehreren Firmen gucken, wo ein geiles Designteam ist. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Conversation Taking Place

→→ [...] Was man befürworten muss, ist Akquise machen. Mache ich auch. Für die Kunsthalle in Leipzig, wurde ich nicht angefragt. Das war ich. Bin auf die zugegangen, weil ich fand, dass die eine scheiß Webseite hatten und weil ich in Leipzig studiert habe. Ich kannte den Ausstellungsort und ich habe es in meinem Kopf nicht zusammen bekommen, warum die so eine beschissene Identity haben aber so einen tollen Ausstellungsort. Die sind in so einem alten Bahnpostgebäude direkt neben dem Bahnhof. Das ist ein riesen White Cube. Das ist wirklich, als wäre das irgendwie eine Galerie in New York. Manhattan. Unglaublich große Fläche, aber eine Identity von keiner Expertise geprägt. Also wirklich Kraut und Rüben. Und das war auch wieder ein Learning. Die sind ein kleiner Verein und bekommen den Ort für einen symbolischen Preis vom A&O-Hostel nebenan vermietet. Die haben da einen geilen Space und haben aber vielleicht zu dem Zeitpunkt noch gar keine Ahnung gehabt, wie man so einen Space mit einer Identity verbindet. Das ist diese Diskrepanz. was nehme ich wahr und was ist tatsächlich die Realität? Was findet da statt? Wissen wir ja häufig nicht. Wir lassen uns dann nur davon blenden, dass wir denken: Oh, die haben so einen Riesenspaß. Wenn die nicht jetzt eh schon eine krasse Website haben, dann wollen die das gar nicht. Ja, es stellte sich raus, die wollen schon, aber haben keine Zeit und wissen auch gar nicht wen und wie. Ja und das das war einfach ein Lucky Moment, dass ich da war, noch kurz nach meinem Studium und den Mut hatte, einfach zu sagen: Hey, ich kenne euch, ich habe in Leipzig studiert. Personal Story. Also, um es mal runterzubrechen. Natürlich nicht einfach Portfolio hinschicken sagen: Yolo, geil, ich finde euch cool, lass mal was machen. Da wird werden wahrscheinlich sehr, sehr wenige Leute drauf antworten. Man muss natürlich eine Idee stiften. Also nur mit Hallo sagen ist nicht. Sondern ich glaube, es ist sehr wichtig, selber schon eine Vorstellung zu haben davon, was ich denn machen möchte. Und das ist natürlich zeitintensiver, als sich eine E-Mail Liste zu machen mit potenziell fünfzig Unternehmen oder Leuten, mit denen man zusammenarbeiten möchte, denen man allen den gleichen Text schickt und ein Portfolio anhängt. Aber was ist Quantität, was ist Qualität? [...]

[...] Und natürlich ist es cool, angeschrieben zu werden und jemand hat dich gefunden und das ist immer wieder toll fürs Ego. Aber das heißt ja eigentlich nicht immer, dass du mit den Leuten auch zusammenarbeiten willst. Ich arbeite bis heute das dritte Jahr mit der Kunsthalle Leipzig immer noch zusammen. Das ist eine qualitativ hochwertige Arbeit mit einer qualitativ hochwertigen Arbeitsbeziehung, um die ich mich bemüht habe. It’s as simple as that. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Conversation Taking Place

→→ [...] Es liegt unglaublich viel Potenzial darin, selber die Initiative zu ergreifen und dir selber die Kunden rauszusuchen, weil du ja schon ein Bauchgefühl hast, ob jemand cool oder nicht cool ist. Oder ob du vielleicht mit jemandem zusammenarbeiten willst, weil du sogar noch was lernen kannst oder interessant findest. Und meistens, wenn du wirklich jemanden hast, mit dem du gerne was zusammen machen willst, hast du schon eine Vision und das reicht meistens von dieser Vision zu reden und dann hast du schon die Aufmerksamkeit. Mehr als zu wissen: okay, ich habe keine Jobs, ich brauche aber Jobs, also schreibe ich jetzt einfach mal irgendwie 100 Museen an und frage, ob die gerade was brauchen. Ja, da kann ich dir genau sagen, was zurückkommt. Entweder: Ja, vielleicht. Lass mal reden. Oder: Nein, danke. Wir haben schon. Oder gar nichts? Ja. Wahrscheinlich neunzig Prozent. Das Allerbeste ist ein ehrliches Interesse entwickeln und darauf basierend agieren. Als letzten Tipp nicht nur für dich, vielleicht auch für andere, die das lesen. Ich glaube, für mich war das Wichtigste, so früh wie möglich Praktika zu machen. Und nicht in großen Firmen, sondern in kleinen, wo man selber mit mit dem Chef oder der Chefin in Meetings sitzt. Das war für mich das Beste. Zu zu sehen, zu adaptieren, zu lernen, wie jemand das eigene Design verkauft. Dich in so viele Prozesse wie möglich reinzunehmen. Das passiert meistens nur in kleineren Unternehmen, wo ein, zwei, drei, vier Leute arbeiten. In die richtig interessanten Prozesse reinkommen, wie Angebotsschreiben. Mal in so ein erstes Meeting mit reingehen. So hey, lass mal zum Mittagessen treffen und lass mal über Geld quatschen. Wenn dich da jemand mitnimmt, das ist geil. Und das passiert meistens nur in so Solo-Studios. Ich habe die Rechnungen gesehen, ich habe gesehen, wie Angebote geschickt wurden. Ich bin mittags Essen gewesen und auch abends zum Feiern. In den ganzen Tag irgendwie eingebunden worden. Und das war für mich, glaube ich, die coolste Erfahrung. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Conversation Taking Place

→→ [...] Als letzten Tipp nicht nur für dich, vielleicht auch für andere, die das lesen. Ich glaube, für mich war das Wichtigste, so früh wie möglich Praktika zu machen. Und nicht in großen Firmen, sondern in kleinen, wo man selber mit mit dem Chef oder der Chefin in Meetings sitzt. Das war für mich das Beste. Zu zu sehen, zu adaptieren, zu lernen, wie jemand das eigene Design verkauft. Dich in so viele Prozesse wie möglich reinzunehmen. Das passiert meistens nur in kleineren Unternehmen, wo ein, zwei, drei, vier Leute arbeiten. In die richtig interessanten Prozesse reinkommen, wie Angebotsschreiben. Mal in so ein erstes Meeting mit reingehen. So hey, lass mal zum Mittagessen treffen und lass mal über Geld quatschen. Wenn dich da jemand mitnimmt, das ist geil. Und das passiert meistens nur in so Solo-Studios. Ich habe die Rechnungen gesehen, ich habe gesehen, wie Angebote geschickt wurden. Ich bin mittags Essen gewesen und auch abends zum Feiern. In den ganzen Tag irgendwie eingebunden worden. Und das war für mich, glaube ich, die coolste Erfahrung.[...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Immo Schneider, 03.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Wir haben uns beim Studium in Amsterdam kennengelernt, an der Rietveld Akademie und wir waren beide schon so ein bisschen, ich würde mal sagen, nicht ganz typisch in Bezug auf diese Welt. Es gab diesen Begriff Autorendesign. Die Leute sind so geschult worden, aus dem Studium rauszugehen und dann im Grunde für sich selbst zu arbeiten. Auch nicht unbedingt sehr angewandt. [...] Ich habe dann noch mal ein Jahr in einer Agentur gearbeitet in Amsterdam. Dazu ist es eigentlich gekommen, weil der Agenturchef bei der Diplomausstellung war, bei der Abschlussausstellung, meine Arbeiten gesehen und mich dann gefragt hat: willst du bei uns anfangen? Komm am Montag vorbei. Also das war sehr unmittelbar und ich habe dann praktisch ein knappes Jahr in der Agentur gearbeitet. [...] In dieser Zeit habe ich natürlich auch viel gelernt. Ich habe in der Zeit aber auch gelernt, dass ich nicht in so einem großen Team als Angestellter sitzen will. Ein Grund dafür war, dass ich das Gefühl hatte, ich habe zu wenig Kontrolle über das, was da gemacht wird. [...] Das hast du natürlich voll und ganz in der Selbstständigkeit mit allen Herausforderungen. [...]

Ein Jahr nach dem Studium haben wir aber dann sofort angefangen, uns in Oslo selbstständig zu machen. Dort haben wir für die ersten Kunden gearbeitet. Die kamen eigentlich alle über Kontakte, die Anders (Hofgaard, Studiopartner) schon in Oslo hatte. Anders hat schon Ahnung gehabt über Kosten. Das war natürlich ein Riesenvorteil, der wusste einigermaßen Bescheid. Was kostet ein Fotoshooting und was muss man dem Fotografen in Berlin bezahlen. Damals waren die Leute in Berlin alle dankbar für die Budgets, die wir gezahlt haben. Auf allen Ebenen gab es Herausforderungen. Wie bei allen ersten Jobs. Das sind Sachen wie Zeitmanagement, wie lange braucht man, um irgendwas durchzusetzen? Was sind die Risiken dabei? Was kann schiefgehen bei Jobs? Das waren Herausforderungen. Dann gab es natürlich Herausforderungen in der Zusammenarbeit zu zweit. Das ist ja dann eine ständige Sache in den ersten Jahren. Du befindest dich eheähnlich in einem Setup mit jemandem. Ihr macht alles sehr eng zusammen. Und wenn man jung ist, geht man dann auch zusammen auf Partys und ist nachts unterwegs oder so, das kommt dann alles dazu. Das ist sehr intensiv auf einer beruflichen und persönlichen Ebene. Geld war weniger eine Herausforderung für uns, glücklicherweise, weil wir am Anfang sehr viel in Skandinavien waren. Das war einigermaßen okay bezahlt. Es waren auch niedrige Budgets. Aber für die Kosten die, die es damals in Berlin gab, das war ja schon sehr, sehr lange her, das war ja 2003, 2004, 5 in den Jahren, da war in Berlin natürlich alles günstig. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Sagen wir mal, ob du jetzt eine Künstlerin hast, die mit dir ein Buch machen will, also mit dir im Grunde zusammen was entwickeln will oder ob du jetzt für einen Bauunternehmer arbeitest, der vielleicht von dir erwartet, dass du ihn berätst, der keine Ahnung von Gestaltung hat und auch das Bild des Designers natürlich ein völlig anderes ist. Man muss daran denken, dass sich das in verschiedenen Kulturen natürlich völlig unterschiedlich verhält. Allein schon, wenn du jetzt hier in unserem Umfeld zwischen Holland, wo wir waren und Deutschland guckst, ist die Perspektive des Kunden oder Auftraggebers auf die Gestalter eine ganz andere, weil das historisch anders verankert ist und weil der Designer oder zum Beispiel Typograf einen anderen Stellenwert hat und viel stärker so gesehen wird als jemand, mit dem du zusammen arbeitest, als jemand, den du von oben her in eine Richtung drückst. Wir haben uns am Anfang auch teilweise mit den Kunden angelegt und haben versucht, unsere Sachen auf Brech komm raus durchzudrücken und teilweise sind Projekte dadurch in die Hose gegangen. Das war dann für uns damals auch nicht so dramatisch, weil wir uns immer dann gefragt haben: Wie kann das sein? Und der böse Kunde ist Schuld. Was du dann über die Jahre aber lernst, ist Wege zu finden, wie es dazu vielleicht gar nicht mehr kommt. Unter Umständen kommen später die Leute zu dir, weil sie wissen, was du machst und wie du arbeitest und aus einem bestimmten Grund zu dir kommen. Das ist schon mal eine ganz andere Grundvoraussetzung.

Und die zweite Sache ist, dass du, wenn du später arbeitest, von vornherein Strategien entwickelst, wie ich möglichst schnell herausfinde, etwa durch einen Workshop oder intelligente Fragen, was der Kunde erwartet? Und wie kann ich ausschließen, dass es zu Problemen kommt? Also die Probleme können natürlich auf der inhaltlichen Seite kommen, aber auch, sagen wir mal ganz pragmatisch, zum Beispiel, wenn es jetzt um Zeitmanagement kommt. Wenn ich als Gestalter nicht Zeitpläne fest klopfe und sage okay, wenn ihr euch nicht an dieses Set haltet, dann wird das Projekt nicht realisiert. Dann komme ich unter Umständen in die Bredouille. Das sind auch Fehler, die junge Gestalterinnen am Anfang verständlicherweise oft machen. Aber über die Zeit sieht man immer mehr, wo es schief läuft. Wie kann ich dagegen arbeiten? [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Dann habe ich aber zum Beispiel Anfang nächster Woche auch noch ein Meeting mit einer größeren Architekturbüro, die genau das Gleiche wollen. Aber da haben wir von vornherein gesagt, kommen Sie vorbei, wir wollen erst ein Gespräch, Beratung, in welche Richtung das gehen kann. Wir haben maximal das und das Budget dafür. Und dann stehen halt schon mal andere Beträge im Raum. Ich könnte ja zu der Kulturinstitutionen auch sagen, ich mache das nur, wenn ihr mir 120€ die Stunde zahlt. Ich brauche so viele Stunden. Macht ihr das? Und dann weiß ich aber schon, dass die das nicht zahlen würden. Und bei den anderen ist es eher so, die sagen dann, wir haben hier 500, 600€ für so ein Meeting. Was können wir dafür machen? Dann fragen die auch, können wir ein Meeting online und eins vor Ort oder so machen? Ich kann aber auch den Leuten einen Workshop vorschlagen, der vielleicht zwei bis vier tausend Euro kostet, den ich vorbereite und dann einen Tag da sitze und muss das nacharbeiten und denen eine Zusammenfassung schreiben. Vielleicht muss man mit zwei Leuten hingehen, muss Übungen vorbereiten und so weiter. Das heißt, diese Vorbereitung, die ist immer sehr individuell und natürlich auch immer budgetabhängig. Ich kann es auch mit einem Künstler sagen, wenn ich ein Buch mache. Dann ist es normal, dass du dich am Anfang hinsetzt und als Teil des Projekts. Das ist dann vielleicht in dem Meeting-Budget irgendwie drin oder, dass du am Anfang sagst, bei einem Buch habe ich vielleicht zehn bis zwanzig Stunden Kommunikation drin. Dazu gehört dann auch, dass man so ein erstes Treffen hat. Also das Problem ist halt bei den Projekten oft, dass Kommunikation irgendwann überhand nimmt. Bei Websites machen wir eigentlich fast immer diese ersten Meetings, wo man zusammensitzt. Das dauert vier bis fünf Stunden. Man geht alles durch. Man stellt seine Fragen und das hast du sogar teilweise in Situationen, wo ein Pitch sehr, sehr gut bezahlt ist, dass du dann bei einer Präsentation die Präsentation auch benutzt, um noch von den Kunden herauszufinden, was sie wollen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Da kann man jetzt natürlich weit ausholen. Aber das Ding ist, das weiß man natürlich am Anfang auch nicht. Das ist alles im Grunde bei uns learning by doing. Im Studium unterhält man sich schon irgendwie mit den anderen darüber. Ja, hier, was könnte sowas kosten oder worauf muss ich da aufpassen? Bei uns war das im Grunde auch so ein Trial and Error Prozess. Was ein Briefing ist, ist projektabhängig. Bei bestimmten Projekten kriegst du ein Briefing zugeschickt. Es gibt aber auch viele Projekte, da müssen wir uns darum kümmern, zu erfahren, was die eigentlich wollen. Und ein Ding zunächst mal ein Gespräch, also ein Meeting, wo man sich zwei Stunden zusammensetzt und darüber redet. Dann kann man den Leuten aber natürlich auch immer so eine Art Workshop vorschlagen. Das mache ich häufiger bei Branding-Projekten oder sowas. Das kann ich aber auch mit einer Website machen. Ein Workshop ist auch was, was du verkaufen kannst und was jetzt meinetwegen Agenturen auch relativ teuer verkaufen. Alles, was Beratung betrifft und eben auch im Grunde so eine Art Profilschärfung. Das ist was, was du den Kunden gut in Rechnung stellen kannst und wo die Leute auch ganz happy sind, wenn sie sowas mit dir machen, weil es ja meistens immer darum geht, dass sie etwas über sich selbst herausfinden, was sie vielleicht noch gar nicht wissen. Und diese Dinge kann man vorbereiten. Also du kannst natürlich sagen, ich mache ein lockeres Gespräch. Nächste Woche habe ich zum Beispiel ein Gespräch. Da geht es um eine Website. Bei einer größeren Kulturinstitution. Die wollen sich dann erstmal treffen und ein, zwei Stunden reden, um herauszufinden, in welche Richtung kann das gehen, ohne irgendwie Skizzen sehen zu wollen. Die haben mich angefragt, ob ich vorbeikommen kann.Und ich weiß, dass daraus ein Job entstehen könnte. Das mache ich in dem Fall unentgeltlich. Auch weil es Kulturinstitutionen ist und weil die nicht die großen Budgets für sowas haben. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Also sagen wir zum Beispiel, das Projekt wird nach 30% der Zeit abgebrochen. Ich will diese Zeit bezahlt bekommen. Wenn ich das nicht da drin stehen habe, dann passiert das unter Umständen nicht. Das kann ich alles schon vorher irgendwie fest regeln. Das schicke ich mit. Und sobald jemand das Angebot bestätigt, sind auch diese Reglementierungen bestätigt. Und die Kosten? Das muss man über die Zeit auch lernen. Wie kalkuliere ich was? Da gibt es auch Bücher, die man sich durchlesen kann. Oft sind die für junge Leute völlig irre, nicht realistisch mit horrenden Preisen. Man muss sich dann umhören. Früher hat man mit dreißig, vierzig Euro die Stunde angefangen, wenn man sich selbstständig gemacht hat. Man muss sich mit den anderen darüber unterhalten. Was ist realistisch? Wir sind ein sehr kleines Büro, Wir haben Stundenpreise, die gehen dann vielleicht bis 120, 130€, nicht höher. Größere Agenturen schreiben vielleicht 200 bis 250€ die Stunde auf. Unter Umständen wird es nicht viel höher gehen oder so. Und wir haben oft auch Preise, die sind vielleicht bei einem Kulturkunden niedriger als bei einem mittelständischen Unternehmen oder so, das heißt, man hat oft zwei Preise, mit denen man arbeitet. Auf der anderen Seite machen wir es mit den Preisen aber auch nicht zu kompliziert. Oft, wenn du Anfragen hast, oder Verträge regeln musst mit dem Kunden, wenn es zum Beispiel eine längerfristige Zusammenarbeit gibt, dann wollen die Stundenpreise für ich sag jetzt mal Art Direction, Grafik, Korrekturen usw. Die wollen unter Umständen vier Stundenpreise, also für verschiedene Leistungen und das machen wir gar. Weil es ist auf der einen Seite nur kompliziert macht und die wollen halt meinetwegen bei Korrekturen niedrigere Preise. Bei Korrekturen ist aber letztendlich ist die Arbeitszeit, die wir dran sitzen, ist die gleiche Man- oder Womanpower. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Du musst dafür sorgen, dass deine Arbeit Wert hat. Das kann natürlich über längerfristige, hochwertige Qualität passieren. Dann kommt der Wert natürlich auch darüber, für wen du arbeitest. Der Wert kommt auch darüber, wie groß du aufgebaut bist als Setup. Wenn da zwanzig Leute sitzen, dann zahlt der Kunde mehr, als wenn da einer sitzt. Da sind die Projekte aber natürlich auch teilweise komplexer oder größer, weil der Auftraggeber zu dir kommt, weil du so ein Projekt handeln kannst. Aber klar, man muss sich halt Gedanken darüber machen, was meine Arbeit wert ist. Und vor allem in Bezug darauf: was habe ich denn für Kosten? Wie kann ich gut davon leben? Was habe ich da reingesteckt an Studienzeit und wie viel Erfahrung habe ich? Und dann kann man sich selbst auch irgendwie einen Plan aufsetzen und sagen, okay, jetzt kostet das 50 Euro die Stunde und in zwei Jahren muss es so viel kosten und dann muss man versuchen, das zu handeln. Es hat natürlich auch ganz entscheidend damit zu tun, was du überhaupt machst. Wenn ich Illustration mache oder Buchlayout, dann wird meine Arbeit schlechter bezahlt, als wenn ich programmiere, Motion-Projekte mache oder irgendwas, was in ich sag jetzt mal weitesten Sinne Technologie basiert ist. Und um es ganz banal zu sagen, wo der Kunde nicht das Gefühl hat, das kann er selbst. Wenn die Leute das Gefühl haben, da sind viele Leute auf dem Markt gut, das können wir auch inhouse irgendwie machen, dann sind die Sachen natürlich schlechter bezahlt, als wenn sie das Gefühl haben, das kann nur diese Person. Und das muss man sich im Studium, finde ich, auch schon überlegen. Und darüber ist auch immer zu wenig geredet worden. Also, was ist deine Spezialisierung letztendlich? Oder was heißt denn das? Was genau? Der Bereich, in dem wir hier arbeiten, in Bezug auf Wert der Arbeit und Bezahlung später. Oft merken die Leute das erst fünf Jahre nachdem sie aus dem Studium sind. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Du solltest natürlich möglichst viel ausprobieren im Studium. Das unterstütze ich auch. Man sollte diese Zeit und diesen Raum nutzen, um möglichst viel und möglichst breit zu probieren. Diese Dinge, die man probiert, sollte man sich genauer anschauen, weil man später ganz einfach diese Möglichkeit in den meisten Fällen nicht mehr haben wird. Viele Leute fangen an zu arbeiten und dann kommst du vom einen ins andere. Und dieses Mäandern zwischen verschiedenen Dingen, das gehört meiner Meinung nach in den ersten Jahren auch dazu. Ich finde Spezialisierung gut, aber man muss sich halt überlegen, in welchen Stufen man das macht. Wenn ich jetzt Bachelor und Mastersystem habe, dann kann ich sagen, der Master könnte ein erster Schritt sein, um in ein bestimmtes Thema tiefer reinzuschauen. Und dann kann ich irgendwie sagen, was passiert danach? Dann habe ich die Möglichkeit, Praktika zu machen oder ich kann anfangen, irgendwo zu arbeiten. Ich könnte aber jetzt natürlich auch sagen, ich will viel stärker im wissenschaftlichen oder akademischen Bereich arbeiten. Ich könnte ja sagen, ich mache noch den PhD oder stecke noch mal Zeit rein, um mich mit einem Thema intensiver auseinanderzusetzen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Du guckst erstmal: Was können die Leute in Bezug darauf, was wir gerade brauchen? Oder welche Stelle ist zum Beispiel nicht besetzt in einem Büro und jedes Büro hat da auch ein unterschiedliches Setup. Du kannst natürlich sagen, wir machen 50% Print und Editorialdesign im Bereich Print. Und alles andere ist inzwischen vielleicht schon Screen basiert. Wenn du ein sehr kleines Setup hast, brauchst du halt die Leute, die das abdecken können. Inzwischen weiß ich natürlich, und das ist ja auch ganz normal, niemand kann alles abdecken. Es gibt immer Leute, die sind in einer bestimmten Sache sehr gut. Es gibt Leute, die sind breiter aufgestellt. Aber dieses Allroundgenie, das irgendwie alles kann, das ist mir, ist mir nicht passiert. Und das sind wir selbst nicht. Das gibt es einfach nicht. Das ist halt utopisch, dass man jetzt denkt, eine Person kann alles machen. Das habe ich eben auch gemeint in diesem Kollaboration/Kooperationsthema, dass man halt eher gucken muss, verschiedene Skills zu finden. Das andere ist, wenn du mit einem kleinen Setup arbeitest, mit bis zu fünf, sechs Personen oder so, dann spielt natürlich auch deine Persönlichkeit eine Rolle. Wenn du Leute hast, ich sag jetzt mal zum Beispiel: Die erscheinen sehr schüchtern. Die sind sehr zurückhaltend. Du hast das Gefühl, jemand sagt seine Meinung nicht in einem ersten Gespräch. Dann überlege ich mir natürlich zweimal, ist es gut, dass diese Personen im Studio sitzt. Weil du brauchst natürlich auch irgendwie ein Setup, das so auf einer sozialen Ebene gut funktioniert. Je größer das Büro wird, desto unwichtiger wird das. Das heißt, wenn ich jetzt zum Beispiel eine sehr schüchterne Person bin, dann kann ich es versuchen zu überspielen. Oder ich könnte auch sagen, ich versuche das zu verbessern. Wie auch immer. Ich wüsste aber vielleicht auch, dass es in einem großen Büro oder einem größeren Setup eventuell ein bisschen einfacher für mich ist, weil ich mich da besser integrieren kann. Weil ich dann auch das Gefühl habe, dass ich vielleicht andere Leute um mich herum habe, die so ticken wie ich. Und in so kleineren Setups brauchst du einfach Leute, die proaktiv kommunizieren können, weil das Kommunizieren zum Beispiel mit Kunden, Kundinnen, Auftraggeberinnen essentiell ist. In den größeren Setups hast du die Projektmanager usw, die die ganze Kommunikation machen. In kleineren Setups machst du alles. Das heißt, du hast auch die Kommunikation mit den Kunden. Du schreibst E-Mails. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Node Berlin Oslo

→→ [...] Ich würde versuchen, über Leute oder Netzwerke, die man kennt, gucken, wo will man eigentlich hin? Dass man eben auch die Chance nutzt, sich in der ersten Zeit ein bisschen treiben zu lassen. Dass man sich jetzt nicht gezwungen fühlen muss. Das ist ja oft auch so, dass man da so einen Druck hat, innerhalb der ersten ein, zwei oder drei Jahre an ein bestimmtes Ziel zu kommen. Ich glaube, die Zeit kann man sich nehmen. Einfach dadurch, dass man relativ viel probiert. Wenn ich jetzt irgendwie andere Leute habe aus anderen Ländern, die können sich das nicht erlauben, weil sie ganz einfach dann sofort Geld verdienen müssen oder vielleicht jemanden zu ernähren haben. Dann hast du natürlich ganz andere Bedingungen. In unserer Luxusgesellschaft haben viele Leute natürlich den riesigen Vorteil, dass du nicht diesen Druck hast und dass man eben eher die Chance nutzen soll, sich über Lesen, Netzwerke, Kontakte, die man hat, zu gucken: Wo kann ich mich in dem Bereich aufstellen? Das war früher auch irgendwie viel engstirniger, ich habe das Gefühl. Als wir angefangen haben, habe ich gar nicht so breit in dem ganzen Designbereich gedacht. Die ganzen Chancen und Möglichkeiten, die man da vielleicht haben kann, gar nicht gesehen. Aber das ist heute meiner Meinung nach auch ein bisschen einfacher, sich da so einen Überblick zu verschaffen, indem man bestimmte Bücher liest oder mit denen redet oder anderen Studierenden irgendwie zuschaut. Aus meiner Erfahrung ist es eher so, dass sich in der ersten Zeit dann auch Dinge ergeben. Es ist gar nicht so ist, dass man da den Masterplan braucht. Ja, das ist vielleicht mein Tipp: Man muss Spaß haben dabei. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Serge Rompza, 15.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Nach meinem Bachelor in Amsterdam vor sage und schreibe 17 Jahren habe ich zunächst bei der Post gearbeitet und Briefe ausgetragen. Meine Eltern haben mir schon vor meinem Abschluss prophezeit, dass mit dem Tag meiner Abschlussausstellung jegliche finanzielle Unterstützung endet. Während meiner Vorbereitung auf den Abschluss war es mir jedoch nicht möglich, eine Anstellung oder Arbeit zu finden, die gleich nach dem Studium beginnt.

Ich habe damals mit sechs weiteren Kommiliton*innen einen Kellerraum in Amsterdam gemietet, von dem aus wir alle mehr oder minder erfolgreich versucht haben, unser Freelance-Business aufzubauen. Nach ein paar Monaten habe ich gemerkt, dass ich mit dem damaligen Netzwerk und den vorhandenen Arbeitserfahrungen auf keinen grünen Zweig kommen werde. Also habe ich begonnen, mich bei Agenturen und Grafikbüros zu bewerben. Ich habe sehr viele Absagen bekommen, bis ich irgendwann eine temporäre Anstellung als Junior-Designerin über ein Jahr bei einer Agentur bekommen habe. Dort konnte ich praktische Arbeitserfahrungen sammeln und ein besseres Verständnis für den tatsächlichen Arbeitsmarkt gewinnen. ←← [...]

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Ein gutes Briefing kann schriftlich oder mündlich sein. Es zeigt sich vor allem durch den Willen, möglichst transparent zu arbeiten und Wünsche offen zu kommunizieren. Es ist sehr schön, wenn sich Leute ausreichend Gedanken darüber machen, was sie von der Gestaltung und der gestaltenden Person erwarten, und proaktiv am Prozess mitarbeiten. Das Schlimmste ist, wenn Auftraggeberinnen und Gestalterinnen versuchen, sich auf eine vermeintlich sichere moralische oder rechtliche Seite zu bringen, und die Zusammenarbeit durch ein Gegeneinander statt ein Miteinander bestimmt ist. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Ich habe nach meinem Studium unglaublich viele Kämpfe für meine Gestaltung gefochten; manchmal habe ich mich durchgesetzt, andere Male nicht. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass es sich jemals wirklich gelohnt hat. Für mich ist der Prozess unglaublich wichtig geworden. Ich möchte gerne mit Leuten zusammenarbeiten, mich austauschen und Verständnis füreinander gewinnen. Heute verstehe ich, dass mir dieses Gefühl von Austausch sehr viel wichtiger ist als zum Beispiel cutting-edge Typography. Man muss aber dazusagen, dass ich nach 17 Jahren Arbeitserfahrung sehr viel besser in der Kommunikation mit Menschen geworden bin und Situationen besser einschätzen kann. Das hilft enorm bei der Entwicklung gestalterischer Konzepte und in der Zusammenarbeit mit Kundinnen bzw. Kollaborateurinnen. ←← [...]

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Ich denke, dass alle Arbeit gleich viel Wert hat. So gesehen ist es egal, ob man Teller wäscht, Bücher gestaltet oder an der Börse Aktien vertickt. Wir sollten alle durch unsere Arbeit – gemessen in Zeit – in Würde leben können, keine Sorge haben müssen, die Miete nicht zahlen zu können oder gesundes Essen auf dem Tisch zu haben. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Wie man seine eigene Arbeitskraft finanziell am schlauesten auf dem Arbeitsmarkt navigiert, ist wiederum eine andere Frage. Grafikdesigner*innen durchdringen alle Bereiche des Arbeitsmarktes; die Budgets und (kreativen) Anforderungen sind sehr unterschiedlich. Dementsprechend ist es unrealistisch, einen gleichbleibenden Stunden- oder Tagessatz unabhängig von der Art des Auftraggebers zu haben.

Ich würde behaupten, dass Gestalter*innen grundsätzlich kaum Luft nach oben haben – eine Karriere im Sinne einer finanziellen Aufwärtskurve gibt es meiner Meinung nach in der freiberuflichen Grafikdesignwelt kaum. Ich habe Bekannte und Freunde, die durch Festanstellungen in großen Agenturen oder Inhouse eine finanzielle Stabilität erreicht haben, die es ihnen erlaubt, ihr Leben abzusichern und zu planen. Das ist aber natürlich ein Berufsweg, bei dem ein künstlerischer Werdegang oder eine inhaltliche Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen oft auf der Strecke bleiben. Es scheint also, als müsse man sich oft zwischen Prekarität und Stabilität, zwischen künstlerischem Werdegang und Angestelltenverhältnis in konsumorientierten Kontexten entscheiden. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Das ist ein wichtiges Thema, da Frust in einem Berufsfeld, das vom Ideal der Selbstverwirklichung und individuellem Ausdruck geprägt ist, unausweichlich ist. Ich persönlich finde die Arbeit als Gestalterin, die davon abhängig ist, den Lebensunterhalt durch Gestaltung zu verdienen, extrem frustrierend. Mein Umgang damit war, den Broterwerb von der gestalterischen Arbeit zu trennen. Aktuell verdiene ich durch eine gut bezahlte Anstellung in der Lehre sehr gut – das macht diese Entscheidung leicht. Meine Schlussfolgerung nach 17 Jahren mehr oder weniger freiberuflicher Arbeit ist, dass ich nur noch Projekte mache, die mich inhaltlich interessieren, sprich: Arbeiten mit Künstlerinnen und gesellschaftsrelevanten Projekten. Auch wenn das bedeutet, dass ich in Zukunft im Sommer Karls Erdbeeren verkaufen werde, um meinen Lebensunterhalt abzusichern. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Claudia Doms

→→ [...] Ich hole mir selbst Ansätze bei jungen Gestalter*innen und auch Studierenden, was eine positive Einstellung für das Berufsleben angeht. Mir ist bewusst, dass die Studierendenschaft heutzutage maßgeblich durch Angst vor der Zukunft geprägt ist – das war zu meiner Zeit nicht der Fall. Ich sehe aber auch, dass Zufriedenheit, Gemeinschaft und innere Ruhe wichtigere Aspekte geworden sind als eine karriereorientierte Zukunftsperspektive. Das finde ich eine sehr positive Entwicklung nach Jahrzehnten kaum erfüllbarer Karriereträume in unserem Berufsfeld und sollte sich auch positiv auf den Umgang mit Frust auswirken.

Wenn ich einen Tipp geben müsste, dann wäre es: Erstellt euch eine Prioritätenliste und wägt Aspekte wie finanzielle Stabilität und Prekarität, künstlerische Freiheit und kommerzielle Werbung gegeneinander ab – unter dem Gesichtspunkt, dass finanzielle Sicherheit meistens nicht mit künstlerischer Freiheit vereinbar ist. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Claudia Doms, 05.12.2025

Pool Practice

→→ [...] CLAUDIA: Wir haben ja sogar zusammen studiert damals und bei uns war es also bei mir, bei dir eigentlich auch. Wir sind nach dem Studium direkt in Praktika gestartet. Zur selben Zeit habe ich immer noch für einen Freund Freelance-Arbeit gemacht. Aber das war so sehr sporadisch. Ein bisschen Geld verdienen. Nach dem Studium bin ich nach London. Ich war damals sehr unvorbereitet. Ich bin einfach mal gegangen und habe dann dort vor Ort geschaut, was ich finden kann. Nach ein paar Monaten habe ich dann auch ein Praktikum gefunden. Und so hat es eigentlich angefangen. Ich hatte dann zwei Praktika, bevor ich eine Festanstellung gefunden habe. Und ja, ich weiß nicht, willst du vielleicht noch schnell von deiner Seite aus erzählen? ←←

→→ LISA: Im Studium parallel die ersten Freelancejobs, kleine Aufträge für Freunde, Bekannte und sowas halt. Man man macht ja nicht nichts. Neben dem Studium macht man in der Regel dann auch ein Praktikum. Ich bin nach Berlin gekommen fürs Praktikum. Und habe da dann auch eine Festanstellung gekriegt. Teilzeit, also vier Tage. Ich glaube, ich habe immer einen Tag parallel selbstständig gearbeitet. Das ist dann aber eine persönliche Entscheidung. Also ich glaube, weil ich wie immer wusste, ich will irgendwann selbstständig werden. Irgendwann bin ich dann in die Selbstständigkeit gewechselt. Nach ein paar Jahren, eigentlich nach fünf Jahren. Also finanziell war das natürlich schon sehr schwierig. Also vor allem nach dem Studium direkt. Praktika waren generell unbezahlt oder nur schlecht. ←←

→→ CLAUDIA: Ich habe für drei Monate wo gearbeitet, wo mir nur das Ticket um zur Arbeit zu fahren, bezahlt wurde. Und ich habe gerade neben dem Studio gewohnt. Deswegen war das eigentlich gar nichts. Und beim anderen Praktikum habe ich 120£ die Woche bekommen. Das war schon okay damals, aber das kann man heute nicht mehr vergleichen. Also vom Mindestlohn konnten wir damals bei Praktika träumen. Deshalb war es auch wichtig, sehr schnell auch irgendwie zu schaffen, eine Festanstellung oder einen Job zu kriegen. Als Designerin, wo man irgendwie auch davon leben konnte. Ja, so war das. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ [...] CLAUDIA: Danach haben wir diesen Schritt gewagt. Und dann ging es darum, okay, wie kommt man an Aufträge ran? Bei mir war das Problem zum Beispiel, dass ich keine Arbeiten zeigen durfte, ich hatte die Projekte ja für die Agentur gemacht. Also wir haben dann deine Arbeiten vor allem gezeigt, aber wir hatten nie so ein gemeinsames Portfolio. Das mussten wir uns erst erarbeiten. Mal haben wir auch so einen Auftrag als Tauschgeschäfte gemacht. Zum Beispiel für einen Tischler haben wir eine Web-Identity erstellt und er hat uns Sounds erstellt für unsere Webseite zum Beispiel. So, und danach kam aber ein Auftrag durch einen Kontakt von Lisa rein. Das hat uns dann schon ein bisschen abgesichert. ←←

→→ LISA: Und dann wieder von Freunden irgendwie Aufträge. Also es war ein bisschen schwierig, so ohne Portfolio Aufträge reinzuholen, aber grundsätzlich finden wir, erstens das eigene Netzwerk anschreiben und vor allem ja, wie sagt man Akquise betreiben. Also die Leute, mit denen du arbeiten willst, anschreiben, persönlich und ein Portfolio mit schicken und sagen, du hast Interesse oder ob sie Bedarf haben. Und so weiter und so fort. Und so haben wir auch ein paar Kontakte geknüpft. Man kennt Leute, man wird empfohlen, man hat eine Arbeit gesehen, fand die gut. Und dann kommt die Frage: Macht ihr das auch oder könnt ihr das auch? Und so? Ich glaube, gerade wenn man direkt vom Studium kommt, würde ich erstmal sagen, einfach immer alles machen. Also solange es vertretbar ist oder sowas. Aber ich glaube, Dinge abzulehnen, nur weil es nicht ganz so irgendwie der perfekte Job ist oder so, das würde ich nicht empfehlen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ [...] LISA: Der Idealfall ist immer, dass man mal kurz spricht und versteht, was das Gegenüber eigentlich will. Also das heißt, ihr müsst verstehen, was sind Bedürfnisse oder was ist ein Wunsch von Auftraggeberinnenseite? Vielleicht steht schon fest, was für Medien benötigt werden. Dass man fast eine Liste machen kann. Man braucht fünf Plakate, zehn Broschüren bitte. Was ist der Auftrag so an Medien? Was wird gewünscht? Wie wollen die beraten werden? Also das Wieso, dass man verstehen kann, worum geht so ein bisschen? Die Medien sind natürlich wichtig, um uns zu verstehen. Was ist der Aufwand? Also für ein einhundertseitiges Buch braucht man länger als für eine kleine Broschüre. Was sind Vorgaben? Gibt es Dinge, die fix sind und was sind Freiheiten, um so zu verstehen, was so das Spielfeld ist. Und ich glaube am Anfang ist auch wichtig, so so ein bisschen so eine klare Struktur oder auch einen Zeitplan zu haben, dass man definiert, okay, gibt es eine Deadline, eine Ausstellungseröffnung, ein Drucktermin, wann muss was da sein? Gibt es drei Korrekturen oder fünfzehn? Sich aus unserer Sicht auch absichern und sagen: Hey, drei Korrekturen ist normal, fünf kann man noch ein Auge zudrücken, aber wir machen nicht zehn so, oder ihr kriegt einen Entwurf oder drei oder so was. Was auch immer gut ist. ←←

→→ CLAUDIA: Also das hat man ja auch oft, dass man Anfragen kriegt und die sagen, wir brauchen das alles, macht mal ein Angebot. Und manchmal ist es auch so, wenn jetzt eben ein Auftrag kommt und die haben ein fixes Budget zum Beispiel, dann ist es auch immer gut, das zu erfragen oder zu wissen. Ich kenn das, wenn das ein gutes Budget ist, kein Problem, aber wenn es ein kleines Budget ist, kann man auch drüber sprechen. Zum Beispiel, was kriegt ihr für das kleine Budget? Also vielleicht dann eben nicht fünf Entwürfe, sondern nur einen oder irgendwie so? Ein Gespräch ist eigentlich das Beste, wenn man so will. Und dann beim Angebot würden wir das jetzt alle zusammen erfassen. Es geht ja darum zu checken, haben wir das jetzt richtig verstanden. Die können ja dann auch darauf reagieren, ob da jetzt was nicht stimmt. ←←

→→ LISA: Wir machen unsere Angebote relativ übersichtlich. Das ist eine kurze Zusammenfassung und eine Auflistung von den einzelnen Posten und wie viele Stunden oder Tage wir ungefähr für das einberechnen. Und dann haben wir noch eine Project-Fee drauf, weil das sind ja auch so Sachen, wie E-Mails schreiben und was sonst noch so anfällt. Das wird gerne vergessen im Prozess. Aber grundsätzlich auch einfach wichtig. Also für beide Seiten, dass man das immer schriftlich festhält. Also da ja noch ein paar gute AGB's zum Abschluss nicht vergessen. Also wirklich das Schriftliche, das hat mir schon mal den Arsch gerettet. Wir hatten damals einen Auftraggeber, der nicht bezahlt hat und das war dann die einzige Möglichkeit. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ [...] LISA: Wir haben da mal einen guten Vortrag gehört von Vanessa Olt. Ich weiß nicht, ob du sie kennst. Die berät auch Designbüros. Beim Forward Festival. Die hat das eigentlich ganz gut auf den Punkt gebracht. Daran halten wir uns immer ganz gerne. Also ihr Background ist eher so Financial Adviser, sie ist keine Gestalterin oder so, aber es war ganz interessant. Eigentlich sind es fünf Punkte, wo sie sagt, anhand dessen kann man einen Wert an einem Auftrag ganz gut messen. Und das eine ist Geld, das ist so das Naheliegendste. Ist es gut oder schlecht bezahlt? Ist es ein aufwendiger Job? Oder ist es einer, den man relativ schnell machen kann? Sitze ich da mal noch zwei Tage dran, oder es ein Jahr lang? Was hat der Job für eine Relevanz? Macht der Job Spaß oder nervt er? Also wenn du ein Jahr lang einen Job machst, dir keinen Spaß macht, ist es was anderes, als wenn du mal eine Woche lang etwas machst, was vielleicht nicht so dein Lieblingsding ist, aber irgendwie gut bezahlt ist. Und dann gibt es den Purpose und das ist ja auch wieder ganz individuell. Also vielleicht ist es ein Projekt, was einem guten Zweck dient oder etwas, das dir wichtig ist? Persönlich, weil du, was weiß ich, in dem Bereich irgendwie was tun willst oder so? Und das sind eigentlich so fünf ganz gute so Säulen, wo man sagen kann, naja, was weiß ich, wenn drei davon stimmen, dann kann man vielleicht die anderen zwei vernachlässigen oder so. Für uns hat das viel Sinn gemacht und hilft auch total, wenn eine Anfrage reinkommt, dass man erstmal guckt: Ja, okay, welcher von diesen fünf Punkten trifft auf diesen Job zu? Und wenn eigentlich nur einer, dann ja, muss man sich das schon überlegen oder so? [...] ←←

→→ LISA: Wir machen unsere Angebote relativ übersichtlich. Das ist eine kurze Zusammenfassung und eine Auflistung von den einzelnen Posten und wie viele Stunden oder Tage wir ungefähr für das einberechnen. Und dann haben wir noch eine Project-Fee drauf, weil das sind ja auch so Sachen, wie E-Mails schreiben und was sonst noch so anfällt. Das wird gerne vergessen im Prozess. Aber grundsätzlich auch einfach wichtig. Also für beide Seiten, dass man das immer schriftlich festhält. Also da ja noch ein paar gute AGB's zum Abschluss nicht vergessen. Also wirklich das Schriftliche, das hat mir schon mal den Arsch gerettet. Wir hatten damals einen Auftraggeber, der nicht bezahlt hat und das war dann die einzige Möglichkeit. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ [...] LISA: Wenn einem Kunden etwas nicht gefällt, dann ist vielleicht was schiefgelaufen beim Briefing. Wenn etwas unklar gebrieft wurde und es ging in eine falsche Richtung. Also ich habe jetzt nie das Gefühl gehabt, ich war frustriert, weil ein Feedback schlecht war oder nicht, wie ich es mir vorgestellt habe, weil sich das meistens durch eine logische Schlussfolgerung geklärt hat. Und manchmal ist es sogar gut. Also manchmal ist man zu verkopft. Man bekommt gutes Feedback. Also da kamen gute Zusammenarbeiten zustande. Wo jemand sagt, das funktioniert nicht und erst denkst du warum nicht? Und wenn man dann versteht, worum es geht, dein Gegenüber sagt, ne, das gefällt mir nicht oder funktioniert nicht und man bleibt dran. Dann führt es meistens zu etwas Besserem. ←←

→→ Ich finde nicht, dass wir Kunst machen. Also ich verstehe schon Kreativität und man hat vielleicht ein gutes Gefühl. Es ist auch irgendwie komisch, aber ich finde eigentlich, das Spannende an Design ist ja auch, dass man wirklich immer auf etwas reagiert oder auf jemanden. Also wenn man jetzt sagt, okay, egal was ich mache oder für wen ich arbeite, es sieht immer noch nach einem selbst aus. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir einen Style haben. Ich finde das keine Einschränkung. Oft, wenn man einen Auftrag hat, gibt es drei komplett unterschiedliche Wege, die alle funktionieren und gut sind. Ich glaube diese Offenheit, dass man mal eben visuell unterschiedliche Dinge ausprobiert, ist gut. Der Idealismus, wenn man frisch von der Uni kommt, neutralisiert sich ein bisschen. Eine Meinung zu haben ist sehr wichtig. Ich glaube, ab dem Moment, wo man als Gestalterin nicht mehr selbst denkt, also wenn man einfach nur macht, was einem gesagt wird, das ist schwierig. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ [...] CLAUDIA: Wenn was wirklich frustrierend ist, wenn es Grenzüberschreitungen gibt. Wir hatten mit einer Person zu tun und diese Person musste das irgendwie an ein Gremium von zehn Leuten weitergeben. Und die hatten dann alle zehn individuelle Meinungen, die dann wieder zurück an uns geflossen sind. Also das war so eine Situation, wo dann halt Textgrößen um einen Punkt geändert wurden. Hä? Also. Das hinterfragt ja unsere typographischen Skills. Es ist ja nicht zu klein. Wenn man es nicht lesen kann, fair enough. Aber wenn man sagt, du musst die Schrift einen Punkt größer machen, das ist so dieses Grenzüberschreitende, wenn man so ein bisschen ein verlängerter Arm vom Geschmack wird. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ [...] LISA: Das coole ist ja eigentlich, dass man Gestaltung in dem Sinne auch überprüfen kann, oder? Also gute Gestaltung. Es geht jetzt nicht um ein Adjektiv, wo man sagen kann, das ist gut oder so, aber ich glaube, wenn man es innerhalb von einem Projekt sieht, kann man schon sagen, ist es gut oder schlecht geworden. Verstehe ich, worum es in der Ausstellung geht, auf dem Plakat oder nicht? Oder komme ich zurecht auf der Website. Manchmal kann ja auch eine Website anstrengend sein und es ist trotzdem gut gelungen, weil es passt. Oder, dass es immer irgendwie direkt zugänglich sein muss oder so. Es kommt ja auf den Kontext drauf an, ich meine, ein Leitsystem muss einfach funktionieren. Das ist auch nicht der Moment, wo man sagt, ich will eine ultra coole abgespacete Font nehmen. ←←

→→ [...] CLAUDIA: Aber es muss Spaß machen. Ich finde es muss irgendwie ein bisschen entertainen und ich finde, man kann auch den Betrachter oder das Zielpublikum ein bisschen herausfordern. Ich finde es immer dann spannend, wenn es funktioniert, aber irgendwie was, was was Innovatives dabei ist oder so, wo man trotzdem denkt: Das überrascht mich jetzt, oder: Das habe ich irgendwie schon lange nicht mehr gesehen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Pool Practice

→→ [...] LISA: Die Realität ist halt so, dass der interessante Teil, die Gestaltung, das Konzept entwerfen, Entwürfe machen, Ideen sammeln, das macht so zwanzig Prozent der ganzen Arbeit aus. Und dann kommt halt noch das Ganze abarbeiten, ausrollen, Druckdaten erstellen, Produktionserklärungen führen, Korrekturen, Korrekturen, Überarbeitungen. Das kann ein bisschen langweiliger sein. Auf der anderen Seite ist es ja ultrawichtig, auch diese Abläufe zu beherrschen. Vielleicht kann es ein bisschen demotivierend sein, wenn den Reality-Check hört. ←←

→→ CLAUDIA: Ich glaube erstmal rausgehen und irgendwie Lust zu haben und Herzblut haben und irgendwie. Machen und Erfahrungen sammeln. Ich glaube, ich würde persönlich tatsächlich raten, in Büros arbeiten zu gehen. Erstmal. Wenn man dann in die Realität kommt, gibt es ganz viele Dinge, die man noch lernen muss. Also was eben Strukturen angeht. Wie formuliert man E-Mails, präsentieren, Projekte aufbereiten. Das kann man im Studium gar nicht alles lernen. Ich glaube, man muss sich bewusst sein, dass man ständig dazulernen muss, dass man vielleicht auch gewisse Lücken schließen muss, die man nicht hat. Und ich glaube irgendwie darauf auch Bock zu haben, also rein zu springen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat, 09.01.2026

Christoph Knoth

→→ [...] Wir haben schon zusammen studiert, auch in Halle und haben dann angefangen gemeinsam zu arbeiten und machen immer alles fifty-fifty. Jetzt bei der Abrechnung. Wir machen hauptsächlich Webseiten. Am Anfang wollten wir noch mehrere Dinge machen, aber aus irgendeinem Grund hat sich das dann verfestigt, wir hatten ein paar Webseiten gemacht und dann haben uns Leute angefragt, dann haben wir mehr Webseiten gemacht und das heißt, wir machen Webseiten und die Lehre, die wir machen, also die Professur, die wir uns auch teilen, das kam auch wieder aus diesen Teilen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Christoph Knoth, 16.12.2025

Christoph Knoth

→→ [...] Es gab dann diese Stelle, da wurde extra reingeschrieben, man kann sich auch als Team bewerben und wir teilen die Professur auch fifty-fifty. Also das ist eigentlich erstmal das Entscheidende an unserer Konstellation. Und das gibt es, glaube ich, nicht oft. Aber wir können dadurch sehr flexibel sein. Wir können das Büro halb teilen, wir können die Lehre halb teilen. Wenn mal einer irgendwie verhindert ist, kann der andere und andersrum. Wir können auch das Büro vielleicht einfacher aufrechterhalten als jetzt jemand, der eine hundertprozentige Professur hat. Oder die Person vielleicht manchmal drei Tage die Woche arbeitet und eigentlich gar keine Zeit mehr hat für ein Büro. Das ist so das Setup. Jedes Mal, wenn wir eine neue Website machen, irgendeinen neuen Auftrag haben, ist das ja für uns auch mal eine Challenge, was Neues zu probieren und wir finden irgendwas Neues raus und machen Sachen, die wir vorher noch nie gemacht haben. Und dann erzählen wir unserem Klassengespräch davon, genauso wie andere von ihren Projekten erzählen. Also wir präsentieren auch einfach unsere Arbeiten in der Klasse, ein, zwei Mal im Semester oder je nachdem wie das Interesse ist. Gleichzeitig mit Studierenden, die Webseiten oder Grafikdesign machen. Die wollen irgendwas Neues ausprobieren oder haben irgendeine vielleicht erstmal naive Idee, wo man dann selber sagt, ja, das könnte man doch so und so machen. Und das ist dann natürlich nicht so, dass wir das kopieren, eher so ein bisschen: Ah, das geht jetzt, man kann das irgendwie so machen oder das ist jetzt eine Lösung für dieses Problem oder so. Studierende haben sich dann zum Beispiel für Accessibility interessiert, was wir jetzt vielleicht nicht immer so gut gemacht haben auf unseren Webseiten, aber wo man dann durch gegenseitige Vorträge oder jemand zeigt ein Projekt oder zeigt irgendeine Webseite wieder auch was lernt. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Christoph Knoth, 16.12.2025

Christoph Knoth

→→ [...] Es gibt verschiedene Szenarien. Ein Bekannter sagt, er ist Künstler und braucht eine Webseite. Dann würde man fragen: Willst du so eine Visitenkartenwebseite, wo dein Name draufsteht oder willst du eine Webseite, wo du dein ganzes Lebensarchiv zeigst? Und hat diese Website vielleicht nicht nur die einzelnen Kunstwerke, sondern auch irgendwelche übergreifenden Projekte? Die krasseste Webseite hat dann noch eine Presse- Nachschau. Vielleicht noch irgendeine extra Portfolio Seite, wo nur Arbeiten gezeigt werden. Hat Events, hat Ausstellungen. Also eine Liste, so eine Kalenderliste. So, und das kann dann schon von superklein, man macht das an drei Tagen, zu riesengroß werden. Oder es gibt eine alte Webseite, es gibt einen alten Server. Muss man das noch mal umziehen?

Und dann gibt es Webseiten, die sind sowas wie ein Festival. Das Festival Weekend hat dann noch irgendwie drei Bühnen und dann gibt es ein Workshop-Programm und dann gibt es eine Ausstellung und die Ausstellung hat dann wieder Kunstwerke darunter die Kunstwerke sind mit Personen, also den Artists, verknüpft. Dann kann es aber sein, ein Artist macht zwei Kunstwerke, das heißt, der muss zweimal verknüpfbar sein. Welche Felder im Backend gibt es, die man ausfüllen kann und welche Felder bedingen sich? Und jetzt haben wir das schon oft gemacht, das heißt, uns ist irgendwie klar, wie das funktioniert. Beim ersten Mal hat das, keine Ahnung, ein halbes Jahr gedauert, so eine Website aufzusetzen und komplett durchzuplanen. Und heute dauert es dann vielleicht zwei Monate oder so oder drei, je nachdem. Und dann weiß man auch, was das kosten kann. Oder es kommt die Rückfrage: Was ist das für ein Aufwand? Und dann gehen wir erstmal zurück und fragen: Was ist denn euer Budget? Also könnt ihr euch überhaupt diese Art von Komplexität leisten? Oder ist es besser, ihr habt eine Webseite, wo ein lustiges Video drauf ist und dann gibt's eine PDF mit dem Eventplan vom Wochenende. Wissen darüber, wie komplex sowas ist und dann wieder die Abfrage: Ist das Geld überhaupt da?

Und dann gibt es noch die Art von Webseiten, wo es eine offizielle Ausschreibung gibt. Das heißt, die ist dann auf so einem Ausschreibungsportal vom Land oder man kriegt die per Emai, dann muss man sich dort einloggen, dann registrieren für die spezielle Ausschreibung, dann kriegt man so einen Chip mit zehn PDFs und dann sind da teilweise PDFs mit ein hundert Seiten drin, wo halt wirklich schon sehr detailliert überlegt wurde, was auf der Startseite sein soll. Zum Beispiel für Hochschulen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Christoph Knoth, 16.12.2025

Christoph Knoth

→→ [...] Wir haben jetzt noch nie diese Kaltakquise gemacht, wo man eine E-Mail an alle E-Mail Adressen schreibt, die man irgendwo online finden kann und sagt, wir können das und das. Also dieser Spam, kann man es auch nennen? Oder dass man irgendwo einen Brief oder eine Postkarte schreibt oder anruft. Also nicht, dass das jetzt irgendwie falsch ist, das zu tun. Ich glaube, das ist Teil des Business. Aber wir mussten das noch nie machen. Zum Glück. Bei uns lief es bisher immer eher darüber, dass Leute uns im Internet gefunden haben, sei es über unseren Instagram, über unsere Webseite, über das Impressum von Webseiten, die wir gemacht haben. Da kann ich gar nicht so viel mehr sagen. Ich habe noch nie gefragt Wie habt ihr uns gefunden? Man kriegt eine E-Mail und denkt sich okay, die waren vielleicht dann da drauf oder haben von jemandem erzählt bekommen, dass wir sowas machen. Früher war ich auch viel auf Kunstausstellungen oder bin viel zu solchen Events gegangen und habe dort auch Leute kennengelernt. Also das war vielleicht auch so eine Art unbewusste Akquise oder Netzwerken, wie man das nennt. Und wir hatten auch ein bisschen Glück, denke ich, dass in der Zeit, wo wir angefangen haben, so 2011, 2012, dass es wenige Leute gab, die Grafikdesign machen, also eine gute Grafikdesignausbildung haben und auch Webseiten auf so einer von so einer grafischen Idee her denken und nicht als Standarddienstleistung. Und ich setze etwas um, was man anders gemacht hat. Ja, was wir aber teilweise am Anfang auch gemacht haben, einfach um Geld zu verdienen. Auch Umsetzungen für andere Grafikdesigner*innen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Christoph Knoth, 16.12.2025

Christoph Knoth

→→ [...] Am Anfang haben wir auf Webseiten einfach für 500€ gemacht und dann auch schnell gemerkt, dass das einfach zu wenig ist. Während des Studiums waren 500€ für einen viel Geld. Und für die, die wir die Webseiten gemacht haben, war das auch viel Geld. Und so hat man ein Gefühl dafür entwickelt, was viel Geld für einen ist und was sich vielleicht jemand leisten will, wenn man für den was macht. Und das war auch noch eine Zeit, wo Instagram noch nicht so groß war, wo eine eigene Webseite vielleicht auch einen anderen Wert hatte. Der Preis, den man dann später aufgerufen hat, der kam dann sicherlich daher, dass man einfach geguckt hat. Bei den ersten Webseiten wusste ich ja nicht, wie lange es dauert. Ich habe einfach gesagt, ich mache das. Dann habe ich gemerkt, das dauert so und so lange und ich brauche aber im Monat, so und so viel Geld. Das kann man ja ausrechnen, wie viel Miete brauche ich, wie viel Versicherungen brauche ich, wie viel Vorsorge brauche ich, wie viel will ich zurücklegen? Wie oft will ich gerne verreisen? Kann man ja einfach zusammenrechnen. Gibt ja viele Webseiten dazu, wo einem das aufgelistet wird. Und dann kann man das in Arbeitsstunden teilen und dann muss man noch abziehen, wie viel man vielleicht auch irgendwie sinnlose E-Mails schreibt, wie viel man für seine Steuer braucht. Wenn man jetzt noch Akquise macht, wie viel Zeit dauert das? Wir machen nur Ausschreibungen, die bezahlt sind, aber auch die sind jetzt oft selten. Die sind halt so bezahlt, dass es das Recht deckt. Du hast halt auch viel Zeit, wo du nicht arbeiten kannst. Man man ist ja nicht irgendwie acht Stunden produktiv jeden Tag. Der Stundenlohn ist halt auch anders für jemanden, der in Halle wohnt und jemand, der in München wohnt oder in Paris. So, und dann hast du auf jeden Fall schon mal den Mindestbetrag, den du nehmen müsstest, um über die Runden zu kommen. Und wenn du ein Kind hast, brauchst du noch mehr. So, das ist halt so, deswegen. Das wäre erstmal das erste und.

Als Studio ist der Tageslohn oder der Stundenlohn natürlich auch wieder anders, als der eines Freelancers. Also wenn du jetzt vielleicht von zu Hause arbeitest oder wenn ein Studio wie Yukiko oder so, wenn die ein Studio haben, wo fünf Leute rumsitzen, wo die halt einfach noch viel mehr Kosten haben für so ein Büro und so eine Infrastruktur. Was uns betriffgt, ich denke mal, es ist vielleicht zu niedrig, aber wir sagen, für Design haben wir 80€ Stundenlohn und für Entwicklung haben wir 100€ Stundenlohn. Das ist unser Standardbetrag. Aber es kann natürlich mal weniger, mal mehr sein. Ja, eine Mischkalkulation, wo man mal ein Projekt macht, was halt Spaß macht und wo man so denkt, okay, kann man mal wieder was Neues machen, was ich sonst nicht machen kann. Und ein bisschen freihalten. Es gibt einige Projekte, wo man dann auch den Stundenlohn, wenn es für irgendwas Großes ist, weiß ich nicht, verdoppeln kann am Ende. Das kann man ja auch flexibel denken. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Christoph Knoth, 16.12.2025

Christoph Knoth

→→ [...] Und dann gibt es Kompromisse, die man treffen muss, wenn Kund*innen etwas nicht schön finden. Also aus der eigenen Erfahrung war das bisher immer so, wenn das passiert ist, gab es halt meistens eine weitere Runde und es wurde nochmal was geändert. Also wir sind da einfach kompromissbereit und planen das eigentlich mit ein. Wir machen einen Entwurf und dann wird an dem Entwurf weitergearbeitet und wenn es da visuelle Probleme gibt, dann werden wir die irgendwie lösen. Es gab mal ein, zwei Kunden, wo das ausgeartet ist und das einfach kein Ende gefunden hat und wo man dann auch sagen musste, entweder es gibt nochmal extra Geld oder das Projekt ist dann eben mal im Sand verlaufen. Und das war auch glaube ich gut so, dass wir dann nicht weitergemacht haben. Aber ich muss sagen, bei allen anderen Projekten bisher hatten wir da selten große Probleme. Wenn es da ein Problem gab, haben wir dann auch gesagt, okay, ja, wir verstehen das oder wir sehen das vielleicht ähnlich. Wir hatten aber auch bisher selten, dass dann irgendwann jemand sagt, die Schrift gefällt uns nicht. Weiß nicht. Selbst bei den Farben sind wir auch flexibel. Eine andere Sache ist aber vielleicht auch, dass bei Webseiten natürlich diese technische Hürde immer noch ein bisschen größer ist als bei einem Plakat. Da hat ein Kunde vielleicht auch das Gefühl, sie können leichter was rumschieben und am liebsten selber machen. Und bei Webseiten kann man sagen, ja, das geht jetzt nicht anders, das muss so sein oder das können wir nicht anders machen. Und deswegen gibt es da eigentlich bisher selten Probleme. Weil aber natürlich auch schon ein großes Portfolio haben. Und wenn sich jemand uns aussucht, dann hat man vielleicht schon ein Gefühl dafür, worauf sie sich einlassen. Kann ich mir vorstellen. Aber ansonsten? Ich würde sagen, wir sind da selten auch gekränkt, wenn das jetzt jemandem nicht gefällt und dann probieren wir einfach weiter aus! Deswegen würde ich auch jedem empfehlen, das nicht so sehr an einen ran zu lassen. Man muss einfach weitermachen. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Christoph Knoth, 16.12.2025

Christoph Knoth

→→ [...] Und mit anderen Leuten was zusammen machen. Haben wahrscheinlich auch schon zehn Mal Leute gesagt, jetzt bei den Interviews. Alleine arbeite ich auch nicht gerne und nicht effizient. Und wenn jemand anders da ist, der auch einen anderen Skill hat, vielleicht eher mal so ein Font aussuchen oder sich etwas visuelles überlegen. Und ich habe manchmal eine Idee, wie man das umsetzen kann oder wie man durch einen technischen Kniff auch was neues Visuelles rauskriegt. Wenn man sowas im Studium schon rausfinden kann, mit wem man gut zusammenarbeiten kann. Ich war mal bei so einer Grafikdesign in Bruneau, und dann stand ich da rum und da war ich so: Ah ja, mit dem habe ich in Amsterdam studiert. Ah, aus Lausanne ist der da. Da habe ich meinen Master gemacht, und von der Burg sind die gekommen. Aus Leipzig sind die da, oder? Also man denkt vorher, wenn man so studiert, denkt man, ich komme dann da raus und dann ist da diese andere Welt. Aber du bist schon in dieser Welt und du wirst mit diesen Leuten alt, die du jetzt gerade siehst. nja Kaiser war ein Jahr unter mir, die hat dann in Leipzig unterrichtet. Mit der arbeiten wir zusammen. Eine Freundin, Katharina Köhler, die habe ich in Lausanne kennengelernt, mit der habe ich den Master gemacht. Die ist dann mit Wolfgang Schwarzer zusammen gekommen und hat jetzt Camelot Typefaces mit Maurice Göllner in Leipzig gegründet. Konrad war ein Jahr über mir. Jetzt war ich gerade mit Konrad in Kanada und da war eine Freundin, mit der habe ich in Lausanne Master gemacht. Wenn man rumkommt und sich irgendwo in einen anderen Kontext setzt und da sind diese Leute, die man kennenlernt, die sind für ein Leben. Auch so eine Erkenntnis, die mir vorher nicht so klar war. Also die, die engagiert waren und Sachen gemacht haben, die sind immer noch da. Und bei denen läuft es auch. Von den anderen, die nicht so engagiert waren, hört man halt nicht mehr so viel. Also nicht, dass jetzt jeder überperformen muss. Aber es ist schon interessant, die, die damals engagiert waren, die sind heute für mich immer noch interessant. [...] ←←

⮡ Auszug: Interview mit Christoph Knoth, 16.12.2025

Caroline Villis

→→Caroline Villis ist Teil des Dortmunder Gestaltungsbüros Ten Ten Team, in dem sie mit Partner*innen aus Kultur, Wirtschaft und Forschung visuelle Konzepte und Designlösungen entwickelt. Caroline Villis hat visuelle Kommunikation in Dortmund und Mainz studiert und zuvor schon für das Münchner Designbüro Herburg Weiland gearbeitet. Zu Villis Kund*innen gehören etwa das Osthaus Museum und das Internationale Frauen Film Fest Dortmund+Köln.←←

⮡ Interview mit Caroline Villis

Christoph Knoth

→→Christoph Knoth bildet gemeinsam mit Konrad Renner das Professoren- und Designduo Knoth & Renner. Gemeinsam entwickeln sie hauptsächlich Webkonzepte. So haben sie schon für das Werkleitz Festival, die Burg Giebichenstein und die Akademie der Bildenden Künste Stuttgart umfangreiche Webpräsenzen geschaffen. Neben ihrer Tätigkeit als Designer leiten sie als Professoren die Klasse Digitale Grafik an der HFBK Hamburg.←←

⮡ Interview mit Christoph Knoth

Claudia Doms

→→ Claudia Doms ist eine Grafikdesignerin und Professorin mit internationalen Stationen. Sie studierte im Bachelor an der Rietveld Academy, bevor sie in verschiedenen Institutionen in Leipzig, Moskau, Tallinn und Bremen lehrte. Später absolvierte sie einen Master im Fachbereich Typografie an der Burg Giebichenstein und ist aktuell als Professorin für konzeptionelles Gestalten an der HbK Braunschweig tätig.←←

⮡ Das Interview mit Claudia Doms erfolgte via E-Mail

Conversation Taking Place

→→Unter der Leitung von Immo Schneider entwickelt das Berliner Designbüro Conversation Taking Place multimediale Designkonzepte für Kulturinstitutionen in ganz Deutschland. Schneider studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und entwickelte dort unter anderem die Web-und Grafikpräsenz für die A&O Kunsthalle. ←←

⮡ Das Interview wurde mit Gründer Immo Schneider
geführt

Herburg Weiland

→→Herburg Weiland ist eine Münchner Designagentur, die umfangreiche Gestaltungskonzepte in Web, Print und Motion für internationale Kulturinstitutionen entwickelt. In über 25 Jahren Tätigkeit gehört zum Kundenstamm der Agentur unter anderem das Burg Theater Wien, das Opernhaus Zürich, das Bauhaus Dessau und die Staatsoper Unter Den Linden.←←

⮡ Das Interview wurde mit Gründer Tom Ising und Art Director Hans Findling geführt

Node Berlin Oslo

→→Node ist ein Designbüro mit Sitz in Oslo und Berlin. Seit 2003 entwickelt das von Serge Rompza und Anders Hofgaard gegründete Studio multimediale Designlösungen für internationale Kulturkunden. Die Gründer lernten sich während des Studiums an der Amsterdamer Rietveld Academy kennen. Zum Kundenstamm des Büros gehören unter anderem das Berliner Haus der Kulturen der Welt und der niederländischen Stararchitekt Rem Koolhaas. ←←

⮡ Das Inteerview wurde mit Studio-Co-Gründer Serge Rompza geführt

Pool Practice

→→Pool Practice ist ein Berliner Designbüro das 2020 von den schweizer Grafikerinnen Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat gegründet wurde. Das Büro hat sich dem kontemporären Kulturdiskurs verschrieben und verwirklicht in verschiedenen Medien Designkonzepte für Künstler*innen und Kulturstandorte. Leistungen umfassen Brandings, Bücher, Webseiten, Kampagnen und Ausstellungsdesign.←←

⮡ Das Interview wurde beiden Studiogründerinnen Lisa Pepita Weiss und Claudia Klat geführt

Shortnotice Studio

→→Das Berliner Designbüro Shortnotice Studio wurde 2020 von Sascia Reibel und Matthias Lempart gegründet. Das Portfolio besteht aus einer breit aufgestellten Abdeckung von Künstler*innenprofilen über Kampagnen von Festivals und Brandings von Institutionen. Zu Kunden gehören etwa das Type Design Studio Dinamo oder die Biennale für Freiburg. Neben ihrer Designarbeit sind sie auch mit Lehraufträgen an Lehrstätten wie der HGB Leipzig oder der Kunsthochschule Kassel tätig.←←

⮡ Das Interview wurde mit Studio-Co-Gründerin Sascia Reibel geführt

Über dieses Projekt

Wie sieht die Arbeit von Designer*innen abseits vom Gestalten aus? Welche Rolle spielt Geld, welche spielt Idealismus, Selbstverwirklichung und das eigene Rollenverständnis? Und wie steht es um Frust im eigenen Beruf? Während des Studiums genießen Studierende eine großartige ästhetische Ausbildung. Doch die Fragen der großen weiten Welt bleiben oft unbeantwortet. Nach vier, fünf Jahren an der Kunsthochschule kommt meist dann der Reality-Check: Wie überlebe ich als Designer*in in der echten Welt und das am besten noch als zufriedene Person? In acht Interviews erzählen Designbüros, Agenturen oder Gestalter*innen über ihren Job. Und bieten so einen Einblick in die Realität von Designer*innen, der durch seine Transparenz jungen Leuten, die dem ganzen noch bevorstehen, vielleicht die eine oder andere Angst nimmt.

Die Interviews können in zwei verschiedenen Modi gelesen werden, einmal nach Schlagwortverzeichnis in direkter Gegenüberstellung zu Aussagen anderer Designer*innen. Und einmal als ganzes Interview.

Kontakt

Hast du Fragen zum Projekt, möchtest dich beteiligen oder gar weiterführen? Schreib mir eine Mail, ich freue mich über jede Rückmeldung.

jan.goldmann@burg-halle.de

Impressum

Dieses Projekt wurde im Rahmen des Schwerpunktes Intermediale Gestaltung an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle realisiert.

Projektdurchführung: Jan Goldmann

Betreuung: Prof. Jana Reddemann, Prof. David Liebermann, KM Lina Schwarzenberg

Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Neuwerk 7, 06118 Halle (Saale)

Ganzes Interview: Caroline Villis

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GO: Wie hast du angefangen?

Also mein Einstieg nach meinem Masterstudium in Mainz, den Bachelor habe ich in Dortmund gemacht, war bei Herburg Weiland. Ich bin direkt von der Uni sehr spontan nach München gezogen und habe dann dort mit dem Redesign des Lenbachhauses gestartet. Also es gab schon ein paar Parameter, die festgelegt waren und ja, Tom und Steffi haben mir da sehr viel Verantwortung überlassen. Was auf jeden Fall eine Herausforderung war. Und als Einstieg nach dem Studium natürlich ein Traumprojekt. Da bin ich auch bis heute echt dankbar, dass ich die Erfahrung dort machen durfte. Auch wenn es eine sehr intensive Zeit war. Aber ich habe wahnsinnig viel gelernt und konnte wahnsinnig viel umsetzen. Das war auf jeden Fall ein krasser Einstieg. Ich habe fast drei Jahre lang dort gearbeitet und durfte danach auch andere Kunden noch mit betreuen. Und ja, rückblickend muss ich sagen, mutig von Tom und Steffi, dass sie uns damals so viel Verantwortung übertragen haben. Es hat irgendwie immer funktioniert. Die waren als Backup immer greifbar. An manchen Stellen hat man sich dann, weil man sehr viel Herzblut reingesteckt hat, in die Projekte selbst schon sehr verantwortlich gefühlt. Und ich glaube, das ist so ein Ding nach dem Studium. Was ich heute anders sehe, ist, dass man als Team, dass man ja… wie soll ich es formulieren, dass man gar nicht immer alles alleine lösen muss. Wenn man in einem Team zusammenarbeitet, kann man als Team gemeinsam die Dinge bestreiten. Und nach dem Studium hatte ich, und auch meine damaligen Freunde und Arbeitskollegen auch, immer so das Bedürfnis, das selbst schaffen zu müssen. Und alles selbst umsetzen zu müssen. Und da muss ich jetzt, nach über zehn Jahren Berufserfahrung, wenn ich darauf zurückblicke, manchmal ein bisschen schmunzeln, weil eigentlich ist Teamwork und gegenseitiger Austausch und auch mal ein kreatives Ping-Pong, jemand anderes arbeitet weiter, man steigt wieder ein, viel effektiver. Das merken wir jetzt auch mit unserem Büro, in dem ich jetzt arbeite, dass wir einfach viel effizienter sind, wenn wir gemeinsam an Projekten arbeiten. Und wenn man merkt, man hängt an irgendeiner Stelle, dass man jemand anderem die Verantwortung übergibt, sich auf andere Dinge konzentrieren kann und dann mit einem frischen Blick wieder einzusteigen.

GO: Thema Frust: Wie gehst du damit um?

Manchmal muss man lernen loszulassen. Und man muss seine Prioritäten manchmal vielleicht ein bisschen anders setzen. Und ich glaube, man muss schon an seinen gestalterischen Prinzipien festhalten. Und das macht ja auch viel vom eigenen, ja von der eigenen gestalterischen Haltung aus. Da darf man sich nicht von Kunden verunsichern oder auch zu sehr steuern lassen. Aber was total hilft bei uns, ist, wenn wir mal in Situationen kommen, wo das Feedback negativ ist oder der Workflow unstrukturiert und nicht zufriedenstellend ist. Dass man sich erst mal gemeinsam darüber austauscht, einmal seinen Frust rauslässt, das intern bespricht und dann versucht, konstruktiv zu lösen. Und manchmal steckt man ja so drin und ist irgendwie nur noch genervt, weil es nicht so läuft, wie man sich es vorgestellt hat. Und da hilft es total, wenn andere Kolleginnen oder Mitarbeiterinnen das nachvollziehen können, aber dann sagen: Hey, okay, keinen Schritt zurück. Probier es mal so!

GO: Künstlerin oder Dienstleisterin, wo ist dein Sweetspot?

Ja, über die Frage habe ich am meisten nachgedacht. Das ist gut, auch noch mal selbst für sich zu reflektieren. Also dieser Dienstleistungsaspekt ist bei uns schon ein sehr großer. Nichtsdestotrotz versuchen wir, wenn wir Projekte umsetzen, immer unsere Handschrift mit einzubeziehen, sowohl im konzeptionellen Ansatz als auch in der Gestaltung. Und es gibt immer mal wieder so Freiräume in Projekten, wo man kreativer sein und mehr designen kann, als Dienstleister sein kann. Und diese Freiräume versuchen wir uns immer schon einzuräumen. Heißt also, wenn es im Editorial geht, dass wir schauen, dass es da irgendwie bestimmte Seitentypen gibt, wo wir auch frei gestalten können oder wenn es an irgendwelche Mailings geht oder an so Teile von Projekten, wo wir uns halt auch gestalterisch austoben können. Bei manchen Projekten ist halt einfach der Rahmen schon so krass gesteckt, dass man da einfach gucken muss, dass es für den Kunden und auch für die Inhalte, die vermittelt werden, passt. Also es ist immer so eine Mischform und wir versuchen uns halt irgendwie Freiräume zu schaffen, in denen wir kreativ sein können. Und das trägt dann auch so ein bisschen diesen Dienstleistungsaspekt, den man parallel erfüllen muss.

GO: Was ist ein gutes Briefing, was gehört in ein Angebot?

Angebote sind ein sehr aufwendiges Thema. Wir schreiben wahnsinnig viele, aber es muss immer wieder ein bisschen neu definiert werden, weil die Anfragen zum Teil auch so unterschiedlich sind. Es gibt zwei Arten von Angeboten. Es gibt einmal Anfragen, die an uns herangetragen werden von Kunden, wo man direkt merkt okay, das was die anfragen, ist eigentlich gar nicht das, was sie brauchen. Also ganz oft kommen Leute zu uns und sagen, ich brauche eine Webseite. Aber die haben nichts. Also die haben kein Logo, kein Corporate Design, nichts. Aber sie wollen eine Webseite haben und dann müssen wir mit denen erstmal erarbeiten, was sie brauchen und mit gemeinsam ein Briefing erstellen, wo man dann klären kann, was ist eigentlich der Arbeitsumfang? Was hilft denn eigentlich wirklich weiter? Das ist so eine Form von Angeboten und Briefings, die wir oft bearbeiten. Dann gibt es eine. Eigentlich gibt es sogar drei, von denen gibt es eine zweite Form von Briefings, die relativ klar schon formuliert, aber sehr umfangreich sind, wie zum Beispiel Corporate Design für eine kulturelle Einrichtung, wo man einfach noch mal mit einem Workshop erarbeitet: Was genau sind die Parameter, die wir erfüllen müssen? Und dann erstellen wir im nächsten Schritt ein umfangreiches Briefing, was genau beschreibt, was unsere Aufgabenfelder sind und wo wir durch diesen Workshop im Vorfeld klarer definieren können, was kommt da eigentlich wirklich auf uns zu. Damit wir uns da nicht verrennen und das hinterher völlig unwirtschaftlich ist. Und dann gibt es noch eine dritte Form von Angeboten, die sich auf Ausschreibungen bezieht. Das ist auch ein sehr umfangreiches Feld. Und da ist es so, dass das oftmals sehr komplex formulierte Anforderungskataloge schon von vornherein sind, die auch sehr viel Zeit erfordern bei der Aufarbeitung, wo aber meistens schon klar ist, welche Angebotspunkte werden benötigt und wo man dann immer gucken muss, in welchem Bewertungsfeld befinden wir uns? Was zählt mehr, Preis oder Referenz oder Entwurf? Und da bewegt man sich dann in diesen drei Kategorien, die irgendwie immer wieder aufploppen. Manchmal wünsche ich mir, dass wir da jemanden hätten, der uns dabei hilft. Weil das wahnsinnig aufwendig ist und einen echt von der Arbeit abhält. Das war im vergangenen Jahr echt wild und viel und zeitaufwendig. Vor allen Dingen diese Ausschreibungsthemen. Und das ist echt was, was man überhaupt nicht auf dem Schirm hat, wenn man Design studiert.

GO: Wie findest du heraus, was der Wert deiner Arbeit ist?

Wenn man sich selbstständig machen will, diese ganzen Themen mit Organisation, Projektmanagement, Angebotsblätter, dass man sich da auf jeden Fall von vornherein mit auseinandersetzt und auch guckt, was sind so die Preise am Markt. Es hilft einem auf Dauer nicht, wenn man einsteigt und Dinge sehr günstig anbietet und nach drei Jahren merkt okay, ja, ich habe jetzt hier so einen Kundenstamm, aber die sind echt durch meine Preise sehr verwöhnt, die sehr günstig sind. Mein Leben zieht jetzt an, ich muss jetzt die Preise erhöhen. So, dann kommt man in schwierige Situationen

Was total wichtig ist, ist ein Austausch mit unterschiedlichen Menschen. Also heißt mit seinen Kommilitonen, aber auch mit Leuten, die im Beruf sind. Natürlich ist Geld auch so ein Thema, wo viele nicht gerne offen drüber reden. Aber was es ja auch gibt, sind Empfehlungen vom BDG (Bund Deutscher Grafikdesigner), wo es schon so Preisblätter gibt und Empfehlungen. Die muss man vielleicht auch an manchen Stellen hinterfragen. Aber das sind ja schon mal Richtwerte. Und ansonsten hilft es einem auch einfach mal Stunden zu tracken und zu gucken: Wie lange brauche ich für etwas? Was kann ich vielleicht schneller, was kann ich langsamer umsetzen? Das ist bei Kreativprozessen immer so ein bisschen schwierig, weil man manchmal sofort eine gute Idee hat und schnell zu einem kreativen Ergebnis kommt, was einen zufrieden stellt. Manchmal hängt man so ein bisschen, aber deshalb ist es, glaube ich, ganz gut, trotzdem immer mal einen Timer mitlaufen zu lassen, damit man einfach das mal realistisch für sich selbst einschätzen kann. Man kann sich auch fragen, was sind so die Einstiegsgehälter, wenn man jetzt in eine Agentur gehen würde, was bekommen da Junior-Designer? Was steht da so auf dem Deckel? Das auch noch mal für sich in Relation zu setzen, weil diese Zahlen, die haben ja auch was konkret mit dem Leben zu tun. Man braucht ja auch irgendwie das Geld. Weil dafür macht man ja die Arbeit und da sollte man sich dann klar machen: was brauche ich? Was ist der Mindestwert, den ich brauche und wie erreiche ich das? Entweder über Stundensätze oder über geleistete Stunden. Weil das finde ich, vergessen viele am Anfang, dass man diesen Job natürlich macht, weil man sich gestalterisch auch verwirklichen möchte und Spaß daran hat. Aber man macht das auch, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.

GO: Betreibt ihr Akquise?

Kaltakquise ist sehr, sehr hart, kann sich aber auch rentieren. Aber da muss man sich nicht viel vormachen. Also da braucht man vielleicht auch ein dickes Fell. Wir arbeiten auch viel im kulturellen Bereich, da sind natürlich Veranstaltungen wichtig. Heißt zu Ausstellungseröffnung, Theaterveranstaltungen, Festivals Leute treffen. Das ist superwichtig. Wir haben uns ein bisschen aufgeteilt bei uns. Ich kümmere mich vor allen Dingen um Ausschreibungsthemen, weil ich familiär so ein bisschen eingebunden bin. Mit zwei kleinen Kindern kann man halt nicht auf jeder Hochzeit tanzen. Das heißt, ich schaue, was gibt es für offene Ausschreibungen? Und meine beiden Partnerinnen, die sind halt dann wirklich vor Ort und treffen die Leute genau. Ansonsten. Es ist total wichtig, dass auch wenn man gerade genug Arbeit hat, das war unser Learning der letzten drei Jahre, dass man trotzdem am Ball bleibt und sich nicht in die Arbeit verkriecht, sondern parallel Akquise betreibt. Wenn die Arbeit dann erledigt ist und man ganz vergessen hat zu kommunizieren, dass man noch da ist, dann kann das manchmal schwierig werden.

Ich glaube, wenn man so aus dem Studium kommt, ist es gut, vom Kleinen ins Große zu denken. Heißt ruhig auch erstmal kleinere Projekte machen im bekannten Freundeskreis. Um dann irgendwie sich ein Portfolio aufzubereiten, was halt reale Projekte beinhaltet, nicht nur Uniprojekte. Und sich von da aus herantasten an immer größere Dinge, denn zum einen lernt man viel dabei und zum anderen schafft man sich schon ein Portfolio.

GO: Ist Grafikdesign ein Job, der dich nach wie vor glücklich macht?

Ja. Ich mag’s total gerne. Ich mache diesen Job total gerne. Ich mag vor allen Dingen an der Selbstständigkeit und wie wir uns jetzt aufgestellt haben, dass ich wirklich für Kundinnen und Institutionen arbeiten darf, die ich inhaltlich wahnsinnig spannend finde und da einen kleinen Beitrag leisten kann, dass die besser kommunizieren. Und das ist total erfüllend. Unsicherheit und Angst von jungen Menschen kann ich aber auch total nachvollziehen. Wir sind auch verunsichert durch die neuen technischen Entwicklungen, die Weltlage sowieso. Da brauchen wir jetzt nicht einsteigen. Aber es ist krass, weil ich habe vor zwanzig Jahren angefangen zu studieren. Und dieses Berufsfeld hat sich so unfassbar gewandelt in diesen zwanzig Jahren, in denen ich das intensiv beobachte und begleite. Das ist wirklich verrückt. Und ich glaube, diese Wandlung, die so vonstatten geht, die wird jetzt durch diese ganzen neuen technischen Dinge nochmal zunehmen. Das ist aber auch gleichzeitig eine Chance für uns als Designer*innen. Sich immer wieder neu aufstellen zu müssen, macht es auch spannend. Auch wenn es eine gewisse Unsicherheit beinhaltet. Genau deshalb bin ich sehr gespannt, was die Zukunft bringt und wie sich dieser Beruf in Zukunft wandeln wird. Ich blicke in das Jahr 2026 recht optimistisch. Ist doch eigentlich ganz gut. Schon mal? Ja, schon. Also ich glaube, ein Riesenvorteil von manchen Dingen, die sich gerade so entwickeln, ist, dass man komplexere und umfangreichere Projekte mit einem kleineren Team als noch vor ein paar Jahren entwickeln, umsetzen und betreuen kann. Und das ist zum Beispiel für uns als Agentur, die nicht so groß ist und als Studio ein Riesenvorteil eigentlich. Das ist auch nur eine Momentaufnahme, das wird sich auch wieder ändern. Es ist aber auch was, was man jetzt als Berufsstarter mitnehmen kann. Man hat viele Hilfsmittel, die einem den Weg in eine Selbstständigkeit auf jeden Fall erleichtern können. Die Frage ist, ob man das möchte. Ich glaube nämlich, es schadet auf keinen Fall eine gewisse Zeit wirklich, auch in ein Studio, in eine Agentur, in eine größere Agentur zu gehen. Weil dort lernt man so viel und bekommt so viele unterschiedliche Aspekte des Berufs mit. Und auch die Expertise von Leuten, die das länger machen, ist nicht zu unterschätzen. Das ist auf jeden Fall was, was man in Betracht ziehen sollte. Viele Leute, die möchten sich ja nach dem Studium direkt selbstständig machen. Das kann auch für einige gut funktionieren. Aber ich glaube, diese Erfahrung mitzunehmen von Leuten, die das schon länger machen, die ist richtig, richtig wichtig.

Ganzes Interview: Christoph Knoth

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GO: Was verbindet eure Arbeit in der Lehre mit eurer Arbeit als Designer?

Wir haben schon zusammen studiert, auch in Halle und haben dann angefangen gemeinsam zu arbeiten und machen immer alles fifty-fifty. Jetzt bei der Abrechnung. Wir machen hauptsächlich Webseiten. Am Anfang wollten wir noch mehrere Dinge machen, aber aus irgendeinem Grund hat sich das dann verfestigt, wir hatten ein paar Webseiten gemacht und dann haben uns Leute angefragt, dann haben wir mehr Webseiten gemacht und das heißt, wir machen Webseiten und die Lehre, die wir machen, also die Professur, die wir uns auch teilen, das kam auch wieder aus diesen Teilen.

Es gab dann diese Stelle, da wurde extra reingeschrieben, man kann sich auch als Team bewerben und wir teilen die Professur auch fifty-fifty. Also das ist eigentlich erstmal das Entscheidende an unserer Konstellation. Und das gibt es, glaube ich, nicht oft. Aber wir können dadurch sehr flexibel sein. Wir können das Büro halb teilen, wir können die Lehre halb teilen. Wenn mal einer irgendwie verhindert ist, kann der andere und andersrum. Wir können auch das Büro vielleicht einfacher aufrechterhalten als jetzt jemand, der eine hundertprozentige Professur hat. Oder die Person vielleicht manchmal drei Tage die Woche arbeitet und eigentlich gar keine Zeit mehr hat für ein Büro. Das ist so das Setup. Jedes Mal, wenn wir eine neue Website machen, irgendeinen neuen Auftrag haben, ist das ja für uns auch mal eine Challenge, was Neues zu probieren und wir finden irgendwas Neues raus und machen Sachen, die wir vorher noch nie gemacht haben. Und dann erzählen wir unserem Klassengespräch davon, genauso wie andere von ihren Projekten erzählen. Also wir präsentieren auch einfach unsere Arbeiten in der Klasse, ein, zwei Mal im Semester oder je nachdem wie das Interesse ist. Gleichzeitig mit Studierenden, die Webseiten oder Grafikdesign machen. Die wollen irgendwas Neues ausprobieren oder haben irgendeine vielleicht erstmal naive Idee, wo man dann selber sagt, ja, das könnte man doch so und so machen. Und das ist dann natürlich nicht so, dass wir das kopieren, eher so ein bisschen: Ah, das geht jetzt, man kann das irgendwie so machen oder das ist jetzt eine Lösung für dieses Problem oder so. Studierende haben sich dann zum Beispiel für Accessibility interessiert, was wir jetzt vielleicht nicht immer so gut gemacht haben auf unseren Webseiten, aber wo man dann durch gegenseitige Vorträge oder jemand zeigt ein Projekt oder zeigt irgendeine Webseite wieder auch was lernt.

GO: Was ist ein gutes Briefing, was gehört in ein Angebot?

Bei Webseiten, wahrscheinlich auch bei vielen größeren Grafikdesign-Projekten, kann das sehr ausarten. Die Frage ist eine gute Frage. Aber die Antwort, über die kann man eigentlich einen Monat reden. Es gibt verschiedene Szenarien. Ein Bekannter sagt, er ist Künstler und braucht eine Webseite. Dann würde man fragen: Willst du so eine Visitenkartenwebseite, wo dein Name draufsteht oder willst du eine Webseite, wo du dein ganzes Lebensarchiv zeigst? Und hat diese Website vielleicht nicht nur die einzelnen Kunstwerke, sondern auch irgendwelche übergreifenden Projekte? Die krasseste Webseite hat dann noch eine Presse- Nachschau. Vielleicht noch irgendeine extra Portfolio Seite, wo nur Arbeiten gezeigt werden. Hat Events, hat Ausstellungen. Also eine Liste, so eine Kalenderliste. So, und das kann dann schon von superklein, man macht das an drei Tagen, zu riesengroß werden. Oder es gibt eine alte Webseite, es gibt einen alten Server. Muss man das noch mal umziehen? Und dann gibt es Webseiten, die sind sowas wie ein Festival. Das Festival Weekend hat dann noch irgendwie drei Bühnen und dann gibt es ein Workshop-Programm und dann gibt es eine Ausstellung und die Ausstellung hat dann wieder Kunstwerke darunter die Kunstwerke sind mit Personen, also den Artists, verknüpft. Dann kann es aber sein, ein Artist macht zwei Kunstwerke, das heißt, der muss zweimal verknüpfbar sein. Welche Felder im Backend gibt es, die man ausfüllen kann und welche Felder bedingen sich? Und jetzt haben wir das schon oft gemacht, das heißt, uns ist irgendwie klar, wie das funktioniert. Beim ersten Mal hat das, keine Ahnung, ein halbes Jahr gedauert, so eine Website aufzusetzen und komplett durchzuplanen. Und heute dauert es dann vielleicht zwei Monate oder so oder drei, je nachdem. Und dann weiß man auch, was das kosten kann. Oder es kommt die Rückfrage: Was ist das für ein Aufwand? Und dann gehen wir erstmal zurück und fragen: Was ist denn euer Budget? Also könnt ihr euch überhaupt diese Art von Komplexität leisten? Oder ist es besser, ihr habt eine Webseite, wo ein lustiges Video drauf ist und dann gibt's eine PDF mit dem Eventplan vom Wochenende. Wissen darüber, wie komplex sowas ist und dann wieder die Abfrage: Ist das Geld überhaupt da?

Und dann gibt es noch die Art von Webseiten, wo es eine offizielle Ausschreibung gibt. Das heißt, die ist dann auf so einem Ausschreibungsportal vom Land oder man kriegt die per Emai, dann muss man sich dort einloggen, dann registrieren für die spezielle Ausschreibung, dann kriegt man so einen Chip mit zehn PDFs und dann sind da teilweise PDFs mit ein hundert Seiten drin, wo halt wirklich schon sehr detailliert überlegt wurde, was auf der Startseite sein soll. Zum Beispiel für Hochschulen. Was brauchen die für Technologie? Gibt es zum Beispiel ein Intranet für die Hochschule? Dann sind da die Arbeiten von den Studierenden drauf. Da sind News drauf. Da sind Personenseiten drauf. Diese Seiten sind unheimlich komplex.

GO: Betreibt ihr Akquise?

Wir haben jetzt noch nie diese Kaltakquise gemacht, wo man eine E-Mail an alle E-Mail Adressen schreibt, die man irgendwo online finden kann und sagt, wir können das und das. Also dieser Spam, kann man es auch nennen? Oder dass man irgendwo einen Brief oder eine Postkarte schreibt oder anruft. Also nicht, dass das jetzt irgendwie falsch ist, das zu tun. Ich glaube, das ist Teil des Business. Aber wir mussten das noch nie machen. Zum Glück. Bei uns lief es bisher immer eher darüber, dass Leute uns im Internet gefunden haben, sei es über unseren Instagram, über unsere Webseite, über das Impressum von Webseiten, die wir gemacht haben. Da kann ich gar nicht so viel mehr sagen. Ich habe noch nie gefragt Wie habt ihr uns gefunden? Man kriegt eine E-Mail und denkt sich okay, die waren vielleicht dann da drauf oder haben von jemandem erzählt bekommen, dass wir sowas machen. Früher war ich auch viel auf Kunstausstellungen oder bin viel zu solchen Events gegangen und habe dort auch Leute kennengelernt. Also das war vielleicht auch so eine Art unbewusste Akquise oder Netzwerken, wie man das nennt. Und wir hatten auch ein bisschen Glück, denke ich, dass in der Zeit, wo wir angefangen haben, so 2011, 2012, dass es wenige Leute gab, die Grafikdesign machen, also eine gute Grafikdesignausbildung haben und auch Webseiten auf so einer von so einer grafischen Idee her denken und nicht als Standarddienstleistung. Und ich setze etwas um, was man anders gemacht hat. Ja, was wir aber teilweise am Anfang auch gemacht haben, einfach um Geld zu verdienen. Auch Umsetzungen für andere Grafikdesigner*innen.

GO: Könnt ihr einen Preis auf eure Arbeit setzen?

Am Anfang haben wir auf Webseiten einfach für 500€ gemacht und dann auch schnell gemerkt, dass das einfach zu wenig ist. Während des Studiums waren 500€ für einen viel Geld. Und für die, die wir die Webseiten gemacht haben, war das auch viel Geld. Und so hat man ein Gefühl dafür entwickelt, was viel Geld für einen ist und was sich vielleicht jemand leisten will, wenn man für den was macht. Und das war auch noch eine Zeit, wo Instagram noch nicht so groß war, wo eine eigene Webseite vielleicht auch einen anderen Wert hatte. Der Preis, den man dann später aufgerufen hat, der kam dann sicherlich daher, dass man einfach geguckt hat. Bei den ersten Webseiten wusste ich ja nicht, wie lange es dauert. Ich habe einfach gesagt, ich mache das. Dann habe ich gemerkt, das dauert so und so lange und ich brauche aber im Monat, so und so viel Geld. Das kann man ja ausrechnen, wie viel Miete brauche ich, wie viel Versicherungen brauche ich, wie viel Vorsorge brauche ich, wie viel will ich zurücklegen? Wie oft will ich gerne verreisen? Kann man ja einfach zusammenrechnen. Gibt ja viele Webseiten dazu, wo einem das aufgelistet wird. Und dann kann man das in Arbeitsstunden teilen und dann muss man noch abziehen, wie viel man vielleicht auch irgendwie sinnlose E-Mails schreibt, wie viel man für seine Steuer braucht. Wenn man jetzt noch Akquise macht, wie viel Zeit dauert das? Wir machen nur Ausschreibungen, die bezahlt sind, aber auch die sind jetzt oft selten. Die sind halt so bezahlt, dass es das Recht deckt. Du hast halt auch viel Zeit, wo du nicht arbeiten kannst. Man man ist ja nicht irgendwie acht Stunden produktiv jeden Tag. Der Stundenlohn ist halt auch anders für jemanden, der in Halle wohnt und jemand, der in München wohnt oder in Paris. So, und dann hast du auf jeden Fall schon mal den Mindestbetrag, den du nehmen müsstest, um über die Runden zu kommen. Und wenn du ein Kind hast, brauchst du noch mehr. So, das ist halt so, deswegen. Das wäre erstmal das erste und. .

Als Studio ist der Tageslohn oder der Stundenlohn natürlich auch wieder anders, als der eines Freelancers. Also wenn du jetzt vielleicht von zu Hause arbeitest oder wenn ein Studio wie Yukiko oder so, wenn die ein Studio haben, wo fünf Leute rumsitzen, wo die halt einfach noch viel mehr Kosten haben für so ein Büro und so eine Infrastruktur. Was uns betriffgt, ich denke mal, es ist vielleicht zu niedrig, aber wir sagen, für Design haben wir 80€ Stundenlohn und für Entwicklung haben wir 100€ Stundenlohn. Das ist unser Standardbetrag. Aber es kann natürlich mal weniger, mal mehr sein. Ja, eine Mischkalkulation, wo man mal ein Projekt macht, was halt Spaß macht und wo man so denkt, okay, kann man mal wieder was Neues machen, was ich sonst nicht machen kann. Und ein bisschen freihalten. Es gibt einige Projekte, wo man dann auch den Stundenlohn, wenn es für irgendwas Großes ist, weiß ich nicht, verdoppeln kann am Ende. Das kann man ja auch flexibel denken.

GO: Kompromisse, Frust, Balance. Wie geht ihr damit um?

Es gibt da diese Kompromisse, die jetzt vielleicht nur technischer Natur sind. Oder man hat vielleicht eine Idee, aber die ist im Browser nicht möglich oder vielleicht kann man es technisch gar nicht leisten und man muss dann selber zurückstecken. Aber das ist wahrscheinlich normal. Und dann gibt es Kompromisse, die man treffen muss, wenn Kund*innen etwas nicht schön finden. Also aus der eigenen Erfahrung war das bisher immer so, wenn das passiert ist, gab es halt meistens eine weitere Runde und es wurde nochmal was geändert. Also wir sind da einfach kompromissbereit und planen das eigentlich mit ein. Wir machen einen Entwurf und dann wird an dem Entwurf weitergearbeitet und wenn es da visuelle Probleme gibt, dann werden wir die irgendwie lösen. Es gab mal ein, zwei Kunden, wo das ausgeartet ist und das einfach kein Ende gefunden hat und wo man dann auch sagen musste, entweder es gibt nochmal extra Geld oder das Projekt ist dann eben mal im Sand verlaufen. Und das war auch glaube ich gut so, dass wir dann nicht weitergemacht haben. Aber ich muss sagen, bei allen anderen Projekten bisher hatten wir da selten große Probleme. Wenn es da ein Problem gab, haben wir dann auch gesagt, okay, ja, wir verstehen das oder wir sehen das vielleicht ähnlich. Wir hatten aber auch bisher selten, dass dann irgendwann jemand sagt, die Schrift gefällt uns nicht. Weiß nicht. Selbst bei den Farben sind wir auch flexibel. Eine andere Sache ist aber vielleicht auch, dass bei Webseiten natürlich diese technische Hürde immer noch ein bisschen größer ist als bei einem Plakat. Da hat ein Kunde vielleicht auch das Gefühl, sie können leichter was rumschieben und am liebsten selber machen. Und bei Webseiten kann man sagen, ja, das geht jetzt nicht anders, das muss so sein oder das können wir nicht anders machen. Und deswegen gibt es da eigentlich bisher selten Probleme. Weil aber natürlich auch schon ein großes Portfolio haben. Und wenn sich jemand uns aussucht, dann hat man vielleicht schon ein Gefühl dafür, worauf sie sich einlassen. Kann ich mir vorstellen. Aber ansonsten? Ich würde sagen, wir sind da selten auch gekränkt, wenn das jetzt jemandem nicht gefällt und dann probieren wir einfach weiter aus! Deswegen würde ich auch jedem empfehlen, das nicht so sehr an einen ran zu lassen. Man muss einfach weitermachen.

Mehr Arbeit kostet auch halt mehr Geld. Und da hat man natürlich auch einen guten Hebel zu sagen: Können wir machen, ist aber halt extra. Ja, und das hat aber auch eine Weile gedauert, so dieses, dass extra halt mehr Geld kostet, das zu sagen. Wir haben vorher immer im Festpreis gedacht und machen auch viele Webseiten als Festpreis. Aber da muss ganz klar sein, was da drin ist. Weiß eigentlich jeder und jede Handwerkerin. Für die ist das normal, dass wenn du noch einen zweiten Wasserhahn einschraubst, das mehr kostet. Aber ich glaube, im Grafikdesign tun sich da Leute ein bisschen schwer. Die machen halt den Flyer und das Ding noch und noch den Sticker dazu.

Ich denke schon, dass es im Grafikdesign ein Überangebot gibt und das ist leider bei uns dann auch so, dass der Preis dadurch diktiert wird, dass man immer jemand anders findet. Und die andere Sache ist natürlich, dass wenn man jetzt gerade diese Jobs gerne haben möchte, die halt vielleicht mehr Freiraum lassen und ein bisschen lustiger sind, dass die Budgets dafür eingeschränkt sind. Dann überlegt sich jemand, der eine Ausstellung macht, er kann entweder noch eine elfte Position ausstellen, oder das Grafikdesign besser bezahlen. Und dann sitzen die da vor ihrer Ausschreibung. Die müssen ja auch dann das Geld beantragen irgendwo und sagen ja, kostet 10.000€, ohne vorher mal zu fragen, was sie eigentlich wollen, was es kostet also. Und dann kommen die eher mit so einem festen Budget und sagen, 10.000€ haben wir für das Festival. Und wollen viel. Dann ist halt wenig Geld für alles da. Das Verständnis dafür ist dann vielleicht zu gering.

GO: Welchen Tipp würdest du jungen Gestalter*innen mitgeben?

Ich glaube, dass man in dem Kontext, in dem man arbeiten will, auch sein muss. Also wenn du jetzt Flyer machen willst für Nationalparks, dann musst du halt viel wandern gehen und da alle Förster kennenlernen. Und wenn du Webseiten für Kunstausstellungen machen willst, dann musst du auch auf jede Kunstausstellung gehen. Gerade wenn du Freelancer sein möchtest, freiberuflich arbeiten willst. Diese Jobs kommen ja nicht von irgendwo her. Du musst Leute kennen, die das brauchen. Bei uns war das so, die Leute, mit denen wir studiert haben, die haben sowas gebraucht. So, also bei uns waren dann Leute. Die ersten Jobs, die man macht, da baut man sich den Ruf auf. Man muss irgendwie ehrlich sein mit den Leuten, aber man darf auch nicht zu hart sein. Wenn du natürlich sagst, alles kostet jetzt und wenn du mich anrufst und das Telefonat zu lang war, kostet es auch. Da muss man natürlich einen guten Weg finden. Und dann war es auf jeden Fall auch eine Sache, eine Nische zu finden. Bei uns waren das damals Webseiten. Andere machen dann ein Siebdruckstudio auf oder machen nur Infografiken oder machen nur Social Media oder machen nur 3D oder nur Animationen. Ich denke es hilft, sich in irgendeinem Bereich rein zu begeben, wo es einfach nicht viele Leute gibt, die das machen und das dann halt auch richtig gut zu machen.

Und mit anderen Leuten was zusammen machen. Haben wahrscheinlich auch schon zehn Mal Leute gesagt, jetzt bei den Interviews. Alleine arbeite ich auch nicht gerne und nicht effizient. Und wenn jemand anders da ist, der auch einen anderen Skill hat, vielleicht eher mal so ein Font aussuchen oder sich etwas visuelles überlegen. Und ich habe manchmal eine Idee, wie man das umsetzen kann oder wie man durch einen technischen Kniff auch was neues Visuelles rauskriegt. Wenn man sowas im Studium schon rausfinden kann, mit wem man gut zusammenarbeiten kann. Ich war mal bei so einer Grafikdesign in Bruneau, und dann stand ich da rum und da war ich so: Ah ja, mit dem habe ich in Amsterdam studiert. Ah, aus Lausanne ist der da. Da habe ich meinen Master gemacht, und von der Burg sind die gekommen. Aus Leipzig sind die da, oder? Also man denkt vorher, wenn man so studiert, denkt man, ich komme dann da raus und dann ist da diese andere Welt. Aber du bist schon in dieser Welt und du wirst mit diesen Leuten alt, die du jetzt gerade siehst. nja Kaiser war ein Jahr unter mir, die hat dann in Leipzig unterrichtet. Mit der arbeiten wir zusammen. Eine Freundin, Katharina Köhler, die habe ich in Lausanne kennengelernt, mit der habe ich den Master gemacht. Die ist dann mit Wolfgang Schwarzer zusammen gekommen und hat jetzt Camelot Typefaces mit Maurice Göllner in Leipzig gegründet. Konrad war ein Jahr über mir. Jetzt war ich gerade mit Konrad in Kanada und da war eine Freundin, mit der habe ich in Lausanne Master gemacht. Wenn man rumkommt und sich irgendwo in einen anderen Kontext setzt und da sind diese Leute, die man kennenlernt, die sind für ein Leben. Auch so eine Erkenntnis, die mir vorher nicht so klar war. Also die, die engagiert waren und Sachen gemacht haben, die sind immer noch da. Und bei denen läuft es auch. Von den anderen, die nicht so engagiert waren, hört man halt nicht mehr so viel. Also nicht, dass jetzt jeder überperformen muss. Aber es ist schon interessant, die, die damals engagiert waren, die sind heute für mich immer noch interessant.

Ganzes Interview: Claudia Doms

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GO: Wie hast du angefangen? Was waren anfängliche Hürden?

Nach meinem Bachelor in Amsterdam vor sage und schreibe 17 Jahren habe ich zunächst bei der Post gearbeitet und Briefe ausgetragen. Meine Eltern haben mir schon vor meinem Abschluss prophezeit, dass mit dem Tag meiner Abschlussausstellung jegliche finanzielle Unterstützung endet. Während meiner Vorbereitung auf den Abschluss war es mir jedoch nicht möglich, eine Anstellung oder Arbeit zu finden, die gleich nach dem Studium beginnt.

Ich habe damals mit sechs weiteren Kommiliton*innen einen Kellerraum in Amsterdam gemietet, von dem aus wir alle mehr oder minder erfolgreich versucht haben, unser Freelance-Business aufzubauen. Nach ein paar Monaten habe ich gemerkt, dass ich mit dem damaligen Netzwerk und den vorhandenen Arbeitserfahrungen auf keinen grünen Zweig kommen werde. Also habe ich begonnen, mich bei Agenturen und Grafikbüros zu bewerben. Ich habe sehr viele Absagen bekommen, bis ich irgendwann eine temporäre Anstellung als Junior-Designerin über ein Jahr bei einer Agentur bekommen habe. Dort konnte ich praktische Arbeitserfahrungen sammeln und ein besseres Verständnis für den tatsächlichen Arbeitsmarkt gewinnen.

GO: Welche Battles fechtet man aus, welche machen keinen Sinn?

Ich habe nach meinem Studium unglaublich viele Kämpfe für meine Gestaltung gefochten; manchmal habe ich mich durchgesetzt, andere Male nicht. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass es sich jemals wirklich gelohnt hat. Für mich ist der Prozess unglaublich wichtig geworden. Ich möchte gerne mit Leuten zusammenarbeiten, mich austauschen und Verständnis füreinander gewinnen. Heute verstehe ich, dass mir dieses Gefühl von Austausch sehr viel wichtiger ist als zum Beispiel cutting-edge Typography. Man muss aber dazusagen, dass ich nach 17 Jahren Arbeitserfahrung sehr viel besser in der Kommunikation mit Menschen geworden bin und Situationen besser einschätzen kann. Das hilft enorm bei der Entwicklung gestalterischer Konzepte und in der Zusammenarbeit mit Kundinnen bzw. Kollaborateurinnen.

GO: Was fasziniert dich an Grafikdesign?

Ich liebe so viel an Grafikdesign: das Serielle, das Alltägliche, das Vermitteln von Informationen, Schönheit, Prozesse des Abstrahierens und Übersetzens und vieles mehr!

Was ist ein gutes Briefing?

Ein gutes Briefing kann schriftlich oder mündlich sein. Es zeigt sich vor allem durch den Willen, möglichst transparent zu arbeiten und Wünsche offen zu kommunizieren. Es ist sehr schön, wenn sich Leute ausreichend Gedanken darüber machen, was sie von der Gestaltung und der gestaltenden Person erwarten, und proaktiv am Prozess mitarbeiten. Das Schlimmste ist, wenn Auftraggeberinnen und Gestalterinnen versuchen, sich auf eine vermeintlich sichere moralische oder rechtliche Seite zu bringen, und die Zusammenarbeit durch ein Gegeneinander statt ein Miteinander bestimmt ist.

Wie weiß man, was der (buchstäbliche) Wert meiner Arbeit ist?

Was meinst du mit buchstäblich? Also: den finanziellen Wert der Arbeit? Ich denke, dass alle Arbeit gleich viel Wert hat. So gesehen ist es egal, ob man Teller wäscht, Bücher gestaltet oder an der Börse Aktien vertickt. Wir sollten alle durch unsere Arbeit – gemessen in Zeit – in Würde leben können, keine Sorge haben müssen, die Miete nicht zahlen zu können oder gesundes Essen auf dem Tisch zu haben.

Wie man seine eigene Arbeitskraft finanziell am schlauesten auf dem Arbeitsmarkt navigiert, ist wiederum eine andere Frage. Grafikdesigner*innen durchdringen alle Bereiche des Arbeitsmarktes; die Budgets und (kreativen) Anforderungen sind sehr unterschiedlich. Dementsprechend ist es unrealistisch, einen gleichbleibenden Stunden- oder Tagessatz unabhängig von der Art des Auftraggebers zu haben.

Ich würde behaupten, dass Gestalter*innen grundsätzlich kaum Luft nach oben haben – eine Karriere im Sinne einer finanziellen Aufwärtskurve gibt es meiner Meinung nach in der freiberuflichen Grafikdesignwelt kaum. Ich habe Bekannte und Freunde, die durch Festanstellungen in großen Agenturen oder Inhouse eine finanzielle Stabilität erreicht haben, die es ihnen erlaubt, ihr Leben abzusichern und zu planen. Das ist aber natürlich ein Berufsweg, bei dem ein künstlerischer Werdegang oder eine inhaltliche Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen oft auf der Strecke bleiben. Es scheint also, als müsse man sich oft zwischen Prekarität und Stabilität, zwischen künstlerischem Werdegang und Angestelltenverhältnis in konsumorientierten Kontexten entscheiden.

GO: Thema Frust: Wie erfährst du als Gestalterin Frust und wie gehst du damit um?

Das ist ein wichtiges Thema, da Frust in einem Berufsfeld, das vom Ideal der Selbstverwirklichung und individuellem Ausdruck geprägt ist, unausweichlich ist. Ich persönlich finde die Arbeit als Gestalterin, die davon abhängig ist, den Lebensunterhalt durch Gestaltung zu verdienen, extrem frustrierend. Mein Umgang damit war, den Broterwerb von der gestalterischen Arbeit zu trennen. Aktuell verdiene ich durch eine gut bezahlte Anstellung in der Lehre sehr gut – das macht diese Entscheidung leicht. Meine Schlussfolgerung nach 17 Jahren mehr oder weniger freiberuflicher Arbeit ist, dass ich nur noch Projekte mache, die mich inhaltlich interessieren, sprich: Arbeiten mit Künstlerinnen und gesellschaftsrelevanten Projekten. Auch wenn das bedeutet, dass ich in Zukunft im Sommer Karls Erdbeeren verkaufen werde, um meinen Lebensunterhalt abzusichern.

GO: DienstleisterIn oder KünstlerIn: Wo im Spektrum ist dein Sweet-Spot?

Auf einer Bandbreite von 1 (Design als Dienstleistung) und 10 (Design als Kunstform) ist mein Sweet Spot bei einer 7, vielleicht sogar einer 8. Design als Kommunikationsform..

Welche Tipps hast du für junge GestalterInnen (die zB gerade aus der Uni kommen)

Ich hole mir selbst Ansätze bei jungen Gestalter*innen und auch Studierenden, was eine positive Einstellung für das Berufsleben angeht. Mir ist bewusst, dass die Studierendenschaft heutzutage maßgeblich durch Angst vor der Zukunft geprägt ist – das war zu meiner Zeit nicht der Fall. Ich sehe aber auch, dass Zufriedenheit, Gemeinschaft und innere Ruhe wichtigere Aspekte geworden sind als eine karriereorientierte Zukunftsperspektive. Das finde ich eine sehr positive Entwicklung nach Jahrzehnten kaum erfüllbarer Karriereträume in unserem Berufsfeld und sollte sich auch positiv auf den Umgang mit Frust auswirken.

Wenn ich einen Tipp geben müsste, dann wäre es: Erstellt euch eine Prioritätenliste und wägt Aspekte wie finanzielle Stabilität und Prekarität, künstlerische Freiheit und kommerzielle Werbung gegeneinander ab – unter dem Gesichtspunkt, dass finanzielle Sicherheit meistens nicht mit künstlerischer Freiheit vereinbar ist.

Ganzes Interview: Conversation Taking Place

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GO: Was schreibst du in ein Angebot?

Es gibt natürlich gewisse Basics. So ein Standartsatz, der glaube ich überall drin sein sollte. Aber für mich ist wichtig zu betonen, dass genauso wie kein Projekt immer das gleiche ist, auch das Vor- und Nachspiel nie das gleiche sein kann. Das bedeutet für mich, ein Angebot zu schreiben ist teilweise wirklich eine Kunstform. Das kann extrem detailliert, genau und clever sein. Es legt den Grundstein einer Zusammenarbeit. Da kommt es dann natürlich auch immer auf andere Faktoren an. Also betreibt man viel Aufwand für eine Offerte, wo man nicht weiß, ob man den Job bekommt, weil es zum Beispiel eine Ausschreibung ist. Das sind alles Faktoren, die sowas beeinflussen. Nicht jede Offerte sollte, sage ich mal, wirtschaftlich betrachtet, die gleiche Aufmerksamkeit bekommen. Aber was bedeutet es genau, eine Offerte zu schreiben? Da schreibst du ja nicht nur rein: Das möchte ich für meine Arbeit. Sondern viele vergessen, da auch reinzuschreiben: Was möchte ich von den Kunden eigentlich haben? Was brauche ich für meine Arbeit? Was ist das gemeinsame Outcome?

Und neben so Sachen wie deinem Stunden- oder Tagessatz, gibt es auch flexible Momente, wo man betrachten muss, was für Chancen dieser mögliche Job in sich trägt. Ich habe zum Beispiel mal einen Auftrag für eine Corporate Identity für ein Musikfestival bekommen. Und beispielsweise eine Corporate Identity für ein anderes Unternehmen. Und nur, weil das beides Corporate Identities sind, bedeutet das nicht, dass es die gleichen Offerten sein müssen. Für das Musikfestival habe ich Gott sei Dank geschnallt, dass die Musikindustrie natürlich auch viel mit Licensing arbeitet. Die sind es viel mehr gewohnt, Lizenzen für Musiktitel usw zu zahlen oder irgendwelche Artists unter Vertrag zu nehmen. Angebote schreiben begrenzt sich nicht nur auf das tatsächliche Angebot schreiben, sondern auch darauf zu verstehen: wer ist mein Gegenüber und mit wem werde ich zusammenarbeiten? Und das bedeutet, dass Offerten und Angebote wirklich grundverschieden aussehen können.

Für das Musikfestival zum Beispiel habe ich mir vorher überlegt, das ist eine saisonale Sache. Also ein Musikfestival ist ja nur ein gewisser Zeitraum, das findet vielleicht wieder statt oder vielleicht auch nicht. Da war für mich klar, ich muss die Preisstrategie eher unten ansetzen, aber mein Geld damit verdienen, dass dieses Festival vielleicht wieder stattfindet, wo ich weniger Arbeit habe, aber dann eine Lizenz verkaufe, dass sie dieses Design für noch eine Saison verwenden dürfen. Und das hat letztendlich gut funktioniert. Das Musikfestival geht in die dritte Runde. Ich verdiene damit dran, ohne immer wieder ein neues Design machen zu müssen. Das sind Situationen, in denen ein Angebot durchaus drastisch diesen Basissatz meiner Arbeitszeiten und was ich die Stunde verdiene übersteigen.

Start-ups zum Beispiel brechen auch gerne mal Projekte mitten im Prozess ab. Da gibt es vielleicht Fundingschwierigkeiten oder was auch immer. Und für sowas muss man Sachen wie Kill-Fees in den Vertrag reinnehmen. Wo dann wirklich geregelt ist, was passiert, wenn 50% im Projekt schon durch sind und Partei A oder B dieses Projekt abbricht. Wovon natürlich in einer perfekten Welt niemand ausgehen möchte. Aber diese Dinge passieren halt leider. Dann kann man sich dafür absichern. Das bedeutet, dass man sich im Vorhinein im Klaren ist, mit wem werde ich da zusammenarbeiten? Das ist vielleicht nicht die Stadt Berlin oder die Bundesregierung Deutschland, die dir einen Job gibt und höchstwahrscheinlich diesen Job nicht abbrechen wird. Wenn man den Job dann einmal hat, dann ist er relativ sicher und der wird bis zum Ende durchgezogen. Aber wenn du in der freien Marktwirtschaft bist, dann gibt es andere Risiken. Was ich damit sagen will ist, dieses Thema Angebotsschreiben ist wirklich ein, ja fast fast eine eigene Rubrik für sich. Ich betrachte das tatsächlich wie eine Kunstform. Man darf nicht vergessen, dass dahinter auch Leute sitzen, die das ja lesen. Ich habe schon Angebote gesehen, die wie Romane aufgebaut sind. Also, ganz wenig Zahlen, ganz viel Text. Fast wie ein Verkaufsgespräch auf Papier. Und andersherum. Ich glaube wirklich, die Leute, die erfolgreich sind, sind eben nicht nur gut in der kreativen Arbeit. Sondern auch darin, Sachen anders zu machen und zu überdenken, wie wir im Studium lernen, Sachen zu hinterfragen. Warum ist was wie? Und aus irgendeinem mystischen Grund hört das dann bei so Businesssachen auf, dass Leute denken: Ja, aber wie macht man das denn? Klar, man muss dafür irgendwie eine Baseline geben, dass man das überhaupt erst mal weiß: Wie macht man so was? Aber für mich war das auch ein Learning und viele Jahre Erfahrung und auch Nachfragen bei Leuten, Kollegen, Freunden. Und auch ein bisschen Betriebsspionage.

Jedes Mal, wenn man irgendwo in einem Unternehmen ist und irgendwie kollaborativ arbeitet und dann vielleicht auch irgendwie mal über sowas stolpert, dann ist das wirklich Gold wert. Da habe ich wie schon gesagt gesehen, dass Leute mehr so einen textlichen Approach dran haben, Angebote zu schreiben und total lautmalerisch vom Designprozess erzählen. Und dann gibt es natürlich ein anderes Extrem, was die ganzen Posten auflistet. Von irgendeinem Poster kostet das, Flyer kostet das, das, das und das. Und dann hast du da eine riesige Tabelle mit einer Auflistung von Dingen, die passieren. Und beides ist richtig. Beides passiert. Wenn man sich diese zwei Sachen vorstellt, merkt man aber, wie stark der Approach von Studios oder Freelancern variieren kann. Jemand der in der Bürokratie arbeitet, der möchte vielleicht lieber eine Liste haben. Ein verrückter Startup-CEO, der total in Marketing-Terms träumt und redet und selber so spricht, mag vielleicht eine andere Strategie und kümmert sich gar nicht um Zahlen oder Geld. Geld spielt da dann keine Rolle. Die wollen sehen, dass du kreativ bist und dann schreibst du ein Angebot wie du mit denen durch eine Kreativphase gehst und mit dem ganzen Team einen Workshop machst, um Ziele herauszufinden, die dann in den Designprozess eingearbeitet werden. Das kann auch ein Angebot sein. Wichtig ist, ein bisschen sensibel dafür zu sein. Wer liest dieses Angebot? Was für eine Branche ist es? Wer ist der Empfänger?

GO: Wann ist es gut auch mal nein zu sagen?

Ich hatte mal eine Anfrage von einem sehr bekannten Fashion-Unternehmen. Wo man wusste: Geld spielt erstmal keine Rolle. Ich habe mit denen über drei Monate lang nur Verträge geschrieben. Es ging hin und her. Das war eines der erschütterndsten Erlebnisse in meiner bisherigen Laufbahn, weil ich zwischenzeitlich Leute einstellen musste, die für mich weiter Projekte machen und ich tatsächlich nur mit diesem Projekt-Angebotsschreiben beschäftigt war. Um mir aber auch den Arsch zu retten, wenn es ernst wird. Das eine ist natürlich zu sagen: Toll! Ich bekomme eine Anfrage von einem total renommierten Unternehmen und da spielt Geld keine Rolle und man kann da irgendwie total toll seine Arbeit machen. Und da fängt dann erst an, dass die Fassade bröckelt. Je höher und besser die Anfragen werden, desto mehr muss man sich auch absichern. Am Ende hat mir das wahrscheinlich meine Karriere gerettet. Ab einem gewissen Zeitpunkt habe ich gesagt, unter diesen Bedingungen kann ich meine Arbeit nicht verrichten. Das hat zu tun gehabt mit kompletten Buyouts, komplette Lizenzübernahmen, die aber gekoppelt waren mit dem Anspruch, dass ich weiter haftend bin für irgendwelche Lizenzverletzungen und so weiter.

Wenn die ganzen Lizenzen und Nutzungen gekauft werden, muss auch die Haftung damit übergehen. Das haben die nicht mitgemacht. Es ging immer hin und her mit Anwälten. Irgendwann habe ich gesagt: Okay, scheinbar drehen wir uns jetzt hier gerade im Kreis. Das wäre ein total tolles Projekt gewesen. Das hätte mir vom Umsatz her wahrscheinlich zwei Jahre normal arbeiten gerettet. Und das wichtigste Learning war einfach da auch Nein zu sagen und zu sagen: Okay, diese Summe, die hier auf dem Papier steht, die ist erst real, wenn die auf meinem Konto ist. Also sich auch nicht ködern zu lassen und auf seine Prinzipien und Möglichkeiten zu beharren. Und ich glaube, ein dreiviertel Jahr später bin ich auf die Knie gefallen und habe den Boden geküsst, weil ich mitbekommen habe, dass die Firma, die es letztendlich gemacht hat, von denen verklagt wurde, nachdem der Job gemacht wurde. Und da habe ich drei Kreuze gemacht und mir gedacht: Wie professionell war das in dem Moment Nein zu sagen? Davon kriegt niemand was mit. Nichts ist in meinem Portfolio oder so gelandet. Nichts von diesem Ruhm, den man vielleicht gerne geerntet hätte. Einfach nur, um den Namen ins Portfolio zu schreiben. Davon kriegt niemand etwas mit. Aber die Experience und diese Bestätigung, dass es wirklich sehr viel bringt, sich damit auseinanderzusetzen, was in solchen Angeboten steht, sich auch wirklich dann Hilfe zu holen bei Leuten, die sowas ähnliches vielleicht schon mal gemacht haben, ist unglaublich wichtig.

GO: Wie gehst du mit Frust im Designberuf um?

Frust kann erst entstehen, wenn man über seine eigenen Grenzen geht. Dann entsteht Frust. Wenn man die Zähne zusammen knirschen muss und sich denkt: Ach, das habe ich dem jetzt durchgehen lassen. Aber die Dankbarkeit, die kommt nicht zurück. Ja. That's reality. Die wird nie kommen. Das ist, glaube ich, was nirgendwo, in keinem Aspekt, Berufsleben oder Privatleben, anders ist. Man muss, glaube ich, lernen, nicht nur Grenzen zu kommunizieren, sondern vor allem die eigenen Grenzen abzusichern und durchzusetzen. Und dafür kannst nur du selbst verantwortlich sein. Und das bedeutet auch nicht, konfliktscheu zu sein. Das würde dann in der Realität bedeuten, wenn Kunden nicht zahlen, gibt es eine Konsequenz wie überall im Leben. Die Angst ist ja immer so: Oh nein, ich verliere den Job dann. Das ist eine sehr, sehr geringe Realität. Diese Angst ist erstmal eine Angst. Das ist erstmal nicht Realität. Und ich sehe das bei ganz vielen Leuten. Bei mir ja auch. Ich habe die gleichen Ängste und Sorgen. Und das entscheidet letztendlich über Erfolg oder Misserfolg in der Zusammenarbeit. Wie gut kann ich vorher meine Grenzen kommunizieren? Viel Verantwortung liegt auch bei uns in der Nichtkommunikation. Wenn ich möchte, dass mein Kunde mir Bilddateien oder Daten überliefert in einem gewissen Format, in einer gewissen Ordnerstruktur, damit ich weniger Arbeit habe oder mich mehr freue, damit zu arbeiten, dann kann man das definieren. Was man nicht machen sollte ist, Leute dann später damit überraschen und sagen: Warum hast du mir das nicht geschickt? Na, wenn es niemand weiß, dass man es so haben möchte, dann kann man es auch nicht bekommen.

Also das ist so die Nummer eins. Nummer zwei ist, in jedem Projekt gibt es ja vorher wahrscheinlich ein Briefing oder so. Also selber zu wissen, was ich möchte. Wenn ich weiß, ich werde mit einem potenziell schwierigen Kunden zusammenarbeiten, ist es umso wichtiger, sich das auch schriftlich zu geben. Ich arbeite erst mit dem Material, wenn A und B passiert ist und das steht im Angebot. Und wenn das nicht passiert, dann ist die Konsequenz daraus, dass der Projektzeitplan sich verschiebt. Und dafür bin ich nicht verantwortlich. Und so weiter. Im Selbständig sein oder im Freelancer-Dasein würde ich mal sagen, nimmt die wirklich kreative Arbeit einen so geringen Teil ein. Das sind vielleicht zehn Prozent oder so von einer ganzen Woche oder von einem ganzen Tag. Das andere ist People Management. Nicht nur andere Leute zu managen, sondern auch sich selbst zu managen. Und eben sich im Klaren darüber sein: Wenn ich das so haben möchte, muss ich das vorher diskutieren oder absprechen und wenn das nicht passiert, kann ich das nicht durchgehen lassen. Nicht ignorieren, sondern wirklich diese Konsequenzen ziehen. Das ist, denke ich, ein wichtiger Punkt für dieses: Wo entsteht Frust?

GO: Ist ein Angebot das gleiche wie ein Vertrag?

Ja, also da gibt es vielleicht Unterschiede. Manchmal von etwas größeren Unternehmen, die dann darauf basierend einen Vertrag schicken wollen. Das ist aber dann ganz wichtig, den auch nochmal durchzulesen und nicht einfach zu unterschreiben. In der Regel, wenn du angefragt wirst als Dienstleister, machst du ein Angebot. Da schreibst du eben diese ganzen Sachen rein, die für dich wichtig sind. Das sind sozusagen die AGBs, und die gelten auch als Vertrag. Das ist ein Vertrag. Meistens steht auch als Klausel irgendwo in diesen AGBs drin, dass wenn das Projekt losgeht kein Widerspruch eingelegt wird, gilt das als Gesetz. Das hält sich ja im Rahmen. Das sind keine 100 Seiten oder so. Leute, die sich das durchlesen und sagen: Hm. Moment mal! Das bedeutet, wenn ich eine Anfrage für dich am Wochenende habe, dann kostest du mehr ? Dann hat man ein Gespräch und da kann man sagen: Aber ich kann nur am Wochenende Feedback geben und ich brauche das dann. Und dann fängt das Feintuning an, wo ein Vertrag wirklich sinnvoll ist.

AGBs zu haben ist super wichtig. Es gibt schon auch mal so ein paar, sage ich mal so kontextuelle Alternativen wie für Start-ups. Da mache ich immer eine Kill-Fee rein, wenn das Ding abgebrochen wird. Da müssen die neunzig Prozent trotzdem zahlen. Egal ob ich erst angefangen habe, Entwürfe zu machen, dann kriege ich das ganze Geld. Und wenn ich das nicht bekomme, dann geht es vor Gericht. Das ist halt das Ding, du willst dich halt absichern.

GO: Wie setzt du einen Preis auf deine Arbeit?

Das ist eine sehr gute Frage und leider auch eine sehr schwierige. Ich würde es gerne ganz einfach beantworten, aber das ist ähnlich wie mit diesen Offerten natürlich. Also ich sag mal, natürlich gibt es einen Preis, den du haben solltest, von dem du auch nicht abweichen solltest. Theoretisch in einem Best Case Szenario. Aber die Realität sieht dann eben nun wieder ein bisschen anders aus. Zum Beispiel Faktor: Sehe ich das Potenzial, dass sich das in eine längerfristige Zusammenarbeit entwickelt? Und damit ist nicht gesagt, dass der Kunde mir einfach sagt: Ja, ja, da ist da noch mehr Arbeit. Ja, wir machen das jetzt für fünfzig Euro und ich frag dich dann noch mal an. Das wird nicht passieren. Wenn der Satz fällt, dann kann man einfach direkt Nein sagen. Sondern wirklich: Sehe ich das Potenzial, dass da vielleicht noch mehr geht? Und gehe ich das Risiko ein und mache das zu einem Investment? Das kann funktionieren, ist aber ein Investment. Ich glaube, es ist wichtig, wenn man selbstständig ist, Investments zu machen.

Das macht jemand an der Börse genauso. Es ist eine kleine Wette. Die kann sich bezahlt machen. Oder auch nicht. Aber dann habe ich was draus gelernt. Und wichtig ist es, genauso wie an der Börse auch nicht alles auf ein Pferd setzen, breit zu streuen, gewisse Dinge abzugrasen, wo man sagt: Okay, da bekomme ich auf jeden Fall mein Geld zurück. Und da, da setze ich sozusagen achtzig Prozent meiner Energie und Zeit drauf. Und nehme dann aber mal einen kleinen Job, der mir halt vielleicht ein bisschen weniger zahlt. Aber ich denke so, das könnte was werden. Den nehme ich dann mit und sehe das als Investment. Dass dieses flexible Gerüst auch die eigene Arbeit und Zusammenarbeit als Investment zu sehen ist, glaube ich schon wichtig.

Ich habe noch niemanden getroffen, der nicht schon unter Wert irgendwie gearbeitet hat. Oder nur für den eigentlichen Wert gearbeitet hat und damit erfolgreich geworden ist oder andersrum damit total unerfolgreich geworden ist. Ich glaube, auch hier liegt ein bisschen die Krux darin zu sagen: die Dosis macht das Gift. Wenn du immer Jobs unterbezahlt machst, dann beutest du dich einfach selber aus. Und da kann mir auch niemand sagen, dass du in allem ein Investment siehst. Da belügst du dich offensichtlich selbst. Und da muss man diese Problematik tatsächlich selbst therapeutisch mal angucken und sagen: So, das kann nicht sein, dass jedes Projekt für mich ein Investment ist. Also da muss man irgendwie eine andere Strategie entwickeln und eben eine Diversität eröffnen, wo ich sage, okay, ich mache vielleicht auch einen Minijob. Es ist immer möglich, einen Minijob zu machen, der nicht in deinem Portfolio landet.

Es gibt so, so viele Studios, die wir auf ein Podest stellen, so toll finden, weil die nur kreative Arbeit machen. Die verdienen damit sicher nicht ihr Geld. Es ist unglaublich wichtig, den Unterschied zu machen und zu erkennen zwischen: Was ist mein Image, auf wen möchte ich attraktiv wirken, was ist meine eigene Story und und und und. Aber nicht denken, dass man nur das die ganze Zeit macht. Es ist fast bescheuert, dass man nicht darüber spricht, was man für manche Jobs macht, weil man sich dafür schon fast schämt. Weil es so aussieht, als würden alle nur ihrer Passion hinterhereifern. Ich habe total Kackjobs in meinem Leben schon gemacht, auf die ich nicht stolz bin. Aber darüber kann ich trotzdem reden, weil das halt einfach Geld bringt. Und das ist wichtig, um meinen Traum, um meiner Vision irgendwie ein weiteres Puzzleteil hinzuzufügen. Diese Art von Realität fällt, glaube ich, sehr schwer, nach dem Studium zuzulassen. Das war bei mir auf jeden Fall so und ich dachte jedes Mal so, wenn mich der Job nicht zu 100 Prozent erfüllt, dann ist es ein Kackjob und das zieht mich nur runter. Oder im schlimmsten Fall wirft mich das in meiner Karriere nur zurück und das ist falscher Stolz. Da bringt dich nicht der Job weiter, sondern da bringt dich dein eigenes Mindset nicht weiter. Weil alle Leute, von denen ich viel halte und die meiner nach meiner Definition erfolgreich sind. Damit meine ich nicht unbedingt monetär oder irgendwas anderes. Die machen fast alles. Die sind sich nicht für nichts zu schade. Die wissen aber trotzdem einfach, was sie als Person ausmacht. Und das bedeutet nicht, dass du nicht irgendwie für einen Bäcker ein Logo machen kannst. Das kannst du trotzdem machen, auch wenn du gerne nur in der Kunst- und Kulturindustrie arbeitest. Der Bäcker freut sich auch über ein Logo von dir. Wenn der dir gutes Geld zahlt, warum nicht? Das muss ja nicht in deinem Portfolio landen.

GO: Arbeit sollte man also nicht immer idealisieren?

Nicht alles an der Arbeit muss Selbstverwirklichung sein. Jeder Mensch, der aufsteht und sagt so irgendwie, jetzt, heute, irgendwie noch mal morgens ins Gym gehen, weil ich besser aussehen oder gesünder leben möchte. Der Weg dahin, der wird immer beschissen sein. Man muss ganz viele Sachen machen, die einem keinen Spaß machen und die vielleicht eher sekundär zur Vision hin zum Erfolg führen. Aber so ist es bei der Arbeit auch. Wenn ich irgendwelche Jobs mache, die vielleicht nicht im Portfolio landen, aber einfach Geld geben und mir die Absicherung geben, dass ich zum Beispiel einen unbezahlten Job annehmen kann, der für viele dann aussieht wie so ein Pilotprojekt, wo, ich ganz viel eigene Zeit und Energie reinstecken kann, weil das ein Idealismus von mir ist, irgendein Projekt so und so zu machen. Na, warum sollte ich diesen einen Job nicht machen, der mir das ermöglicht? Keine Scheu haben, Arbeit nicht zu extrem zu idealisieren. Das finde ich auch wichtig. Ja, wirklich jeder macht irgendeinen verrückten Kackjob, über den nicht geredet wird. Wo einem die Ohren schlackern würden und du denkst: Sowas, das machen die? Das kann irgendeine krasse Agentur sein, die für Lidl Prospekte macht, weil die einfach ein geiles Gehalt zahlen und für die einfach das bedeutet, ich beschäftige damit eine Person, habe vielleicht sogar einen Arbeitsplatz kreiert und in neunzig Prozent der anderen Zeit mache ich die geilen Projekte, für die ich bekannt bin. Warum denn nicht? Ist doch geil.

GO: Wie finde ich heraus, was der Wert meiner Arbeit ist?

NWenn du nach bestem Gewissen dein eigenes Leben beurteilst, weißt, was deine Ausgaben sind, dann weißt du auch, was du ungefähr verdienen musst. Das ist natürlich auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Und deswegen ist es so individuell. Nicht jeder hat den gleichen Lebensstandard. Nicht jeder hat die gleichen Ziele.

Ich glaube, der wichtigste Stepp dazu ist eine relativ späte Realisation. Jeder hat ein eigenes Empfinden gegenüber Geld. Das ist wirklich verrückt, weil wir ja immer nur aus unserer Perspektive heraus dieses Thema für uns jagen. Was ist der Wert, was kostet was? Ein extremes Beispiel, ohne jetzt gegen eine ganze Nation zu gehen. Aber um es vielleicht trotzdem ein bisschen bildlich zu machen: Wenn ich einen Auftrag aus der Schweiz bekomme. Das sind Leute, die vielleicht für fünfzig Franken oder so einen Burger essen gehen. Und für dich hier wäre das vielleicht ein Stundenlohn nach der Uni oder so, wo du denkst: Wow, jetzt verdiene ich viel. Wer gibt für was gerne Geld aus? Das ist fast schon wieder ein philosophisches Thema. Meiner Erfahrung nach ist es nie das Problem gewesen, dass nicht Geld da ist, sondern dass die Person vielleicht für Projekt A oder B nur so viel Geld ausgeben möchte. Das sind Prioritäten. Und das merke ich ja selber bei meiner Arbeit, auch wenn ich irgendjemanden beauftrage. Ich weiß ja, was auf meinem Konto ist und was ich ausgeben kann. So theoretisch. Aber natürlich fällt der Satz: Ja, das ist zu teuer oder das geht nicht. Am Ende des Tages ist es eigentlich gar nicht wichtig, sondern wichtig ist, dass man eine Grundlage schafft, über Geld zu reden. Und niemals denkt: Wenn ich da jetzt was hinschreibe und das mag die andere Person nicht lesen, dann kommt ein Cut. Ich habe es schon erlebt, da habe ich eine für mich fucking unverschämte Summe irgendwo hingeschrieben und das ist No-Comment durchgegangen. Und da dachte ich mir: Das kann doch nicht sein, das ist doch irre!

Und andersrum genauso. In Momenten, wo ich dachte, aha, da tue ich denen noch einen guten Gefallen. Da waren sie überrascht, dass das 500% mehr war als erwartet. Also, dass da am Ende eine Zahl steht, die irgendwas beim Gegenüber auslöst, sollte nicht in deine eigene Bewertung mit übernommen werden. Ich möchte wirklich ganz arg dafür plädieren, sich zu überlegen, was jeder braucht. Natürlich nicht ohne schlau zu sein. Natürlich werde ich in einer Firma, die 100 Angestellte hat, einen anderen Stunden- oder Tagessatz nennen als eine Einzelperson, Künstler, Künstlerinnen oder so, wo irgendwie klar ist, die halten sich mit Stipendien über Wasser. Da darf man ja auch flexibel sein. Aber nichtsdestotrotz glaube ich, sollte man sich davon entmutigen lassen, in Situation A oder B eine Ziffer reinzuschreiben, wo man selber davon ausgeht zu wissen, dass die andere Person das vielleicht zu hoch oder zu niedrig findet. Man kann es ultimativ nur am Ende wissen, wenn diese E-Mail zurückkommt und sagt: So passt, passt nicht. Wenn jemand und das ist natürlich auch schon vorgekommen, sich aufgrund dessen gar nicht mehr melden sollte, sollte nicht das Feedback sein: Oh je, oh je, was habe ich gemacht? Sondern: na Gott sei Dank meldet sich diese Person nicht, weil ich kann dir zu 100 Prozent garantieren, diese Zusammenarbeit wäre sowieso beschissen geworden. Ja, das ist eine Red Flag. Sich auf Grund von sowas nicht mehr zu melden oder dich zu ghosten, da ist Kommunikation und Zusammenarbeit sowieso schon auf dem Holzweg. Das ist deine Versicherung, dass du da noch mal die Kurve bekommen hast. Weil wenn du das nicht machst, gibt es genau Szenario A und B. Szenario A: Du hast einen Scheißpreis genannt. Du knirscht jedes Mal mit den Zähnen, wenn irgendeine Designrunde abgezeichnet wird. Dann kommen noch Korrekturen, die im schlimmsten Fall nicht ausgehandelt wurden. Die Person sagt: wie, das kostet extra? Und du machst das dann auch noch umsonst. Und jede Interaktion mit dieser Person? Ist beschissen, weil keinerlei Wertschätzung da ist und du die ganze Zeit bei jeder Interaktion denkst: Ich tue dir doch nur einen Gefallen und es kommt keine Wertschätzung zurück. Da kommt wieder Frust ins Spiel. Warum? Weil du deine eigene Grenze ja schon direkt am Anfang übertreten hast und gar keine Verhandlung stattgefunden hat…

Szenario B: Die Person meldet sich nicht. Du denkst vielleicht, du hast einen Fehler gemacht, aber du hast jetzt wieder Raum und Zeit, eigene Aktionen zu machen. Vielleicht sogar jemanden anzuschreiben, mit dem du ein Projekt machen möchtest und bist nicht irgendwie gelähmt durch eine toxische Arbeitsbeziehung mit irgendjemandem, der dich gerade ausbeutet und brauchst eigentlich auch noch zwei Wochen danach, um dich davon wieder zu erholen? Also es ist wirklich natürlich nicht schön, kein Feedback zu bekommen auf einen Preis oder so, aber ich sag mal, in der besten Welt wird jeder mit dir danach das Gespräch suchen und dann ist es an einem selbst gelegen, wie flexibel man sein möchte. Aber ich kann nur empfehlen, und das sehe ich bei vielen Kollegen auch, die schicken leider schon einen Dumpingpreis hin und dann kannst du dir vorstellen. Wie auf dem Basar auch, es geht immer darum, noch günstiger zu werden. Also warum sollte man sich Verhandlungsspielraum nehmen lassen? Das ist einfach nicht gut. Wenn du schon weißt, okay, das wird vielleicht tight. Schick trotzdem diese Ziffer. Schreib hin: Hey, ich denke, das ist vielleicht ein bisschen viel, oder? Lass uns gerne darüber reden, wie wir das zusammen ermöglichen. Einladen zum Gespräch. Geld ist nie das Problem. Wirklich. Es ist wirklich Geld da. Die Frage ist nur, wie hoch ist die Priorität der anderen Person? Für uns ist es natürlich, weil es unser Beruf ist, immer Priorität Nummer eins. Aber auf einem anderen Blatt ist natürlich ein Unternehmen, was vielleicht Ausgaben für Design macht, Ausgaben für Marketing, Ausgaben für Text. Weißt du. Die haben eine ganz andere Rechnung. Die haben Budgets. Aber was dann passiert ist ein Gespräch und die Möglichkeit zu sagen: Okay, pass auf, ich mache das günstiger für dich, aber… und dann lass dir was einfallen. Dafür gibt es kein Poster, oder so? Es ist am Ende des Tages immer noch ein Exchange of Gods. Es sollte sich so anfühlen, als wäre es gleich. Das sind Äpfel für Birnen. Wenn du mehr Äpfel willst, dann musst du mehr Birnen geben. Und wenn der andere weniger Birnen haben möchte, dann brauchst du vielleicht mehr Äpfel. Und deswegen muss man, finde ich, auch Konsequenzen setzen mit späterer Zahlung usw. Das ist die Wertschätzung deiner Arbeit. Das sind immer die Leute, da. Und noch zehn Follow-ups haben und Emails schreiben mit Korrekturlisten. Die wollen es ganz genau haben, aber lassen sich ganz viel Zeit später mit der Bezahlung. Und da muss man dann aber auch sagen: Hey, wenn du so pedantisch bist, dann muss ich leider auch pedantisch sein. Das macht dich ja nicht zu einem schlechten Menschen. Das bedeutet nur, dass du deine Grenzen kennst.

GO: Sicherheit wächst mit Erfahrung

Man fängt natürlich nicht bei 300 Euro oder was weiß ich an. Wenn du dann Art Director bist, dann kannst du vielleicht 300 Euro pro Stunde bestimmt irgendwann mal aufrufen. Aber da hast du natürlich schon ein paar Sachen unter deinem Gürtel. Ich glaube, das Wichtigste ist so ein bisschen halt Gefühl und Realität zusammenzubringen. Mit Sicherheit hat jeder anfänglich ein bisschen Schwierigkeiten, sich für den Wert zu verkaufen, den man wert ist. Weil das ja bedeuten würde, wenn das jemand anzweifelt, müsste ich das verteidigen. Was mache ich denn, wenn jemand sagt: So, du, also ich weiß nicht, 80 Euro die Stunde oder 100 Euro die Stunde ist ein bisschen viel. Dann wäre ich ja gezwungen zu sagen: Nö, eigentlich nicht, weil das und das und das. Natürlich möchte auch niemand dieses Gespräch führen, weil die Konsequenz daraus auch sein könnte, dass man dann sagt: Ja, sorry, wenn es dir nicht wert ist, dann mache ich ein Projekt nicht oder ich mache es günstiger. Das ist eine Realität, die man sich vorbereiten kann. Wenn ich diesen Wert aufrufen möchte, dann kann ich mir auch ein, zwei Sekunden nehmen, um zu überlegen: So, wie möchte ich denn darauf reagieren, wenn das jemand als anfechtet? Kann ich diesen Wert verteidigen? Wenn ich das nicht kann oder mir denke, das wird schwierig, dann ist es vielleicht was für das nächste halbe Jahr. Wenn ich dann noch zwei Projekte mehr gemacht habe und ich mich sicherer fühle, weil ich dann sagen kann: Hey, ich habe hier schon drei Projekte gemacht. Klar kann ich das. Natürlich ist es das wert. Das wächst natürlich mit der Zeit und mit Proof of Concept.

GO: Leidet der Beruf Grafikdesigner*in darunter, dass er nicht geschützt ist?

Unser Gespräch geht ja viel um Selbstständigkeit. Es gibt aber auch andere Arbeitsmodelle. Angestellt sein? Da hat man nicht weniger die gleichen Battles. Da muss man auch Gehaltsverhandlungen führen mit seinen Vorgesetzten. Das ist vielleicht eher intern, das muss man nicht immer mit einer neuen Person, aber trotzdem immer mal wieder machen. Und ich glaube, was ich eben so ein bisschen voranstellen will, ist, dass jeder, der aus der Uni kommt, sich die Frage stellen muss: Wie viel Selbstverwirklichung will ich in meinem Job haben? Manche Leute, die sind super gute Designer, wo ich immer dachte, du musst auch selbstständig sein, wie kannst du dich für einen anstellen lassen und die Visionen anderer umsetzen? Aber deren Erfüllung liegt vielleicht mehr in der Selbstverwirklichung durch den Job, als wie ich das vielleicht empfinde für mein Leben. Die Uni ist ein abgeschlossenes System. Niemand kann dir da gefährlich werden. Alles ist schön und toll, es gibt Gelder, man hat sowieso das Privileg, studieren zu können. Das ist ja alleine schon ein Umstand, den nicht viele Leute haben. Und man kann sich da mit Dingen beschäftigen, die sage ich jetzt mal erstmal nichts mit der Welt zu tun haben. Das ist erst mal toll. Und diesen Realitätscheck mit wie viel Selbstverwirklichung möchte ich in meinem Beruf haben und wie viel möchte ich vielleicht aber auch dann aber in privater Zeit vielleicht mit meinen Freunden verwirklichen? Das muss man sich am Anfang, glaube ich, fragen und sich dann im Klaren sein, dass Selbstverwirklichung immer mit einem enormen Aufwand verbunden ist, egal wo, egal mit was? Ist die Priorität Sport und weniger vielleicht einen Freund treffen und paar Abende, die versoffen sind und irgendwie damit enden, dass man um sechs Uhr nachts nach Hause kommt. Man muss sich die Frage nach der eigenen Identität stellen. Und man kann nur enttäuscht werden, wenn man die falsche Entscheidung getroffen hat, nämlich angestellt zu sein, obwohl man selbstständig sein will oder visa versa. Selbstständig zu sein, obwohl man vielleicht das Bedürfnis nach Sicherheit hat, von einem klaren Job, wo mir jemand sagt, was zu tun ist, wo ich nicht die Verantwortung habe, mein Design vor einem Kunden zu verteidigen, sondern es muss ein Creative Director für mich machen. Das ist unglaublich wertvoll. Auch das mag aber nicht für jeden sein. Und ich glaube, wenn du ein Top Gestalter oder Gestalterin bist, bedeutet es nicht, dass du selbstständig sein musst oder lost Potential hast, wenn du dann angestellt bist. Wenn du die Selbstverwirklichung darin siehst, in einem Team zu arbeiten und diesen ganzen nervigen Scheiß nicht zu machen zu müssen, weil dich das nicht verwirklicht, da musst du den extra Effort betreiben und in mehreren Firmen gucken, wo ein geiles Designteam ist. Wo halt nicht alle auf die Uhr gucken und um fünf Uhr dann raus sind, sondern die was reißen wollen. Und das gibt es sicherlich irgendwo auf der Welt auch inhouse. Ich will meine eigenen Ideen vor Kunden präsentieren und dann selber entscheiden können, wie es weitergeht. Ergo muss ich selbstständig sein. Aber es gibt Leute, die sehr, sehr gute Arbeit in Inhouse Teams machen und das ist geil.

Und dann gibt es eben auch die Frage nach dem Gehalt? Als Selbstständiger hast du mit jedem Projekt eine neue Chance, dein Gehalt zu verhandeln. Ich kann sozusagen jeden Monat mein Gehalt anpassen. Ein Angestellter muss vielleicht ein Jahr warten, aber kann dann mehr fundierte Veränderungen festlegen, die dann auch für ein Jahr gültig sind. Das ist im Prinzip alles das Gleiche. Das sind alles die gleichen Battles. Und ich sage mal, als Angestellter kannst du genauso clever Business machen wie jemand, der selbstständig ist.

GO: Unterschiede in Designberufen...

Die Kernaussage glaube ich, die ich treffen möchte, und warum ich das eben auch so wichtig finde, was du da machst, ist mit der Illusion aufzuräumen, dass Derjenige, der die kreativere, bessere Arbeit leistet, erfolgreicher wird. Es gibt eine Schnittmenge von Leuten, die man kollektiv cool findet, die gute, kreative Arbeit machen und erfolgreich sind. Die haben beide Parts, die sind gut, kreativ, aber wissen auch, wie man Business macht. Und dann gibt es ja auch diese Dinge, so wo man sich selber ertappt, wo man sich denkt: Boah Alter, warum kriegen die schon wieder den Job, die sind so kacke und die machen so blöde Arbeit. Aber die kriegen die ganze Zeit neue Aufträge. Warum können die sich vor Arbeit nicht retten? Dann machen die vielleicht den Business Part richtig gut. Du musst über das, was du machst, nicht nur kreativ nachdenken, sondern auch unternehmerisch.

Es gibt immer noch dieses Arrogante: Ich muss nur geniale Arbeiten machen und dann findet mich schon jemand. Das hat auch noch nie mit einem erfolgreichen Musiker funktioniert. Wenn man sich Interviews anhört von irgendwelchen krass erfolgreichen Rappern, Musikern oder irgendwelche anderen Kreativen, die sitzen immer irgendwann einmal im Interview und sagen: Ich habe gehustlet wie ein Idiot. Ich bin zu allen hingegangen, habe allen Emails geschrieben, habe all meine fucking Mixtapes in den Briefkasten geschmissen, weil ich kein Geld hatte, um das Porto zu bezahlen. Das sind nicht die, die denken: Ich bin genial und es reicht, wenn ich jetzt mal einen Song auf YouTube hochlade. Du musst da hinterher sein, du musst das bewerben, du selber von dir überzeugt sein. Nur wenn du selber von dir überzeugt bist, gibt es überhaupt die Chance, dass dir jemand glaubt. Das hat viel mit dem Imposter-Syndrom zu tun, dann fühlt man sich, als würde man mehr aus sich machen als man ist. Kann ich auch alles verstehen. Aber die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

Wir machen uns auf jeden Fall, sage ich mal, mindestens vierzig Prozent schlechter als wir sind. Und ich glaube, viele sind noch weit davon entfernt zu übertreiben. Sag: Hey, ich kann das. Oder es ist auch nicht schlimm zu sagen, das kann ich nicht, aber das kann ich lernen oder das möchte ich gerne probieren. Just be honest. Niemand wird dich kicken. In einem Projekt kannst du auch sagen: Hey, das ist nicht unsere Expertise, aber wir machen das mit und vielleicht machen wir das auch erstmal umsonst, weil wir nicht wissen, ob es gut ist. Und wenn dir das gefällt, dann hast du das im Portfolio. Das sind halt diese ganzen Strategien. Zum Beispiel sich auch was zu erschließen, wo man sagt: okay, da habe ich aber noch nicht viel Erfahrung. Aber das kann ich jetzt gerade verbinden mit Ausstellungsdesign, weil ich wurde angefragt für ein Poster zu einer Ausstellung, aber ich habe eigentlich Bock, Ausstellungsdesign zu machen und vielleicht packe ich das irgendwie mit rein und sage ich mache Signage noch dazu, weil mich das interessiert. Vielleicht eben auch einmal Free of charge. So, das ist halt. Aber dann hast du das Ding im Portfolio. Später sieht es aus, als hättest du den Auftrag direkt dafür bekommen. Ich glaube, das Kräfteverhältnis ist sehr gering für das, wofür du angefragt wirst und was du daraus machen sollst. Ich habe viele Jobs schon gemacht, wo ich selber noch eine Idee gepitcht habe, wofür ich gar nicht

GO: Wie kommst du an Aufträge? Betreibst du Akquise?

How to get Jobs basically, so make it smart. Ist natürlich die Antwort wieder. Was man befürworten muss, ist Akquise machen. Mache ich auch. Für die Kunsthalle in Leipzig, wurde ich nicht angefragt. Das war ich. Bin auf die zugegangen, weil ich fand, dass die eine scheiß Webseite hatten und weil ich in Leipzig studiert habe. Ich kannte den Ausstellungsort und ich habe es in meinem Kopf nicht zusammen bekommen, warum die so eine beschissene Identity haben aber so einen tollen Ausstellungsort. Die sind in so einem alten Bahnpostgebäude direkt neben dem Bahnhof. Das ist ein riesen White Cube. Das ist wirklich, als wäre das irgendwie eine Galerie in New York. Manhattan. Unglaublich große Fläche, aber ein Design. Identity von. Von von. Von keiner Expertise geprägt. Also wirklich Kraut und Rüben. Und das war auch wieder ein Learning. Die sind ein kleiner Verein und bekommen den Ort für einen symbolischen Preis vom A&O-Hostel nebenan vermietet. Die haben da einen geilen Space und haben aber vielleicht zu dem Zeitpunkt noch gar keine Ahnung gehabt, wie man so einen Space mit einer Identity verbindet. Das ist diese Diskrepanz. was nehme ich wahr und was ist tatsächlich die Realität? Was findet da statt? Wissen wir ja häufig nicht. Wir lassen uns dann nur davon blenden, dass wir denken: Oh, die haben so einen Riesenspaß. Wenn die nicht jetzt eh schon eine krasse Website haben, dann wollen die das gar nicht. Ja, es stellte sich raus, die wollen schon, aber haben keine Zeit und wissen auch gar nicht wen und wie. Ja und das das war einfach ein Lucky Moment, dass ich da war, noch kurz nach meinem Studium. Den Mut hatte, einfach zu sagen: Hey, ich kenne euch, ich habe in Leipzig studiert. Personal Story. Also, um es mal runterzubrechen. Natürlich nicht einfach Portfolio hinschicken sagen: Yolo, geil, ich finde euch cool, lass mal was machen. Da wird werden wahrscheinlich sehr, sehr wenige Leute drauf antworten. Man muss natürlich eine Idee stiften. Also nur mit Hallo sagen ist nicht. Sondern ich glaube, es ist sehr wichtig, selber schon eine Vorstellung zu haben davon, was ich denn machen möchte. Und das ist natürlich zeitintensiver, als sich eine E-Mail Liste zu machen mit potenziell fünfzig Unternehmen oder Leuten, mit denen man zusammenarbeiten möchte, denen man allen den gleichen Text schickt und ein Portfolio anhängt. Aber was ist Quantität, was ist Qualität? Ich glaube, wenn man sich hinsetzt und in der gleichen Zeit, wo man vielleicht nur drei Unternehmen oder Leute anschreibt, wo man sich wirklich denkt, die machen immer geile Skulpturen und die haben eine Webseite und irgendwie würde ich voll gerne was für die machen. Das ist ein Entry-Ticket, das du da hast. Du hast doch schon die Idee, du hast schon die Vision und die freuen sich ultra, wenn jemand kommt.

Ich würde sagen, auf jeden Fall immer Akquise machen, da ist nichts Blödes dabei. Ich finde es sogar fast noch geiler als angeschrieben zu werden, um ehrlich zu sein. Du kannst dir ja so deine potenziellen Kunden aussuchen. Deine Eltern kannst du dir nicht aussuchen, aber deine Freunde schon. Und natürlich ist es cool, angeschrieben zu werden und jemand hat dich gefunden und das ist immer wieder toll fürs Ego. Aber das heißt ja eigentlich nicht immer, dass du mit den Leuten auch zusammenarbeiten willst. Ich arbeite bis heute das dritte Jahr mit der Kunsthalle Leipzig immer noch zusammen. Das ist eine qualitativ hochwertige Arbeit mit einer qualitativ hochwertigen Arbeitsbeziehung, um die ich mich bemüht habe. It’s as simple as that.

GO: Initiative ergreifen Dinge zu machen

Es liegt unglaublich viel Potenzial darin, selber die Initiative zu ergreifen und dir selber die Kunden rauszusuchen, weil du ja schon ein Bauchgefühl hast, ob jemand cool oder nicht cool ist. Oder ob du vielleicht mit jemandem zusammenarbeiten willst, weil du sogar noch was lernen kannst oder interessant findest. Und meistens, wenn du wirklich jemanden hast, mit dem du gerne was zusammen machen willst, hast du schon eine Vision und das reicht meistens von dieser Vision zu reden und dann hast du schon die Aufmerksamkeit. Mehr als zu wissen: okay, ich habe keine Jobs, ich brauche aber Jobs, also schreibe ich jetzt einfach mal irgendwie 100 Museen an und frage, ob die gerade was brauchen. Ja, da kann ich dir genau sagen, was zurückkommt. Entweder: Ja, vielleicht. Lass mal reden. Oder: Nein, danke. Wir haben schon. Oder gar nichts? Ja. Wahrscheinlich neunzig Prozent. Das Allerbeste ist ein ehrliches Interesse entwickeln und darauf basierend agieren.

Als letzten Tipp nicht nur für dich, vielleicht auch für andere, die das lesen. Ich glaube, für mich war das Wichtigste, so früh wie möglich Praktika zu machen. Und nicht in großen Firmen, sondern in kleinen, wo man selber mit mit dem Chef oder der Chefin in Meetings sitzt. Das war für mich das Beste. Zu zu sehen, zu adaptieren, zu lernen, wie jemand das eigene Design verkauft. Dich in so viele Prozesse wie möglich reinzunehmen. Das passiert meistens nur in kleineren Unternehmen, wo ein, zwei, drei, vier Leute arbeiten. In die richtig interessanten Prozesse reinkommen, wie Angebotsschreiben. Mal in so ein erstes Meeting mit reingehen. So hey, lass mal zum Mittagessen treffen und lass mal über Geld quatschen. Wenn dich da jemand mitnimmt, das ist geil. Und das passiert meistens nur in so Solo-Studios. Ich habe die Rechnungen gesehen, ich habe gesehen, wie Angebote geschickt wurden. Ich bin mittags Essen gewesen und auch abends zum Feiern. In den ganzen Tag irgendwie eingebunden worden. Und das war für mich, glaube ich, die coolste Erfahrung.

Ganzes Interview: Herburg Weiland

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Gates Open (GO): Wie habt ihr angefangen nach dem Studium zu arbeiten?

TOM ISING: Also ich habe mein Studium hingeschmissen nach dem siebten Semester und habe angefangen beim Jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung, was im Nachhinein auch eine sehr gute Entscheidung war, auch wenn ich keinen Abschluss habe. Es hat mir nichts geschadet. Im Gegenteil. Ich habe einfach eine super Chance gehabt und sie ergriffen. Das würde ich allen empfehlen. Keine Angst vorm Experiment.

HANS FINDLING: Ich bin hier über das Praktikum reingekommen und habe dann eigentlich schon gewusst, ja klar, wenn ich fertig bin, dann komme ich wieder hier hin. Ich stand daher nie vor diesem großen Moment, “Nächstes Jahr habe ich meinen Bachelor und dann weiß ich gar nicht, wohin mit mir." Ich könnte jetzt auch gar nicht sagen, was jetzt ein Ratschlag wäre für jemanden, der nicht weiß, wohin mit sich. Weil ich nie vor der Frage stand.

GO: Welche Battles fechtet man aus, wo schließt man Kompromisse, wie geht man mit Frust um?

TOM: Also ich glaube, je jünger man ist, desto mehr Battles sollte man ausfechten. Direkt nach dem Studium sollte man möglichst einhundert Prozent ausfechten und wenn man dann mal so ungefähr in meinem Alter kommt, dann darf man da altersmilder und weiser sein und muss, glaube ich, nicht mehr ganz so viel ausfechten. Einfach weil man eine gewisse Erfahrung hat. Aber die muss man schon selber sammeln.

HANS: Der Beruf des Designers oder der Designerin ist ja immer eine Dienstleistung. Du hast immer ein Gegenüber, egal ob das jetzt ein cooler Sauerteigbäcker ist in Neukölln oder ob das irgendein krasses mittleres Management in einem Riesenkonzern ist. Du hast immer ein Gegenüber. Und der Beruf des Designers Designerin: Ist der jetzt künstlerisch?

TOM: Ja und Nein. Es gibt bestimmt ein paar Aspekte, würde ich auch sagen. Aber halt nicht ausschließlich. Würdest du Kunst machen, würdest du es ja nur für dich selbst machen. Also mal ganz streng genommen. Und dann gucken, wo der Erfolg herkommt. Und dadurch, dass du immer ein Gegenüber hast, kannst du dich entscheiden. Bist du eher ein künstlerischer Designer oder eher so ein “Ich mach dir alles recht" Designer. Was übrigens eine Diskussion ist, die nicht nur auf Einzelpersonen zutrifft, sondern auch auf Agenturen. Wir stellen uns genau die Frage auch gerade.

TOM: Das zeigt sich zum Beispiel auf der Webseite. Wir hatten sehr lange eine, ich nenne es jetzt mal eine relativ kryptisch coole Webseite. Da stand der Name, sagte einem nichts. Dann kam da so ein Showreel, das schnell geschnitten ist und unten halt irgendwelche Instagram-Einträge, das war's. Dann gab es noch eine Info, da stand so ein bisschen verschwurbelter Text und dann kamen da irgendwie so fünf tausend Awards drunter. Das ist ja auch irgendwie so eine Ansage. Wir hatten ja noch nicht mal unsere Leistungen aufgeführt. Niemand, der jetzt nicht super Design-affin ist, konnte wissen, was wir überhaupt sind oder was wir überhaupt machen, wofür man uns überhaupt buchen soll. Das war für jemanden, der nicht design-affin ist, eigentlich nicht zu verstehen. Das muss man wirklich mal so sagen. Das haben wir inzwischen geändert. Jetzt sind wir gerade wieder an so einem Punkt, wo wir eigentlich überlegen: Drehen wir das wieder zurück, bleiben wir eher so kryptisch cool? Dass es eher die Insider checken. Und vielleicht aber auch die, die nicht ganz Insider sind, die aber auch das Coole haben wollen. Spricht man Kunden an oder macht man sich halt super erklärend verständlich? Durch diese Positionierung deiner selbst oder deiner Agentur hast du eigentlich schon eine Aussage getroffen zu diesen Battles. Du kriegst es gar nicht mit, weil das Battle ist auf Kundenseite. In dem Moment, wo die bei sich sitzen und sich überlegen, welche Agentur rufen sie jetzt an? Und im Optimalfall kommt da jemand, der bei dir gelandet ist, mit dem verstehst du dich so gut, dass es kein Battle ist.

HANS: Es hat irgendwie etwas Negatives, weil bei einem Battle, da geht es ja um Krieg. Da geht es ja darum, es gibt Verlierer und Gewinner. Und eigentlich sollte es in einer guten Zusammenarbeit keinen Gewinner oder Verlierer geben, sondern es sollten nur Gewinner geben. Wenn man mit einem Kunden der Kundin diskutiert als Dienstleister, dann bricht man sich keinen Zacken in der Krone, weil die sind ja auch Experten auf ihrem Spielfeld. Es ist total okay, wenn die mal recht haben. Das muss man sich auch gegenseitig eingestehen. Man muss auch wissen: Wo sind die Kompetenzen auf der Kundenseite? Wo sind die Kompetenzen der Agenturseite? Und in der bestmöglichen Zusammenarbeit wird das gegenseitig erkannt und man wirft diese beiden Kompetenzen in einen Topf und dann gibt es gar kein Battle. Weil dann gibt es einfach ein geiles Ergebnis und das ist das, was man sich immer wünscht. Das findet aber nur statt, wenn die Leute sich für einen entscheiden. Ganz bewusst als Agentur hier anrufen und sagen: Hey, lass uns mal an den Tisch hocken, ich glaube, ihr seid genau die Richtigen und wir haben Bock, mit euch zu arbeiten. Bei geilen Matches gibt es auch keine Battles.

TOM: Das ist ein sehr guter Punk. Ich habe noch eine kleine Ergänzung. Ich habe hier mal für einen Praktikanten so was gemacht, ein "How-to-Kundenfeedback". Ich habe gemerkt, dass zum Teil Leute, die frisch von der Schule sind, manchmal nicht genau wissen, wie sie damit umgehen sollen. Und da war der erste Punkt, dass man das mal aufnimmt und zuerst mal sagt: “Kein Problem, schauen wir uns an.” Junge Designer*innen, die sich vielleicht zu stark auf der künstlerischen Seite verorten, haben damit ein Riesenproblem. Als erstes muss man es prüfen. Vielleicht ist es ja sogar eine gute Idee. Das kann ja auch sein. Deswegen sagt man zuerst mal: “Okay, interessant, kein Problem, schauen wir uns an.” “Wir” ist auch übrigens wichtig, nicht “ich”, weil “ich” bin nur ich als Einzelperson mit einem Einzelgeschmack. Da könnte man als Gegenseite sagen: “Du ja, du interessierst mich nicht." Deswegen habe ich auch seit Jahren ein Thema, dass man “wir” sagt und nicht “ich”. Das ist viel stärker. Ja, und dann muss man prüfen. Und wenn es eine gute Idee ist, dann würde ich es einfach machen. Ja, ist doch super. Ja. Also wird das Produkt besser am Ende. Und wenn es eine richtige Scheißidee ist, dann muss man halt überlegen, wie man damit umgeht. Es gibt schon auch Wünsche und Ideen von Kunden, wo man sich denkt: “Oh shit, das macht ja jetzt das ganze Ding kaputt”, und dann muss man halt in die Diskussion gehen.

Du brauchst immer gute Argumente. Wenn irgendjemand etwas sagt, dann haben sie irgendein Bedürfnis. Sonst würden sie es nicht sagen. Wenn sie total happy sind, würden sie sagen: "Perfekt, passt super, eins mit Stern nehmen wir so". Oft ist es so, dass Kunden dann sagen: “Ah, die Schrift gefällt mir nicht”, als Beispiel. Dann ist es aber manchmal gar nicht die Schrift, die ihnen nicht gefällt, sondern vielleicht irgendwas ganz anderes. Aber da Sie Laien sind, können Sie das gar nicht beurteilen. Ja, das heißt? Ich muss mal kurz überlegen, was sie eigentlich meinen. Was selten Kundensprech ist, ist, dass sie sagen, aber irgendwie fühle ich mich noch nicht so wohl. Die Temperatur stimmt nicht. Irgendwie sehe ich mich in zehn Jahren eher viel agiler oder so. Das heißt, man muss auch manchmal tiefer runtergehen unter das Feedback und erstmal versuchen zu erspüren, was dort eigentlich das Problem ist. Irgendein Problem gibt es und deswegen ist man immer gut beraten, gleich eine bessere oder eine neue oder eine andere Lösung anzubieten. Dann hat man es selbst in der Hand und es wird nicht kundengesteuert. Die sagen, ich habe eine schöne Schrift gesehen, die heißt Comic Sans. Könnt ihr es nicht mal mit der probieren…

HANS: Du kannst das Battle vermeiden, wenn du den Kunden gut verstehst, den Kunden gut lesen kannst. Dann kannst du was Geiles machen, was dir gefällt und was aber auch den Kunden abholen. Da sind wir wieder beim Thema Dienstleister. Das macht, glaube ich, einen guten, guten Designer in der Dienstleisterrolle aus: dass du den Kunden so gut lesen kannst, sein Anliegen verstehst und dann was machst, wo der sagt: Geil! Du hast mich perfekt getroffen. Dann gibt es auch kein Betteln mehr, weil du hast ihn abgeholt, hast ihn verstanden. Wenn es ein Battle ist, dann ist meistens das Match nicht ganz passend. Das perfekte Match ist selten, weil zum perfekten Match gehört so viel dazu, das ist Vertrauen, das ist ein zwischenmenschliches Verständnis, das hat mit dem Inhalt zu tun.

GO: Thema Scheitern

TOM: Wenn junge Menschen zum ersten Mal in den Job einsteigen, dann kriegen sie zum ersten Mal etwas, was eigentlich ein Misserfolg ist. Oder ein Dämpfer? Oder weil irgendjemand findet irgendwas nicht gut, was sie machen. Das kann jetzt ein Kollege oder eine Kollegin sein. Es kann der Boss sein, das kann aber auch eben auf Kundenseite sein. Das spielt erstmal keine Rolle. Dann ist auf einmal was da passiert. Was, was viele noch nie mitbekommen haben. Und zwar einmal, weil dieses ganze Designstudium ja so ist, du musst einmal auf diese Schule kommen und ab dann ist es eigentlich ein smoother Ride. Ich habe ja meinen Studenten. Einmal habe ich einer Studentin von mir meine zwei gegeben. Hat die sich beschwert bei mir? Hallo, eine zwei ist gut. Dreier und Vierer darf man gar nicht geben. Da ist man der Henker. Das heißt, diese, diese ehrliche Kritik. Diese offene. Dieses Scheitern, dieses Versagen. Auch das lernen junge Menschen tatsächlich nicht mehr so stark wie das vielleicht noch in der Zeit, an die ich mich erinnern kann, der Fall war.

Das hat übrigens auch ganz viel mit Social Media zu tun. Alle posten, ich habe was geschafft, ich habe den ersten Platz, ich habe einen geilen Job, ich habe eine super Ausbildung, ich habe einen super Preis auf zehn Kilometern, ich habe abgenommen usw. Niemand postet: Gestern habe ich mich wieder vorgestellt bei einer Agentur. Die haben mich abgelehnt. Mir geht es schlecht. Also das gibt es auch, aber das gibt es sehr, sehr selten. Ja, das ist eine reine ändert sich ein bisschen, aber es ist immer noch eine sehr affirmative Bestätigung der Erfolge quasi. So sind auch, so ist der Algorithmus, glaube ich, auch gepolt. So ist es auch aufgebaut. Und deswegen ist es so, dass viele Menschen, die ankommen, auch in ihrem ersten Job erst mal mit diesem Scheitern klarkommen müssen. Man müsste fast sagen, dass man auch am Scheitern scheitert. Mir hat mal ein Freund aus einer Agentur, ungefähr mein Jahrgang, gesagt, "ich nehme überhaupt niemanden mehr von der Schule, die sollen überhaupt erst mal kurz einen Job woanders haben und dann sollen die das Ganze scheitern lernen und dann sollen die zu uns kommen.” Dann ist es super, dann können die konstruktiv umgehen mit Kritik, können daraus was machen. Im Idealfall wächst du an der Kritik und am Scheitern. Ich weiß nicht, ob man das an Schulen besser beibringen Frust und Scheitern sind Sachen, die dazugehören und wie damit umzugehen ist und wie daran zu lernen ist, glaube ich, ist etwas, was in der Hochschule wenig passiert. Es ist ja auch eine blöde Mischung, wenn du dann deine eigene Design Persönlichkeit entwickelst. Es ist eine Mischung aus “Ich lerne von den alten Erfahrenen und das ist mir scheißegal was die sagen, weil ich weiß es besser und ich ziehe das durch und nur so entsteht was Neues.”

Ich war ein absoluter Designnazi, als ich jung war. Ich habe mich mit Leuten im Gang angeschrien oder in Buchverlagen. Ich habe ganze Ordner vom Server gelöscht und den Papierkorb entleert und gesagt: Du musst mich nie wieder anrufen! Und so weiter. Ich war wirklich ein Despot. Das war aber in den neunziger Jahren ein bisschen mehr en vogue, würde ich mal sagen. Jetzt würde ich wahrscheinlich ganz viele Anzeigen bekommen oder sowas wegen ungebührlichem Verhalten. Aber damals habe ich das halt knallhart durchgezogen. Es war mir wirklich scheißegal und ich weiß auch, dass ich bei ein paar Institutionen gefühlt auf so einer schwarzen Liste stehe. Wenn der Ising anruft, "Oh Gott, oh Gott, was machen wir dann?" Aber ich habe das halt einfach durchgezogen. Ich habe mich extrem geändert. Das ist auch schon lange, lange, lange vorbei. Aber das war damals so der Weg und jetzt ist es so, wenn man jung ist und anfängt, dann muss man irgendwie schon so eine Waage halten. Zwischen “ich höre nicht drauf” und “ich lerne von allen etwas, um mich zu verbessern".

HANS: Der Beruf hat mit wenig anderen Dingen gemein. Die Ausbildung ist wahnsinnig Eingleisig und wahnsinnig eindimensional und danach wird es unfassbar divers. Als Kommunikationsdesigner*in kannst du in verschiedensten Formaten arbeiten, vom Ein-Person-Büro bis zur Riesenagentur, oder auf Unternehmensseite im Konzern. Du kannst künstlerischer sein, du kannst Dienstleister*in sein, du kannst handwerklich als Setzer arbeiten. Du kannst als Kreativdirektor quasi nie wieder deinen Computer aufmachen und große Reden schwingen. Da ist so viel Möglichkeit und diese Diversität bildet sich halt, finde ich, in so einem schulischen System, nicht so richtig ab. Die handwerkliche Komponente, die ganze Sache, das sind eigentlich die gleichen Sachen, die die Leute auch in der Ausbildung lernen. Die werden aber in der Ausbildung viel besser vermittelt, weil man sie in der Praxis lernt und nebenbei auch noch so Sachen lernt wie eben Umgang mit Kunden. Kritik findet in der Realität und angewandt statt. Ich frage mich, ob das Ganze nicht besser wäre, wenn Kommunikationsdesign ein Master wäre und davor gibt's eine Ausbildung. Und dann kann man entweder die Ausbildung machen, die ist quasi der Bachelor und danach wird es ein bisschen forschender und ein bisschen theoretisch. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass diese Praxisferne eigentlich blöd ist für die Diversität.

GO: Was macht ein gutes Briefing aus?

TOM: Ich finde das Wichtigste ist eigentlich, dass auf Kundenseite ein klares Ziel da ist. Man kann über alles reden, viele Sachen können schwammig sein. Aber man muss wissen, in welche Richtung man läuft. Und das kann keine Agentur entscheiden. Ich würde mal sagen, man kann als Designer, wenn man ein gewisses Skillset hat oder ein gutes Team, alles möglich machen. Es ist alles kein Problem, aber man muss wissen, was das Ziel ist. Das ist für mich ein gutes Briefing. Die besten Briefings sind nicht sehr konkret, zumindest nicht in der im Detailgrad nach unten, sondern sie haben eine klare Aufgabenstellung und Zielführung. Ab dann zieht sich der ideale Kunde zurück, weil er ja mit uns Profis hat oder mit wem auch immer. Mit allen anderen Designern. Und ich meine, die schlausten Menschen überlassen den Profis den Job. Ja, also ich, ich stehe ja auch nicht neben dem Elektriker und sage immer “Boah, doch noch ein bisschen tiefer. Nee, jetzt noch ein bisschen links. Jetzt nimm doch erst den kleinen Schraubenzieher.” Warum? Ja, das ist der Profi. Und so gilt es eigentlich für jeden Beruf auf der ganzen Welt.

Ich kann auch noch aus dem Nähkästchen plaudern. Wir haben mal für die Swiss Re gearbeitet. Schweizer Rückversicherer. Wirklich Geld ohne Ende. Da gab es diesen Boss und der hat so scharfe Chilis gezüchtet in seiner Freizeit und der war so ein Typ der alten Schule und der hat einfach zu uns gesagt: “Ihr seid die Profis. Ich halte mich komplett raus. Ihr wisst, was wir wollen.” Es ging es um interne Mitarbeiterkommunikation. Er hat gesagt: “ Ich möchte gerne, dass alle ein bisschen näher zusammenrutschen. Ich möchte gerne, dass man irgendwie was erleben kann bei uns in den Gängen usw. Das ist nicht so kahl, ist nicht so karg, dass man so ein paar allgemeine gesellschaftliche Themen auch irgendwie so packt. Ein bisschen den Horizont erweitern.” So, das war sein Briefing und dann hat er nie wieder irgendwas gesagt. Der hat sich das natürlich angeschaut, kritisch, aber der hat nichts dazu gesagt, weil er uns vertraut hat. Und das ist nicht nur der ideale Kunde, sondern das ist eigentlich auch der ideale Chef. Das ist wie ein Fußballtrainer im Ideal. Du stellst dir halt dein Team gut auf und dann muss ich nichts mehr machen.

GO: Thema Geld: Was kann ich verdienen, was ist fair, wonach kann ich fragen?

TOM: So divers der Beruf ist, so divers sind natürlich auch die Verdienstmöglichkeiten. Es ist wahnsinnig individuell und da spielen ganz, ganz viele Dinge mit rein. Im Optimalfall trifft man einen Arbeitgeber, da geht man ja hin, weil man sagt: Hey, die Leute gefallen mir. Es ist ein Match. Da sollte man gar nicht das Gefühl haben über den Tisch gezogen zu werden, weil da will ich ja hin. Man muss auch mal sagen,niemand zieht irgendjemanden absichtlich über den Tisch. Zumindest in vergleichbaren Agenturen, wo wir sind. Die Menschen, die angestellt sind, die irgendwo arbeiten, sprechen ja auch untereinander. Man weiß, wie viel andere verdienen, man kann das googeln, man kann es mit Chat GPT vergleichen, und und und. Also ich glaube da gibt es genügend Sachen. Da geht es um ein paar Hundert Euro runter oder hoch. Und die kann man irgendwie dann verhandeln oder so, weißt du, wie ich meine?Ich verstehe die Angst. Wenn man Berufsanfänger ist, dann weiß man es halt nicht. Aber mein Gott, wie mit allem, was man nicht weiß, muss man sich halt informieren.

Und je älter du bist, je besser du bist, je länger du arbeitest, desto mehr Geld kriegst du. Das ist eine ganz einfache Rechnung. Und wenn du halt super, super, super gut bist, dann kannst du ein bisschen höher pokern. Und wenn du nicht so gut bist, dann musst du aufpassen, wie viel du Bock hast. Das ist ein ganz einfaches Game.

Auf Kundenseite sagt man immer, desto mehr der Kunde bestimmen darf, desto teurer. Wenn der Kunde nichts bestimmen darf, dann ist der Preis gut. Und wenn der Kunde ganz viel bestimmt, ist der Preis hoch. Und es kommt darauf an, wer der Kunde ist. Das ist eigentlich das, was auch viele Leute nicht wissen. Wir machen zum Teil die gleiche Webseite für fünf tausend Euro und für fünfzig tausend Euro. Das ist halt, verstehst du? Das ist die gleiche Arbeit, also die gleiche Kreativleistung, die gleiche Programmierleistung usw. Das eine ist ein fetter Immobilienkonzern, der auch längere Abstimmungsprozesse hat und der auch den größeren finanziellen Nutzen daraus zieht. Oder das ist ein einzelner Architekt, der ist schon ein bisschen älter, der hat schon ein paar gute Projekte gemacht. Der macht sich gerade wieder selbständig, weil der aus seinem Ding rausgeht. Er fängt bei Null an. Ja, der braucht auch eine Webseite usw. Kann ich dem jetzt das gleiche Angebot schreiben wie so einem fetten Immobilienentwickler? Auch wenn die Arbeit die gleiche ist. Das heißt, es ist wahrscheinlich Faktor zehn unterschiedlich, weil ich finde, es ist auch fair, wenn man jemand, der neu startet und es auch ein interessantes Projekt ist, dass man da auch den Umständen angemessen kalkuliert.

Das ist übrigens ein Fehler, den ganz, ganz viele Agenturen machen, dass sie irgendwann so komisch profimäßig werden. Weißt du, wie ich meine? Und einfach so von, weiß ich nicht was, 1500 Euro so jungen Künstlern vorsetzen oder weiß ich nicht, die ein Buch oder eine Webseite wollen. Was soll das? Das macht keinen Sinn. Ob du jetzt Freelancer bist oder eine Agentur führst, ist immer eine Mischkalkulation. Du musst gucken, was am Ende vom Monat oder Jahr da steht und dann, wenn es passt, dann passt es auch irgendwie. Dann hast du irgendwie so alles richtig gemacht und wenn es halt nicht passt, dann musst du halt kurz mal gucken, woran es lag. Vielleicht hast du wirklich viele Sachen zu günstig gemacht. Vielleicht hast du es auch zu schlecht gemacht. Vielleicht hast du keine Folgeaufträge. Es ist ein irrsinnig komplexes Ding. Das kann man aber autodidaktisch lernen. Ich habe das auch autodidaktisch gelernt. Ich hatte niemand, wirklich niemand, der mir dabei irgendwie zur Seite stand. Ich habe auch schon während dem Studium gearbeitet. Am Anfang macht man die Sachen wahrscheinlich alle schon tendenziell eher ein bisschen zu günstig, weil man irgendwie noch die Pfandflaschen wegbringt, um sich Miracoli zu kaufen. Und wenn man dann ein Angebot über zwei hundert Euro schreibt, dann denkt man sich halt, ich schwimme im Geld. Das repariert sich dann aber im Laufe des Lebens. Wenn man dann mal weiß, was so ein Leben kostet.

GO: Habt ihr Tipps für junge Gestalter*innen?

TOM: Mach dir ein kurzfristiges, mittelfristiges und langfristiges Ziel und sei utopisch. Ja, also wenn du der beste Designer der Welt werden willst als langfristiges Ziel. Why not? Du musst dir Ziele setzen, weil sonst wurschtelst du dich einfach nur so vor sich hin. Sonst treibst du wie so ein Blatt im Fluss. Man sollte nicht alles dem Zufall überlassen, sondern man sollte sein Geschick schon auch selbst erkennen. Man muss die Dinge selbst in die Hand nehmen. Es gibt niemanden, der das für einen macht. Du bist auf dich selbst gestellt und ich glaube, dass man wahnsinnig viel investieren muss. Nicht Geld, aber Interesse, Fleiß, Genialität. Ich glaube, man muss vor allem in Zeiten wie heute, extrem über den Tellerrand hinausschauen. Der Beruf ist im Wandel, wie fast alle Berufe oder sehr, sehr viele Berufe und keiner kann jetzt und keiner kann jetzt sagen, wo uns das hinführt.

HANS: Man kann ja auch als junger Mensch seinen Job noch dreimal wechseln und das ist ja, ist ja alles möglich. Aber man muss sich zumindest mal erstmal committen für eine Sache, sei es jetzt eine Agentur, sei das jetzt eine Gründung, aber man committet sich ab dem Moment. Und deswegen glaube ich, dass es wahnsinnig wichtig ist, diese Freiheit, diesen Freiraum den dieses Studium bietet, dass man den halt auch eigeninitiativ stark nutzt, um eben diese Dinge zu machen, die über den Tellerrand zu schauen, sich vielleicht Idole zu suchen.

Ob das jetzt eine Mentoren-Gestalt in Form eines Professors der Professorin ist oder studiert in höheren Semestern oder irgendwelche Designer, die man auf Vorträgen sieht, aber dass man eben einfach früh versucht, sich sein ganz persönliches Ziel zusammenzubauen. Das kann sich aus vielen kleinen Fragmenten zusammensetzen, aber im Optimalfall geht man aus diesem Studium raus und weiß okay, cool. Jetzt kann ich endlich das machen, wofür ich mich die letzten drei Jahre darauf gefreut habe und was die Division durch die letzten Jahre geschärft hat.

TOM: Ich glaube, dass gutes Design tatsächlich gar nicht so viel mit Talent oder sowas zu tun hat. Ich glaube übrigens, dass ganz wenig auf der Welt was mit Talent zu tun hat, sondern es gibt ja diese Theorie, dass du irgendwas zehn tausend Stunden machen musst und dann kannst du es, scheißegal was, Fußball spielen, Geige spielen, Designer sein usw.

Zu der aktuellen Diskussion nach wie viel sollte man arbeiten? Vierzig Stunden, vier Tage Woche etc. usw. Ich glaube, wenn man etwas wirklich will, dann muss man auch richtig investieren. Wenn du eine geile Idee hast, ist es doch scheißegal, wenn die fünf Minuten dauert, dann bist du fertig. Lass den Rest vom Tag frei. Und so weiter. Aber ich glaube, um dahin zu kommen, dass man das überhaupt in fünf Minuten schafft, musst du vorher diese zehn tausend Stunden wahrscheinlich investieren. Und es ist halt die Frage: Jetzt kannst du das halt in einer vier Tage Woche machen, dann dauert es vielleicht, bis du 38 bist. Du kannst es aber auch in einer sieben Tage Woche machen. Dann bist du mit 25 vielleicht schon da. Das Investment kann man nicht skippen. Alle haben ja immer Probleme damit zu präsentieren oder sprechen vor großen Gruppen. Ich glaube, das ist so eine Grundangst der Menschen. Es gibt es einen klassischen Albtraum, dass man nackt vor einer Gruppe von Menschen steht. Das ist so ein wiederkehrender Albtraum. Wie vor etwas fliehen und man kommt nicht vom Fleck. Ich hatte das auch. Jeder hatte das. Ich bin immer noch super aufgeregt, aber mein Gott, ich verliere das, sobald ich irgendwie vor der Gruppe stehe usw. Also das ist das ist ein ganz typisches Beispiel für was, was man einfach oft machen muss und dann hat man es gelernt. Weil wenn du den tausendsten Vortrag hältst, dann bist du einfach nicht mehr so nervös. Dann bist du super, super souverän. Ja, und da merkt man es auch, wenn du das tausendste Mal eine Schrift gesetzt hast oder oder weiß ich nicht oder eine Idee entwickeln musstest oder eine Präsentation aufbauen musstest, egal was, dann kannst du es halt einfach machen. Dann geht es ratzfatz. Dann weißt du sofort, was richtig ist. Ich habe früher für ein Layout fünf Varianten gemacht, habe mir dann eine ausgesucht. Irgendwann machst du eine, weil du sofort weißt, ob das passt oder nicht. Und da sparst du extrem Zeit. Aber die Zeit, die Zeit musst du vorher erstmal investieren. Und da glaube ich, da glaube ich fest dran.

GO: Gibt es Wege sich der Zukunftsangst, sei es durch Technologie oder generelle Existenz, zu stellen?

TOM: Das ist ja nicht das erste Mal. Jetzt ist es die AI-Revolution. Kann man, glaube ich, so sagen. Die Umwälzungen sind gravierend. Es gab in unserem Bereich schon die sogenannte DTP-Revolution, die Desktop-Publishing-Revolution, wo alles von analog auf digital umgestellt wurde. Das war ein monströser Unterschied. Ihr müsst euch einfach vorstellen, um Layouts zu machen, egal was für eine Art, musstest du aus einem Schriftmusterbuch, wo Schriften in Schriftarten in verschiedenen Größen und Zeilenabständen gedruckt in dem Buch waren, mit einer Schere alles so breit wie deine Spalte sein sollte ausschneiden. Das auf eine Pappe aufkleben. Jede Spalte. Dann hast du Bilder dazu aufgeklebt. Dann hast du diese Pappe in den Litho gegeben und dort wurde das mit einer Maschine nachgesetzt. Müsst ihr euch mal vorstellen, wie lange das dauert. Jetzt stell dir mal vor, irgendjemand macht auf einmal das Ganze an einem Rechner. Das war ein Bruchteil der Zeit. Ein Fünfzigstel der Zeit würde ich jetzt mal schätzen. Ja, das ist genauso, wie wenn du ein Bild illustrieren musst, ein komplexes Bild. Oder du könntest das halt in zwei Sätzen promten. Ich finde, das ist von der Speed Beschleunigung ähnlich. Das ist übrigens das Gleiche, wie wenn du mit einer Pferdekutsche von München nach Nürnberg fahren musstest. Oder halt mit einem Porsche Panarema auf der linken Spur mit 150KM/h. Das ist einfach ein unglaublicher Speed Zuwachs. Und jetzt kann man, da gibt es nur eine Möglichkeit, was man damit machen kann: umarmen. Das ist jetzt hier. Ich glaube, wir sind uns alle sicher, dass das Internet nicht mehr weggeht. Und AI geht wahrscheinlich auch nicht mehr weg. Beschleunigung geht nicht mehr weg. Man kann das alles kritisch hinterfragen. Sollte man auch. Man sollte überlegen, wo es nützlich ist und wo nicht? Aber man muss es umarmen, weil sonst bleibt man auf der Strecke. Ist eine ganz einfache Rechnung. Die ganzen Menschen, die Pferde gefüttert haben und den Dreck weg gemacht haben und die Ställe in der Stadt bestückt haben, die waren alle arbeitslos, als das Auto kam. Aber jetzt kannst du dir angucken, wie viel die Autoindustrie an Arbeitsplätzen geschaffen hat. Ja und jetzt? Alles andere wissen wir noch nicht. Wusste man damals auch nicht.

GO: Wie sollte man sich denn als junge*r Gestalter*in aufstellen?

Wir schauen uns hier so viele Portfolios von Praktikantinnen an, wenn wir eine Stelle ausschreiben. Die Prozesse einer Agentur sind heute wahnsinnig komplex und es gibt eigentlich kein Projekt mehr, dass man mit einem Skill bestreiten kann. Alle Projekte, die irgendwie in der Jetztzeit stattfinden, die irgendwie eine Relevanz haben, da muss immer was animiert sein, da braucht es eine Webseite, da muss irgendwas programmiert sein, da muss aber trotzdem noch irgendeine Grenze gesetzt werden. Die Projekte sind einfach ein Blumenstrauß und es ist nicht mehr eine Sache. Wenn sich jemand bewirbt und in dem Portfolio hat er irgendwie nur 3D-Zeug. Dann ist es cool. Wenn das mega geil aussieht, dann speichert man den aber ab in den Ordner. Vielleicht für wenn man mal was mit 3D braucht. Das ist aber nichts, was man im Tagesgeschäft die ganze Zeit braucht und da kann man nicht jemanden einstellen, der das den ganzen Tag macht. Es passieren zu viele Sachen. Man braucht Leute, die mehr können. Wenn jemand kommt, der sagt Hey, ich habe vielleicht schon mal eine Webseite programmiert, selbst wenn es nur irgendwie mit Webtool umgesetzt ist. Der versteht, was ein Interface sein soll. Das muss ja noch nicht mal Nerd sein der technischen Umsetzung. Dann sieht man vielleicht noch, der hat schon einen Kopf gemacht, der hat Verständnis für Fotografie und dann hat er noch was animiert in der Präsentation. Dann sieht man: Ja, okay, das muss nicht alles geil sein. Bei einem Portfolio reicht es vielleicht auch. Es muss natürlich alles top, top, top sein, aber lieber ein bisschen breiter aufgestellt, weil das ist das, was man im Job im Endeffekt braucht. Du brauchst hier, auch so ein blöder Spruch, so Schweizer Taschenmesser artige Menschen, die halt einfach da kommt ein Job rein, da ist halt jetzt das gefragt und dann das und da kannst du halt in so einem kleineren Team jetzt nicht sagen, Ja, wir haben hier das Animationsdepartement und da hinten sitzt das Dings Department und dann nein, das müssen halt zwei Personen hinkriegen.

Und oft wird ja auch der aus der universitären Ausbildung vorgeworfen, dass man zu wenig praxisnah ausbildet. Und das finde ich ja keinen richtigen Vorwurf. Ich finde, das wäre sogar total falsch, wenn man sehr praxisnah ausbildet, weil sich die Praxis wahnsinnig ändert. Wahnsinnig schnell. Und ich glaube, dass man schon ein bisschen generalistischer, ein ein bisschen Problem-solving-artiger ausgebildet werden sollte. Ich finde, darin unterscheiden sich gute und schlechte Lehrer und Lehrerinnen, dass man eine Offenheit vermittelt, dass man eine Lust vermittelt. Ich meine, die Ausbildung geht vier oder fünf Jahre. Überleg mal, wie sich Technologien aktuell gerade in fünf Jahren ändern. Wenn du jetzt anfängst, fünf Jahre später sieht die Welt komplett anders aus. Das ist ganz sicher. Und vor allem, wenn die Ausbildung zu praxisnah wäre, dann würde auch dieser Freiraum verloren gehen, den man ja eigentlich braucht. Um sich selbst zu finden und zu wissen: wo will man eigentlich hin? In der Realität kommt man früh genug an. Das ist eine wahnsinnige Qualität, dass man sich in so einem Experimentierraum eigenverantwortlich selbst finden muss.

HANS: In der breiten Masse kann man sagen, hat das eigentlich dazu geführt, dass man gesagt hat, okay, wir können machen, was wir wollen. Es kam immer was Gutes raus. Manche haben halt nichts gemacht. Die haben halt gekifft und andere haben halt die Welt neu erfunden. So war das. Da gab es auch schon solche und solche, aber es gab zumindest eine Lust, mit dieser Freiheit etwas zu machen. Und jetzt höre ich immer öfter, dass man vielleicht sagt, okay, ich habe Angst. Du hast einen Experimentierer und im Optimalfall hast du Werkstätten, Werkzeuge. Wenn du willst, hast du Personen, die dir Rat geben. Du kannst alles machen. Und früher hat man gesagt: Ich geh da rein. Und jetzt sagt man: Oh Gott, ich habe Angst. Das ist nicht liegt nicht an der Lehre, sondern das hat sich vielleicht auch einfach gesellschaftlich verändert und hat sich in der Generation geändert. Aber ich finde, die Haltung, mit der da reingegangen wird, ist eine andere, die ist ängstlicher geworden. Woran das liegt, das muss man jetzt vielleicht jemand anderes fragen.

GO: Ich glaube das gar nicht mal die Experimentierfreude weggegangen ist, sondern vielleicht einfach wegen gesellschaftlicher Umwälzungen ist mehr Angst, generelle Zukunftsangst da.

TOM: Ich glaube, über alle Branchen hinaus, so eine Angst dazugekommen is, das wissen wir ja auch. Ich werde nicht mehr so viel wie meine Eltern usw. Die Kriegsangst, das ist absolut, da sind viele. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die junge Menschen jetzt gerade trifft. Es tut mir auch sehr leid, weil ich zum Beispiel in die neunziger Jahre rein geworfen wurde, da war so das Ding, was kostet die Welt, spielt keine Rolle. Da ist man halt voll auf alles gegangen. Das war tatsächlich eine ganz andere Zeit.

Ich habe neulich einen Podcast gehört von Scott Galloway, den ich ganz gut finde, so ein amerikanischer linker Wirtschaftstyp. Und der hat gesagt, dass eigentlich gerade Design so wichtig ist wie noch nie und das finde ich auch. Die Story wird immer, immer, immer, immer wichtiger. Es gibt so viele digitale Produkte, die unterscheiden sich von der Funktion gar nicht, aber sie unterscheiden sich von der Geschichte, wie sie aufbereitet ist. Wie wird es, wie sieht es aus, wie funktioniert also Usability ? Auch das hat ja auch etwas damit zu tun. Und wir sehen das auch im Negativen, mit Trump zum Beispiel. Das ist übrigens auch Design. Wenn man Posts macht mit Hillary Clinton, die Kinder frisst. Das ist auch so Design, das heißt der Beruf des formgebenden Menschen oder geschichtserfindenden Menschen ist so wichtig wie noch nie. Deswegen ist dieser Beruf, glaube ich, relativ krisensicher.

Ich glaube, er ändert sich. Vielleicht ist es eben nicht mehr dieser Breiten-Beruf. Das kann schon sein. Aber diese Spitzen, wo wir uns auch jetzt dazu zählen einfach. Wir sind eine kleine Agentur, wo jeder von uns eigentlich tendenziell sehr, sehr, sehr gut qualifiziert ist für das Ganze. Ich glaube, die braucht es wahnsinnig dringend, weil du die, selbst wenn die Maschine dir Sachen ausspuckt, zwanzig und fünfzig und fünf tausend, musst du trotzdem entscheiden, was das Beste ist. Das wird wahrscheinlich die Maschine dir nie abnehmen. So ganz. Das ist wie bei einer radiologischen Diagnose. Du wirst zwar auch die Muster erkennen, aber irgendwann wird ein Arzt auch sagen: Ja, genau so ist es. Und ich glaube, es wird auch eher so eine Designberatung geben, das ist so gefragt wie noch nie.

Also wir machen ja Kommunikationsdesign. Es gibt Kommunikation. Kommunikation hat mit Menschen zu tun. Wir machen. Wir arbeiten mit Menschen zusammen in Teams. Wir arbeiten für Menschen. Also ich glaube, der vollkommene Designer muss auch einfach ein wahnsinnig guter Menschenkenner sein, ein Diplomat und sich auch darin verstehen, ja sich mit anderen Menschen auszutauschen.

Vor Corona war dieser Möglichkeitsraum halt voll mit Leuten, die 24/7 da abgehangen haben mit ihren Laptops in Gemeinschaftsräumen. Es war halt ein Austausch da. Man wird auch als Designer besser, wenn man sich austauscht mit anderen Menschen. Und das ist vielleicht ein bisschen auf der Strecke geblieben. Zwei, drei Semester sind diese Gebäude geschlossen geblieben und man hat sich nur noch digital gesehen und dieser Austausch ist ein bisschen eingeschlafen. Aber ich kann, glaube ich, nur sagen, dass es für mich in der Lehre das Wichtigste ist, sich mit Menschen auszutauschen. Das gilt auch im Beruf. Man kann als Designer nicht in seinem Keller, in seinem Kämmerchen sitzen, weil man macht macht Kommunikation und Kommunikation, findet nicht alleine statt. Und man wird nicht besser, wenn man alleine in einem Kämmerchen über Dinge redet. Man kann noch so viele Tutorials angucken, Lehrbücher lesen und ohne Menschenkontakt probieren Design zu lernen, aber da wird nichts bei rauskommen. Ich finde diese menschliche Komponente ist auch ganz groß in unserem Beruf. Homeoffice ist ein absolutes Gift für Kreativität. Man arbeitet mit Menschen für Menschen. Und wisst ihr, was mir da gerade zum ersten Mal als Gedanke kommt? Da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Aber jetzt, weil du das gesagt hast. Es kann ja sein, weil wir gerade wie sich der Beruf verändert, gesprochen haben. Es ist ja so, dass eine Nerdigkeit als Designer voll akzeptiert wird. Es könnte sein, dass vielleicht in Zukunft diese Attribute in diesem Beruf nicht mehr so gut funktionieren. Dieses Programmieren und dieses Kämpfen im Detail, das kann natürlich die Maschine wahnsinnig gut machen. Und wenn es aber eher um Kommunikation geht, kann es schon sein, dass es more outgoing People eher in diesem Beruf schaffen, als vielleicht die anderen. Das war bis jetzt anders und es könnte sein, dass sich das auch verändert. Ich habe in meinem Studium eine Woche lang ein universales AH gezeichnet, mit schwarzer Farbe und weiß, er kann sein, dass das vielleicht nicht mehr so stark gefragt ist. Zum ersten Mal der Gedanke, der mir durch den Kopf geht, könnte aber sein.

Ganzes Interview: Node Berlin Oslo

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Gates Open (GO): Wie habt ihr angefangen?

Wir haben uns beim Studium in Amsterdam kennengelernt, an der Rietveld Akademie und wir waren beide schon so ein bisschen, ich würde mal sagen, nicht ganz typisch in Bezug auf diese Welt. Es gab diesen Begriff Autorendesign. Die Leute sind so geschult worden, aus dem Studium rauszugehen und dann im Grunde für sich selbst zu arbeiten. Auch nicht unbedingt sehr angewandt. Es sind auch viele Leute in andere Bereiche gegangen und bei uns war es einfach so, dass wir schon während des Studiums gemerkt haben, okay, wir wollen vielleicht zusammen Projekte machen und haben auch schon damals erste Jobs zusammen gemacht. Das war eine Website für irgendein Ministerium in Oslo. Wir fanden, die Zusammenarbeit hat irgendwie ganz schön Spaß gemacht. Und Anders (Studiopartner, Anmerkung der Redaktion) hatte vorher schon Agentur Erfahrung. Er hat auch eine Agentur in Oslo mitgegründet, bevor er noch mal studiert hat in Amsterdam. Bei mir waren das eher Praktikaerfahrungen. Er hat ein Jahr länger studiert und ich habe dann noch mal ein Jahr in einer Agentur gearbeitet in Amsterdam. Dazu ist es eigentlich gekommen, weil der Agenturchef bei der Diplomausstellung war bei der Abschlussausstellung, meine Arbeiten gesehen und mich dann gefragt hat: willst du bei uns anfangen? Komm am Montag vorbei. Also das war sehr unmittelbar und ich habe dann praktisch ein knappes Jahr in der Agentur gearbeitet. Um ein bisschen mehr praktische Erfahrung zu sammeln. Das waren vielleicht so 20, 30 Leute in dem Büro. Wir haben für das Fotografiemuseum Amsterdam gearbeitet, also auch im Kulturbereich. Aber auch andere Jobs. In dieser Zeit habe ich natürlich auch viel gelernt. Ich habe in der Zeit aber auch gelernt, dass ich nicht in so einem großen Team als Angestellter sitzen will. Ein Grund dafür war, dass ich das Gefühl hatte, ich habe zu wenig Kontrolle über das, was da gemacht wird. Die Jobs haben mich teilweise nicht interessiert und ich habe mich aber auch in so einem Setup von einer Gruppe von Leuten unwohl gefühlt. Also da sind dreißig Leute und du findest irgendwie zwei, drei ganz cool mit denen machst du da irgendwas. Mir hat die Kontrolle gefehlt und dieses kontrollieren, was du da eigentlich machst oder machen willst.

NDas hast du natürlich voll und ganz in der Selbstständigkeit mit allen Herausforderungen. Und wir sind dann raus. Ich habe dazwischen auch noch mal ein paar Jobs gemacht, Freelancerjobs im Ausland, in Barcelona und in Estland. Ein Jahr nach dem Studium haben wir aber dann sofort angefangen, uns in Oslo selbstständig zu machen. Dort haben wir für die ersten Kunden gearbeitet. Die kamen eigentlich alle über Kontakte, die Anders schon in Oslo hatte. Anders hat schon Ahnung gehabt über Kosten. Das war natürlich ein Riesenvorteil, der wusste einigermaßen Bescheid. Was kostet ein Fotoshooting und was muss man dem Fotografen in Berlin bezahlen. Damals waren die Leute in Berlin alle dankbar für die Budgets, die wir gezahlt haben. Auf allen Ebenen gab es Herausforderungen. Wie bei allen ersten Jobs. Das sind Sachen wie Zeitmanagement, wie lange braucht man, um irgendwas durchzusetzen? Was sind die Risiken dabei? Was kann schiefgehen bei Jobs? Das waren Herausforderungen. Dann gab es natürlich Herausforderungen in der Zusammenarbeit zu zweit. Das ist ja dann eine ständige Sache in den ersten Jahren. Du befindest dich eheähnlich in einem Setup mit jemandem. Ihr macht alles sehr eng zusammen. Und wenn man jung ist, geht man dann auch zusammen auf Partys und ist nachts unterwegs oder so, das kommt dann alles dazu. Das ist sehr intensiv auf einer beruflichen und persönlichen Ebene. Geld war weniger eine Herausforderung für uns, glücklicherweise, weil wir am Anfang sehr viel in Skandinavien waren. Das war einigermaßen okay bezahlt. Es waren auch niedrige Budgets. Aber für die Kosten die, die es damals in Berlin gab, das war ja schon sehr, sehr lange her, das war ja 2003, 2004, 5 in den Jahren, da war in Berlin natürlich alles günstig. Und vielleicht noch eine Herausforderung ist dann eben, welche Jobs will man machen? Norwegen hat das Geld vom Öl. Wir haben auch für eine Ölfirma gearbeitet und ein Mitarbeitermagazin gemacht, weil das extrem gut bezahlt war. In deiner Generation gibt es jetzt noch mal ein anderes Umweltbewusstsein. Das war damals auch vor allem in Norwegen fast gar nicht präsent, weil das Land ja vom Öl auch seinen Wohlstand hat. Dem Energiesektor hat Norwegen im Grunde das ganze Wohlstandssystem zu verdanken. Wie in Stuttgart alle Leute für Porsche und Mercedes arbeiten, arbeitet in Norwegen jeder in diesem Energiesektor in allen Bereichen. Das haben wir dann aber nicht lange gemacht, auch weil wir dachten, müssen wir das machen, wollen wir das machen und haben das dann nach relativ kurzer Zeit wieder abgestoßen. Das war halt auch so eine. Das sind dann Herausforderungen, mit denen du dich auseinandersetzt.

GO: Wie kommt ihr zu Ergebnissen, mit denen am Ende alle glücklich sind?

Das ist eine gute Frage, weil das ist genau das Thema, mit dem wahrscheinlich sehr, sehr viele Leute zu kämpfen haben. Und uns ging das natürlich genauso. Im Studium sind wir darauf getrimmt worden, dass wir für das, was wir machen, einstehen und dass wir als Autorendesigner im Grunde über allem stehen, was wir machen und unser Entwurf auch irgendwie durchzusetzen ist. Und dass nie darüber gesprochen wurde, wie du vielleicht mit einem Kunden eine Verhandlung führen kannst oder wie du auch psychologisch mit diesen Themen umgehst. Dass es ja auch von vornherein eine Zusammenarbeit mit einem Kunden oder Auftraggebenden sein kann. Sagen wir mal, ob du jetzt eine Künstlerin hast, die mit dir ein Buch machen will, also mit dir im Grunde zusammen was entwickeln will oder ob du jetzt für einen Bauunternehmer arbeitest, der vielleicht von dir erwartet, dass du ihn berätst, der keine Ahnung von Gestaltung hat und auch das Bild des Designers natürlich ein völlig anderes ist. Man muss daran denken, dass sich das in verschiedenen Kulturen natürlich völlig unterschiedlich verhält. Allein schon, wenn du jetzt hier in unserem Umfeld zwischen Holland, wo wir waren und Deutschland guckst, ist die Perspektive des Kunden oder Auftraggebers auf die Gestalter eine ganz andere, weil das historisch anders verankert ist und weil der Designer oder zum Beispiel Typograf einen anderen Stellenwert hat und viel stärker so gesehen wird als jemand, mit dem du zusammen arbeitest, als jemand, den du von oben her in eine Richtung drückst. Wir haben uns am Anfang auch teilweise mit den Kunden angelegt und haben versucht, unsere Sachen auf Brech komm raus durchzudrücken und teilweise sind Projekte dadurch in die Hose gegangen. Das war dann für uns damals auch nicht so dramatisch, weil wir uns immer dann gefragt haben: Wie kann das sein? Und der böse Kunde ist Schuld. Was du dann über die Jahre aber lernst, ist Wege zu finden, wie es dazu vielleicht gar nicht mehr kommt. Unter Umständen kommen später die Leute zu dir, weil sie wissen, was du machst und wie du arbeitest und aus einem bestimmten Grund zu dir kommen. Das ist schon mal eine ganz andere Grundvoraussetzung. Und die zweite Sache ist, dass du, wenn du später arbeitest, von vornherein Strategien entwickelst, wie ich möglichst schnell herausfinde, etwa durch einen Workshop oder intelligente Fragen, was der Kunde erwartet? Und wie kann ich ausschließen, dass es zu Problemen kommt? Also die Probleme können natürlich auf der inhaltlichen Seite kommen, aber auch, sagen wir mal ganz pragmatisch, zum Beispiel, wenn es jetzt um Zeitmanagement kommt. Wenn ich als Gestalter nicht Zeitpläne fest klopfe und sage okay, wenn ihr euch nicht an dieses Set haltet, dann wird das Projekt nicht realisiert. Dann komme ich unter Umständen in die Bredouille. Das sind auch Fehler, die junge Gestalterinnen am Anfang verständlicherweise oft machen. Aber über die Zeit sieht man immer mehr, wo es schief läuft. Wie kann ich dagegen arbeiten?

GO: Was ist ein gutes Briefing? Was ist ein gutes Angebot?

Da kann man jetzt natürlich weit ausholen. Aber das Ding ist, das weiß man natürlich am Anfang auch nicht. Das ist alles im Grunde bei uns learning by doing. Im Studium unterhält man sich schon irgendwie mit den anderen darüber. Ja, hier, was könnte sowas kosten oder worauf muss ich da aufpassen? Bei uns war das im Grunde auch so ein Trial and Error Prozess. Was ein Briefing ist, ist projektabhängig. Bei bestimmten Projekten kriegst du ein Briefing zugeschickt. Es gibt aber auch viele Projekte, da müssen wir uns darum kümmern, zu erfahren, was die eigentlich wollen. Und ein Ding zunächst mal ein Gespräch, also ein Meeting, wo man sich zwei Stunden zusammensetzt und darüber redet. Dann kann man den Leuten aber natürlich auch immer so eine Art Workshop vorschlagen. Das mache ich häufiger bei Branding-Projekten oder sowas. Das kann ich aber auch mit einer Website machen. Ein Workshop ist auch was, was du verkaufen kannst und was jetzt meinetwegen Agenturen auch relativ teuer verkaufen. Alles, was Beratung betrifft und eben auch im Grunde so eine Art Profilschärfung. Das ist was, was du den Kunden gut in Rechnung stellen kannst und wo die Leute auch ganz happy sind, wenn sie sowas mit dir machen, weil es ja meistens immer darum geht, dass sie etwas über sich selbst herausfinden, was sie vielleicht noch gar nicht wissen. Und diese Dinge kann man vorbereiten. Also du kannst natürlich sagen, ich mache ein lockeres Gespräch. Nächste Woche habe ich zum Beispiel ein Gespräch. Da geht es um eine Website. Bei einer größeren Kulturinstitution. Die wollen sich dann erstmal treffen und ein, zwei Stunden reden, um herauszufinden, in welche Richtung kann das gehen, ohne irgendwie Skizzen sehen zu wollen. Die haben mich angefragt, ob ich vorbeikommen kann.Und ich weiß, dass daraus ein Job entstehen könnte. Das mache ich in dem Fall unentgeltlich. Auch weil es Kulturinstitutionen ist und weil die nicht die großen Budgets für sowas haben.

Dann habe ich aber zum Beispiel Anfang nächster Woche auch noch ein Meeting mit einer größeren Architekturbüro, die genau das Gleiche wollen. Aber da haben wir von vornherein gesagt, kommen Sie vorbei, wir wollen erst ein Gespräch, Beratung, in welche Richtung das gehen kann. Wir haben maximal das und das Budget dafür. Und dann stehen halt schon mal andere Beträge im Raum. Ich könnte ja zu der Kulturinstitutionen auch sagen, ich mache das nur, wenn ihr mir 120€ die Stunde zahlt. Ich brauche so viele Stunden. Macht ihr das? Und dann weiß ich aber schon, dass die das nicht zahlen würden. Und bei den anderen ist es eher so, die sagen dann, wir haben hier 500, 600€ für so ein Meeting. Was können wir dafür machen? Dann fragen die auch, können wir ein Meeting online und eins vor Ort oder so machen? Ich kann aber auch den Leuten einen Workshop vorschlagen, der vielleicht zwei bis vier tausend Euro kostet, den ich vorbereite und dann einen Tag da sitze und muss das nacharbeiten und denen eine Zusammenfassung schreiben. Vielleicht muss man mit zwei Leuten hingehen, muss Übungen vorbereiten und so weiter. Das heißt, diese Vorbereitung, die ist immer sehr individuell und natürlich auch immer budgetabhängig. Ich kann es auch mit einem Künstler sagen, wenn ich ein Buch mache. Dann ist es normal, dass du dich am Anfang hinsetzt und als Teil des Projekts. Das ist dann vielleicht in dem Meeting-Budget irgendwie drin oder, dass du am Anfang sagst, bei einem Buch habe ich vielleicht zehn bis zwanzig Stunden Kommunikation drin. Dazu gehört dann auch, dass man so ein erstes Treffen hat. Also das Problem ist halt bei den Projekten oft, dass Kommunikation irgendwann überhand nimmt. Bei Websites machen wir eigentlich fast immer diese ersten Meetings, wo man zusammensitzt. Das dauert vier bis fünf Stunden. Man geht alles durch. Man stellt seine Fragen und das hast du sogar teilweise in Situationen, wo ein Pitch sehr, sehr gut bezahlt ist, dass du dann bei einer Präsentation die Präsentation auch benutzt, um noch von den Kunden herauszufinden, was sie wollen.

Also sagen wir zum Beispiel, das Projekt wird nach 30% der Zeit abgebrochen. Ich will diese Zeit bezahlt bekommen. Wenn ich das nicht da drin stehen habe, dann passiert das unter Umständen nicht. Das kann ich alles schon vorher irgendwie fest regeln. Das schicke ich mit. Und sobald jemand das Angebot bestätigt, sind auch diese Reglementierungen bestätigt. Und die Kosten? Das muss man über die Zeit auch lernen. Wie kalkuliere ich was? Da gibt es auch Bücher, die man sich durchlesen kann. Oft sind die für junge Leute völlig irre, nicht realistisch mit horrenden Preisen. Man muss sich dann umhören. Früher hat man mit dreißig, vierzig Euro die Stunde angefangen, wenn man sich selbstständig gemacht hat. Man muss sich mit den anderen darüber unterhalten. Was ist realistisch? Wir sind ein sehr kleines Büro, Wir haben Stundenpreise, die gehen dann vielleicht bis 120, 130€, nicht höher. Größere Agenturen schreiben vielleicht 200 bis 250€ die Stunde auf. Unter Umständen wird es nicht viel höher gehen oder so. Und wir haben oft auch Preise, die sind vielleicht bei einem Kulturkunden niedriger als bei einem mittelständischen Unternehmen oder so, das heißt, man hat oft zwei Preise, mit denen man arbeitet. Auf der anderen Seite machen wir es mit den Preisen aber auch nicht zu kompliziert. Oft, wenn du Anfragen hast, oder Verträge regeln musst mit dem Kunden, wenn es zum Beispiel eine längerfristige Zusammenarbeit gibt, dann wollen die Stundenpreise für ich sag jetzt mal Art Direction, Grafik, Korrekturen usw. Die wollen unter Umständen vier Stundenpreise, also für verschiedene Leistungen und das machen wir gar. Weil es ist auf der einen Seite nur kompliziert macht und die wollen halt meinetwegen bei Korrekturen niedrigere Preise. Bei Korrekturen ist aber letztendlich ist die Arbeitszeit, die wir dran sitzen, ist die gleiche Man- oder Womanpower.

Bei den Studierenden gibt es zum Beispiel die Gewerkschaftsdiskussion, das hast du vielleicht mitgekriegt. Im Grafikdesign, weißt du ja wahrscheinlich, gibt es keine Gewerkschaft, es gibt keinen Tarifvertrag. Zum Beispiel in der Architektur, hast du Tarife, an die sich Architekt*innen halten müssen. Dann sagen junge Leute vielleicht, wir wollen nicht, dass es diesen Konkurrenzkampf gibt. Also du willst meinetwegen, dass du entsprechend bezahlt wirst und dass man nicht diese Diskussion hat, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Was ist meine Arbeit wert? Auf der anderen Seite kann ich dazu nur sagen, man ist, wenn man selbstständig ist, im freien Markt. Also man muss sich dann mit diesen betriebswirtschaftlichen Themen auseinandersetzen. Und ein Wettbewerb gehört in meinen Augen auch dazu. Das heißt, du kannst nicht irgendwie da sitzen und denken, ja, warum kommen die Leute jetzt nicht zu mir und warum zahlen die mir nicht mehr? Du musst dafür sorgen, dass deine Arbeit Wert hat. Das kann natürlich passieren. Über längerfristige, hochwertige Qualität. Dann kommt der Wert natürlich auch darüber, für wen du arbeitest. Der Wert kommt auch darüber, wie groß du aufgebaut bist als Setup. Wenn da zwanzig Leute sitzen, dann zahlt der Kunde mehr, als wenn da einer sitzt. Da sind die Projekte aber natürlich auch teilweise komplexer oder größer, weil der Auftraggeber zu dir kommt, weil du so ein Projekt handeln kannst. Aber klar, man muss sich halt Gedanken darüber machen, was meine Arbeit wert ist. Und vor allem in Bezug darauf: was habe ich denn für Kosten? Wie kann ich gut davon leben? Was habe ich da reingesteckt an Studienzeit und wie viel Erfahrung habe ich? Und dann kann man sich selbst auch irgendwie einen Plan aufsetzen und sagen, okay, jetzt kostet das 50 Euro die Stunde und in zwei Jahren muss es so viel kosten und dann muss man versuchen, das zu handeln. Es hat natürlich auch ganz entscheidend damit zu tun, was du überhaupt machst. Wenn ich Illustration mache oder Buchlayout, dann wird meine Arbeit schlechter bezahlt, als wenn ich programmiere, Motion-Projekte mache oder irgendwas, was in ich sag jetzt mal weitesten Sinne Technologie basiert ist. Und um es ganz banal zu sagen, wo der Kunde nicht das Gefühl hat, das kann er selbst. Wenn die Leute das Gefühl haben, da sind viele Leute auf dem Markt gut, das können wir auch inhouse irgendwie machen, dann sind die Sachen natürlich schlechter bezahlt, als wenn sie das Gefühl haben, das kann nur diese Person. Und das muss man sich im Studium, finde ich, auch schon überlegen. Und darüber ist auch immer zu wenig geredet worden. Also, was ist deine Spezialisierung letztendlich? Oder was heißt denn das? Was genau? Der Bereich, in dem wir hier arbeiten, in Bezug auf Wert der Arbeit und Bezahlung später. Oft merken die Leute das erst fünf Jahre nachdem sie aus dem Studium sind.

GO: Macht es Sinn, sich zu spezialisieren?

Du solltest natürlich möglichst viel ausprobieren im Studium. Das unterstütze ich auch. Man sollte diese Zeit und diesen Raum nutzen, um möglichst viel und möglichst breit zu probieren. Diese Dinge, die man probiert, sollte man sich genauer anschauen, weil man später ganz einfach diese Möglichkeit in den meisten Fällen nicht mehr haben wird. Viele Leute fangen an zu arbeiten und dann kommst du vom einen ins andere. Und dieses Mäandern zwischen verschiedenen Dingen, das gehört meiner Meinung nach in den ersten Jahren auch dazu. Ich finde Spezialisierung gut, aber man muss sich halt überlegen, in welchen Stufen man das macht. Wenn ich jetzt Bachelor und Mastersystem habe, dann kann ich sagen, der Master könnte ein erster Schritt sein, um in ein bestimmtes Thema tiefer reinzuschauen. Und dann kann ich irgendwie sagen, was passiert danach? Dann habe ich die Möglichkeit, Praktika zu machen oder ich kann anfangen, irgendwo zu arbeiten. Ich könnte aber jetzt natürlich auch sagen, ich will viel stärker im wissenschaftlichen oder akademischen Bereich arbeiten. Ich könnte ja sagen, ich mache noch den PhD oder stecke noch mal Zeit rein, um mich mit einem Thema intensiver auseinanderzusetzen.

Ich kann mir auch überlegen, was ich denn später verdienen will. Was sind meine Chancen, da weiterzukommen? Und so weiter. Ich glaube, dass es in bestimmten Sparten viel einfacher ist, Fuß zu fassen und auch weiterzukommen als in anderen. Die Szene und der ganze Bereich ändert sich natürlich momentan fatal. Die meisten Bewerbungen, die wir kriegen, sind ganz einfach sehr breit aufgestellte Grafikdesigner. Wir machen im Büro natürlich auch immer noch viel Print und Editorial. Aber alle Büros, die jetzt nur auf Print setzen, die werden unter Umständen, wenn sie nicht total spezialisiert sind und immer zehn bis fünfzehn Bücher parallel machen werden, Probleme kriegen. Du musst Leute haben, die im Screen-Bereich, UX mit Figma und mit Motionprogrammen fit sind. Alle Erscheinungsbilder, die wir machen, sind inzwischen bewegt oder haben Bewegtbildanteile. Wenn du das nicht mehr kannst, dann bist du auch schon außen vor. Also dich dann als Studierender durchzusetzen mit Skills im Büchermachen zum Beispiel ist unter Umständen sehr, sehr schwierig. Beziehungsweise musst du dann noch länger kämpfen und dich behaupten. Ich würde die Zeit dafür nutzen, rauszufinden, was einem Spaß macht und wo man auch Interesse hat. Aber ich würde es zum Beispiel heutzutage nicht verpassen, sich auch mal mit Programmierung auseinanderzusetzen. Ich kann ja immer noch sagen, um Gottes Willen, das interessiert mich nicht. Das macht mir keinen Spaß. Aber ich muss es probieren. Muss es da Unterrichtseinheiten geben, wo mir jemand Figma oder Touchdesigner beibringt, macht man das halt eher innerhalb von Workshops. Erwartet man von den Studierenden, dass die das selbst lernen oder wer hat die Aufgabe, euch diese Skills ein Programm zu lernen, beizubringen. Die staatlichen Hochschulen sagen ja oft, das müssen die Leute selbst lernen. Und ich bin auch davon überzeugt, dass das jetzt nicht unbedingt etwas sein muss, was fest im Curriculum einen großen Raum einnehmen muss. Man kann das ja auch innerhalb von einem Workshop machen.

GO: Was macht eine gute Bewerber*in aus?

Du guckst erstmal: Was können die Leute in Bezug darauf, was wir gerade brauchen? Oder welche Stelle ist zum Beispiel nicht besetzt in einem Büro und jedes Büro hat da auch ein unterschiedliches Setup. Du kannst natürlich sagen, wir machen 50% Print und Editorialdesign im Bereich Print. Und alles andere ist inzwischen vielleicht schon Screen basiert. Wenn du ein sehr kleines Setup hast, brauchst du halt die Leute, die das abdecken können. Inzwischen weiß ich natürlich, und das ist ja auch ganz normal, niemand kann alles abdecken. Es gibt immer Leute, die sind in einer bestimmten Sache sehr gut. Es gibt Leute, die sind breiter aufgestellt. Aber dieses Allroundgenie, das irgendwie alles kann, das ist mir, ist mir nicht passiert. Und das sind wir selbst nicht. Das gibt es einfach nicht. Das ist halt utopisch, dass man jetzt denkt, eine Person kann alles machen. Das habe ich eben auch gemeint in diesem Kollaboration/Kooperationsthema, dass man halt eher gucken muss, verschiedene Skills zu finden. Das andere ist, wenn du mit einem kleinen Setup arbeitest, mit bis zu fünf, sechs Personen oder so, dann spielt natürlich auch deine Persönlichkeit eine Rolle. Wenn du Leute hast, ich sag jetzt mal zum Beispiel: Die erscheinen sehr schüchtern. Die sind sehr zurückhaltend. Du hast das Gefühl, jemand sagt seine Meinung nicht in einem ersten Gespräch. Dann überlege ich mir natürlich zweimal, ist es gut, dass diese Personen im Studio sitzt. Weil du brauchst natürlich auch irgendwie ein Setup, das so auf einer sozialen Ebene gut funktioniert. Je größer das Büro wird, desto unwichtiger wird das. Das heißt, wenn ich jetzt zum Beispiel eine sehr schüchterne Person bin, dann kann ich es versuchen zu überspielen. Oder ich könnte auch sagen, ich versuche das zu verbessern. Wie auch immer. Ich wüsste aber vielleicht auch, dass es in einem großen Büro oder einem größeren Setup eventuell ein bisschen einfacher für mich ist, weil ich mich da besser integrieren kann. Weil ich dann auch das Gefühl habe, dass ich vielleicht andere Leute um mich herum habe, die so ticken wie ich. Und in so kleineren Setups brauchst du einfach Leute, die proaktiv kommunizieren können, weil das Kommunizieren zum Beispiel mit Kunden, Kundinnen, Auftraggeberinnen essentiell ist. In den größeren Setups hast du die Projektmanager usw, die die ganze Kommunikation machen. In kleineren Setups machst du alles. Das heißt, du hast auch die Kommunikation mit den Kunden. Du schreibst E-Mails.

Ich habe das auch über Jahre lernen müssen. Ich war am Anfang auch eher unsicher. Hab mich da nichts getraut, auch vor anderen Leuten. Das ist was, was du dann über die Jahre lernst. Man kann vielleicht als Studierende nur versuchen, sich zu überlegen, wie komme ich da gut hin? Ist es das kleine Setup oder das große, was mir eine Sicherheit gibt.

GO: Welchen Tipp würdest du jungen Gestalter*innen geben?

Ich würde versuchen, über Leute oder Netzwerke, die man kennt, gucken, wo will man eigentlich hin? Dass man eben auch die Chance nutzt, sich in der ersten Zeit ein bisschen treiben zu lassen. Dass man sich jetzt nicht gezwungen fühlen muss. Das ist ja oft auch so, dass man da so einen Druck hat, innerhalb der ersten ein, zwei oder drei Jahre an ein bestimmtes Ziel zu kommen. Ich glaube, die Zeit kann man sich nehmen. Einfach dadurch, dass man relativ viel probiert. Wenn ich jetzt irgendwie andere Leute habe aus anderen Ländern, die können sich das nicht erlauben, weil sie ganz einfach dann sofort Geld verdienen müssen oder vielleicht jemanden zu ernähren haben. Dann hast du natürlich ganz andere Bedingungen. In unserer Luxusgesellschaft haben viele Leute natürlich den riesigen Vorteil, dass du nicht diesen Druck hast und dass man eben eher die Chance nutzen soll, sich über Lesen, Netzwerke, Kontakte, die man hat, zu gucken: Wo kann ich mich in dem Bereich aufstellen? Das war früher auch irgendwie viel engstirniger, ich habe das Gefühl. Als wir angefangen haben, habe ich gar nicht so breit in dem ganzen Designbereich gedacht. Die ganzen Chancen und Möglichkeiten, die man da vielleicht haben kann, gar nicht gesehen. Aber das ist heute meiner Meinung nach auch ein bisschen einfacher, sich da so einen Überblick zu verschaffen, indem man bestimmte Bücher liest oder mit denen redet oder anderen Studierenden irgendwie zuschaut. Aus meiner Erfahrung ist es eher so, dass sich in der ersten Zeit dann auch Dinge ergeben. Es ist gar nicht so ist, dass man da den Masterplan braucht. Ja, das ist vielleicht mein Tipp: Man muss Spaß haben dabei.

Ganzes Interview: Pool Practice

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Gates Open (GO): Wie habt ihr angefangen?

CLAUDIA: Wir haben ja sogar zusammen studiert damals und bei uns war es also bei mir, bei dir eigentlich auch. Wir sind nach dem Studium direkt in Praktika gestartet. Zur selben Zeit habe ich immer noch für einen Freund Freelance-Arbeit gemacht. Aber das war so sehr sporadisch. Ein bisschen Geld verdienen. Nach dem Studium bin ich nach London. Ich war damals sehr unvorbereitet. Ich bin einfach mal gegangen und habe dann dort vor Ort geschaut, was ich finden kann. Nach ein paar Monaten habe ich dann auch ein Praktikum gefunden. Und so hat es eigentlich angefangen. Ich hatte dann zwei Praktika, bevor ich eine Festanstellung gefunden habe. Und ja, ich weiß nicht, willst du vielleicht noch schnell von deiner Seite aus erzählen?

LISA: Im Studium parallel die ersten Freelancejobs, kleine Aufträge für Freunde, Bekannte und sowas halt. Man man macht ja nicht nichts. Neben dem Studium macht man in der Regel dann auch ein Praktikum. Ich bin nach Berlin gekommen fürs Praktikum. Und habe da dann auch eine Festanstellung gekriegt. Teilzeit, also vier Tage. Ich glaube, ich habe immer einen Tag parallel selbstständig gearbeitet. Das ist dann aber eine persönliche Entscheidung. Also ich glaube, weil ich wie immer wusste, ich will irgendwann selbstständig werden. Irgendwann bin ich dann in die Selbstständigkeit gewechselt. Nach ein paar Jahren, eigentlich nach fünf Jahren. Also finanziell war das natürlich schon sehr schwierig. Also vor allem nach dem Studium direkt. Praktika waren generell unbezahlt oder nur schlecht.

CLAUDIA: Ich habe für drei Monate wo gearbeitet, wo mir nur das Ticket um zur Arbeit zu fahren, bezahlt wurde. Und ich habe gerade neben dem Studio gewohnt. Deswegen war das eigentlich gar nichts. Und beim anderen Praktikum habe ich 120£ die Woche bekommen. Das war schon okay damals, aber das kann man heute nicht mehr vergleichen. Also vom Mindestlohn konnten wir damals bei Praktika träumen. Deshalb war es auch wichtig, sehr schnell auch irgendwie zu schaffen, eine Festanstellung oder einen Job zu kriegen. Als Designerin, wo man irgendwie auch davon leben konnte. Ja, so war das.

GO: Wie kam es zu eurer gemeinsamen Gründung?

LISA: Der Moment, wo ich es wirklich gemacht habe, war, weil ich einen großen Auftrag gekriegt habe. Das war ein Wettbewerb, ein eingeladener Pitch damals für einen Schweizer Auftraggeber. Ich habe das mit einem Freund damals zusammen gemacht, der auch Designer war oder ist. Wir haben da mitgemacht und gesagt, okay, wenn wir den Job kriegen, dann machen wir uns selbstständig. Das hat uns finanziell einen Puffer gegeben, dass man gesagt hat, okay, man kann sechs Monate davon leben oder so und dann war das der Moment, okay, dann wagt man das. Aber man muss dazu auch sagen, dass ich in meiner Festanstellung jetzt nicht wahnsinnig viel Geld verdient habe. Also eigentlich hat man auch in festangestellten Verhältnissen, ich zumindest, von der Hand in den Mund gelebt. Am Ende des Monats hatte man 200€ übrig. Das war jetzt nicht so mega das Sicherheitsgefühl. Und da dachte ich dann sowieso okay, wenn der Job kommt, dann habe ich ein halbes Jahr Zeit, Puffer, um weitere Jobs zu bekommen. Das war so ein bisschen mein Moment. Ja und ich habe es nie bereut. Ich habe selbstständig nie weniger verdient als in der Festanstellung.

Das war der finanzielle Aspekt. Aber das andere war auch einfach, dass die Zeit reif war. Das klingt jetzt so, als ob es finanziell war. Würde ich so nicht sagen. Ich wusste immer, dass ich es wollte und ich habe ungefähr fünf Jahre, fast viereinhalb Jahre in der Agentur gearbeitet und das hat mir wahnsinnig Spaß gemacht. Ich habe da gerne gearbeitet, ich hatte tolle Aufträge, es war ein schönes Team, es war ein kleines Team am Anfang, das gewachsen ist. In fünf Jahren habe ich wahnsinnig viel mitgenommen. An Projekten, an denen ich arbeiten konnte, an Erfahrungen, die ich sammeln konnte. Ja und nach fünf Jahren war ich dann so an dem Punkt, dass ich die Selbstsicherheit hatte und dachte okay, ich traue es mir jetzt zu, auch ein Projekt von A bis Z alleine hinzukriegen, ohne jemand, der mir dann sagt, wie man das macht. Und ich glaube, das war dann so die Kombi, die es gebraucht hat. Aber die Zeit habe ich auch gebraucht. Obwohl ich sagen würde, ich wusste immer, dass ich selbstständig sein will irgendwann, würde ich diese ganze Zeit angestellt gearbeitet zu haben, niemals missen. Ich würde jedem und jeder raten, erst mal wirklich ein paar Jahre in einem Studio zu arbeiten.

CLAUDIA: Also ich finde, das ist so mega abhängig. Ich dachte immer, eigentlich kann man auch auf die Erfahrung verzichten, aber jetzt im Nachhinein merkt man natürlich schon, wie viel das dann auf mich zukommt. Ich habe mich ja erst nach zehn Jahren mit Lisa zusammen selbstständig gemacht.

GO: Wie habt ihr eure ersten gemeinsamen Aufträge bekommen?

CLAUDIA: Das war ja irgendwie noch eine interessante Phase, also eine interessante Situation im Sinne von Du hast selbstständig gearbeitet als Freelancerin damals. Und ich kam von einer Agentur. Es war Coronazeit. Alles Flaute. Diese Zeit haben wir uns genommen, um auch mal zu checken: Sind wir überhaupt auf der gleichen Seite? Was wollen wir? Wollen wir eine riesen Agentur werden? Wollen wir für Großunternehmen oder für kulturelle Unternehmen und so weiter und so fort arbeiten? Das ging etwa drei Monate. Wir hatten uns miteinander ein Studio Space geteilt und haben so unsere eigenen Aufträge noch gemacht, aber wir haben uns in dieser Zeit auch ein bisschen abgestimmt, um zu schauen, könnte das überhaupt funktionieren?

Danach haben wir diesen Schritt gewagt. Und dann ging es darum, okay, wie kommt man an Aufträge ran? Bei mir war das Problem zum Beispiel, dass ich keine Arbeiten zeigen durfte, ich hatte die Projekte ja für die Agentur gemacht. Also wir haben dann deine Arbeiten vor allem gezeigt, aber wir hatten nie so ein gemeinsames Portfolio. Das mussten wir uns erst erarbeiten. Mal haben wir auch so einen Auftrag als Tauschgeschäfte gemacht. Zum Beispiel für einen Tischler haben wir eine Web-Identity erstellt und er hat uns Sounds erstellt für unsere Webseite zum Beispiel. So, und danach kam aber ein Auftrag durch einen Kontakt von Lisa rein. Das hat uns dann schon ein bisschen abgesichert.

LISA: Und dann wieder von Freunden irgendwie Aufträge. Also es war ein bisschen schwierig, so ohne Portfolio Aufträge reinzuholen, aber grundsätzlich finden wir, erstens das eigene Netzwerk anschreiben und vor allem ja, wie sagt man Akquise betreiben. Also die Leute, mit denen du arbeiten willst, anschreiben, persönlich und ein Portfolio mit schicken und sagen, du hast Interesse oder ob sie Bedarf haben. Und so weiter und so fort. Und so haben wir auch ein paar Kontakte geknüpft. Man kennt Leute, man wird empfohlen, man hat eine Arbeit gesehen, fand die gut. Und dann kommt die Frage: Macht ihr das auch oder könnt ihr das auch? Und so? Ich glaube, gerade wenn man direkt vom Studium kommt, würde ich erstmal sagen, einfach immer alles machen. Also solange es vertretbar ist oder sowas. Aber ich glaube, Dinge abzulehnen, nur weil es nicht ganz so irgendwie der perfekte Job ist oder so, das würde ich nicht empfehlen.

GO: Was ist ein gutes Angebot, was ist ein gutes Briefing?

LISA: Der Idealfall ist immer, dass man mal kurz spricht und versteht, was das Gegenüber eigentlich will. Also das heißt, ihr müsst verstehen, was sind Bedürfnisse oder was ist ein Wunsch von Auftraggeberinnenseite? Vielleicht steht schon fest, was für Medien benötigt werden. Dass man fast eine Liste machen kann. Man braucht fünf Plakate, zehn Broschüren bitte. Was ist der Auftrag so an Medien? Was wird gewünscht? Wie wollen die beraten werden? Also das Wieso, dass man verstehen kann, worum geht so ein bisschen? Die Medien sind natürlich wichtig, um uns zu verstehen. Was ist der Aufwand? Also für ein einhundertseitiges Buch braucht man länger als für eine kleine Broschüre. Was sind Vorgaben? Gibt es Dinge, die fix sind und was sind Freiheiten, um so zu verstehen, was so das Spielfeld ist. Und ich glaube am Anfang ist auch wichtig, so so ein bisschen so eine klare Struktur oder auch einen Zeitplan zu haben, dass man definiert, okay, gibt es eine Deadline, eine Ausstellungseröffnung, ein Drucktermin, wann muss was da sein? Gibt es drei Korrekturen oder fünfzehn? Sich aus unserer Sicht auch absichern und sagen: Hey, drei Korrekturen ist normal, fünf kann man noch ein Auge zudrücken, aber wir machen nicht zehn so, oder ihr kriegt einen Entwurf oder drei oder so was. Was auch immer gut ist.

CLAUDIA: Also das hat man ja auch oft, dass man Anfragen kriegt und die sagen, wir brauchen das alles, macht mal ein Angebot. Und manchmal ist es auch so, wenn jetzt eben ein Auftrag kommt und die haben ein fixes Budget zum Beispiel, dann ist es auch immer gut, das zu erfragen oder zu wissen. Ich kenn das, wenn das ein gutes Budget ist, kein Problem, aber wenn es ein kleines Budget ist, kann man auch drüber sprechen. Zum Beispiel, was kriegt ihr für das kleine Budget? Also vielleicht dann eben nicht fünf Entwürfe, sondern nur einen oder irgendwie so? Ein Gespräch ist eigentlich das Beste, wenn man so will. Und dann beim Angebot würden wir das jetzt alle zusammen erfassen. Es geht ja darum zu checken, haben wir das jetzt richtig verstanden. Die können ja dann auch darauf reagieren, ob da jetzt was nicht stimmt.

LISA: Wir machen unsere Angebote relativ übersichtlich. Das ist eine kurze Zusammenfassung und eine Auflistung von den einzelnen Posten und wie viele Stunden oder Tage wir ungefähr für das einberechnen. Und dann haben wir noch eine Project-Fee drauf, weil das sind ja auch so Sachen, wie E-Mails schreiben und was sonst noch so anfällt. Das wird gerne vergessen im Prozess. Aber grundsätzlich auch einfach wichtig. Also für beide Seiten, dass man das immer schriftlich festhält. Also da ja noch ein paar gute AGB's zum Abschluss nicht vergessen. Also wirklich das Schriftliche, das hat mir schon mal den Arsch gerettet. Wir hatten damals einen Auftraggeber, der nicht bezahlt hat und das war dann die einzige Möglichkeit.

GO: Wie setzt ihr einen Preis auf eure Arbeit?

LISA: Wir haben da mal einen guten Vortrag gehört von Vanessa Olt. Ich weiß nicht, ob du sie kennst. Die berät auch Designbüros. Beim Forward Festival. Die hat das eigentlich ganz gut auf den Punkt gebracht. Daran halten wir uns immer ganz gerne. Also ihr Background ist eher so Financial Adviser, sie ist keine Gestalterin oder so, aber es war ganz interessant. Eigentlich sind es fünf Punkte, wo sie sagt, anhand dessen kann man einen Wert an einem Auftrag ganz gut messen. Und das eine ist Geld, das ist so das Naheliegendste. Ist es gut oder schlecht bezahlt? Ist es ein aufwendiger Job? Oder ist es einer, den man relativ schnell machen kann? Sitze ich da mal noch zwei Tage dran, oder es ein Jahr lang? Was hat der Job für eine Relevanz? Macht der Job Spaß oder nervt er? Also wenn du ein Jahr lang einen Job machst, dir keinen Spaß macht, ist es was anderes, als wenn du mal eine Woche lang etwas machst, was vielleicht nicht so dein Lieblingsding ist, aber irgendwie gut bezahlt ist. Und dann gibt es den Purpose und das ist ja auch wieder ganz individuell. Also vielleicht ist es ein Projekt, was einem guten Zweck dient oder etwas, das dir wichtig ist? Persönlich, weil du, was weiß ich, in dem Bereich irgendwie was tun willst oder so? Und das sind eigentlich so fünf ganz gute so Säulen, wo man sagen kann, naja, was weiß ich, wenn drei davon stimmen, dann kann man vielleicht die anderen zwei vernachlässigen oder so. Für uns hat das viel Sinn gemacht und hilft auch total, wenn eine Anfrage reinkommt, dass man erstmal guckt: Ja, okay, welcher von diesen fünf Punkten trifft auf diesen Job zu? Und wenn eigentlich nur einer, dann ja, muss man sich das schon überlegen oder so?

GO: Wie geht ihr mit Frust im Designberuf um?

LISA: Wenn einem Kunden etwas nicht gefällt, dann ist vielleicht was schiefgelaufen beim Briefing. Wenn etwas unklar gebrieft wurde und es ging in eine falsche Richtung. Also ich habe jetzt nie das Gefühl gehabt, ich war frustriert, weil ein Feedback schlecht war oder nicht, wie ich es mir vorgestellt habe, weil sich das meistens durch eine logische Schlussfolgerung geklärt hat. Und manchmal ist es sogar gut. Also manchmal ist man zu verkopft. Man bekommt gutes Feedback. Also da kamen gute Zusammenarbeiten zustande. Wo jemand sagt, das funktioniert nicht und erst denkst du warum nicht? Und wenn man dann versteht, worum es geht, dein Gegenüber sagt, ne, das gefällt mir nicht oder funktioniert nicht und man bleibt dran. Dann führt es meistens zu etwas Besserem.

CLAUDIA: Wenn was wirklich frustrierend ist, wenn es Grenzüberschreitungen gibt. Wir hatten mit einer Person zu tun und diese Person musste das irgendwie an ein Gremium von zehn Leuten weitergeben. Und die hatten dann alle zehn individuelle Meinungen, die dann wieder zurück an uns geflossen sind. Also das war so eine Situation, wo dann halt Textgrößen um einen Punkt geändert wurden. Hä? Also. Das hinterfragt ja unsere typographischen Skills. Es ist ja nicht zu klein. Wenn man es nicht lesen kann, fair enough. Aber wenn man sagt, du musst die Schrift einen Punkt größer machen, das ist so dieses Grenzüberschreitende, wenn man so ein bisschen ein verlängerter Arm vom Geschmack wird.

LISA: Ich finde nicht, dass wir Kunst machen. Also ich verstehe schon Kreativität und man hat vielleicht ein gutes Gefühl. Es ist auch irgendwie komisch, aber ich finde eigentlich, das Spannende an Design ist ja auch, dass man wirklich immer auf etwas reagiert oder auf jemanden. Also wenn man jetzt sagt, okay, egal was ich mache oder für wen ich arbeite, es sieht immer noch nach einem selbst aus. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir einen Style haben. Ich finde das keine Einschränkung. Oft, wenn man einen Auftrag hat, gibt es drei komplett unterschiedliche Wege, die alle funktionieren und gut sind. Ich glaube diese Offenheit, dass man mal eben visuell unterschiedliche Dinge ausprobiert, ist gut. Der Idealismus, wenn man frisch von der Uni kommt, neutralisiert sich ein bisschen. Eine Meinung zu haben ist sehr wichtig. Ich glaube, ab dem Moment, wo man als Gestalterin nicht mehr selbst denkt, also wenn man einfach nur macht, was einem gesagt wird, das ist schwierig.

GO: Was bedeutet Grafikdesign für euch, wie definiert ihr Grafikdesign?

LISA: Das coole ist ja eigentlich, dass man Gestaltung in dem Sinne auch überprüfen kann, oder? Also gute Gestaltung. Es geht jetzt nicht um ein Adjektiv, wo man sagen kann, das ist gut oder so, aber ich glaube, wenn man es innerhalb von einem Projekt sieht, kann man schon sagen, ist es gut oder schlecht geworden. Verstehe ich, worum es in der Ausstellung geht, auf dem Plakat oder nicht? Oder komme ich zurecht auf der Website. Manchmal kann ja auch eine Website anstrengend sein und es ist trotzdem gut gelungen, weil es passt. Oder, dass es immer irgendwie direkt zugänglich sein muss oder so. Es kommt ja auf den Kontext drauf an, ich meine, ein Leitsystem muss einfach funktionieren. Das ist auch nicht der Moment, wo man sagt, ich will eine ultra coole abgespacete Font nehmen.

CLAUDIA: Aber es muss Spaß machen. Ich finde es muss irgendwie ein bisschen entertainen und ich finde, man kann auch den Betrachter oder das Zielpublikum ein bisschen herausfordern. Ich finde es immer dann spannend, wenn es funktioniert, aber irgendwie was, was was Innovatives dabei ist oder so, wo man trotzdem denkt: Das überrascht mich jetzt, oder: Das habe ich irgendwie schon lange nicht mehr gesehen.

GO: Habt ihr einen Tipp für junge Gestalter*innen?

LISA: Die Realität ist halt so, dass der interessante Teil, die Gestaltung, das Konzept entwerfen, Entwürfe machen, Ideen sammeln, das macht so zwanzig Prozent der ganzen Arbeit aus. Und dann kommt halt noch das Ganze abarbeiten, ausrollen, Druckdaten erstellen, Produktionserklärungen führen, Korrekturen, Korrekturen, Überarbeitungen. Das kann ein bisschen langweiliger sein. Auf der anderen Seite ist es ja ultrawichtig, auch diese Abläufe zu beherrschen. Vielleicht kann es ein bisschen demotivierend sein, wenn den Reality-Check hört.

CLAUDIA: Ich glaube erstmal rausgehen und irgendwie Lust zu haben und Herzblut haben und irgendwie. Machen und Erfahrungen sammeln. Ich glaube, ich würde persönlich tatsächlich raten, in Büros arbeiten zu gehen. Erstmal. Wenn man dann in die Realität kommt, gibt es ganz viele Dinge, die man noch lernen muss. Also was eben Strukturen angeht. Wie formuliert man E-Mails, präsentieren, Projekte aufbereiten. Das kann man im Studium gar nicht alles lernen. Ich glaube, man muss sich bewusst sein, dass man ständig dazulernen muss, dass man vielleicht auch gewisse Lücken schließen muss, die man nicht hat. Und ich glaube irgendwie darauf auch Bock zu haben, also rein zu springen.

Ganzes Interview: Shortnotice Studio

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Gates Open (GO): Wie habt ihr angefangen?

Wir haben uns ganz klassisch im Studium kennengelernt, direkt am ersten Tag. Witzigerweise. Matze war schon davor ein Jahr in Berlin, hat da krasse Residencies gemacht. Ich bin halt aus dem Kaff, aus einem sehr kleinen Ort, komplett ohne kulturell-gestalterisch-künstlerisch-architektonisches Interesse in der Familie. Auch die Erste, die studiert hat und bin da eigentlich sehr blauäugig in diese Uni reingerannt. Habe tatsächlich beim ersten Anlauf aus Versehen geschafft, mit meiner Mappe angenommen zu werden. Das war erstmal so ein Trial-Run für mich zu schauen, weil ich wollte mir eigentlich die Zeit nehmen nach dem Abi ein Jahr irgendwie rauszufinden was ich machen will und so. Ich hatte dann die Möglichkeit über den Kunst LK an so einem offenen, also zwei offenen Tagen an der HFG in Karlsruhe teilzunehmen und fand das super spannend. Da war so hey, irgendwas zieht mich total dahin und ich war halt mit 18 an einem Punkt, wo ich mich sehr gesehnt habe, nach so einem Perspektivenwechsel, nach neuen Inputs und habe das auch gar nicht so hinterfragt. Aber einfach so, ich probiere es jetzt einfach mal! Das passt eigentlich gar nicht so arg zu meinem Charakter. Ich versuche sehr durchdacht Entscheidungen zu treffen und bin auch nicht so übereilig, irgendwie die Situation zu ändern oder so, es ist alles eher ziemlich fundiert. Und dann habe ich am ersten Tag Matze getroffen und wir fanden uns voll dumm, also auf einer oberflächlichen Ebene vielleicht interessant, aber wir haben uns gar nicht verstanden. Er war halt ein paar Jahre älter. War halt irgendwie schon in Berlin. Ich bin halt aus der Kleinstadt in die mittelgroße Stadt Karlsruhe gezogen. War total, hatte keine Ahnung, was mich erwartet und wir hatten so gar keine gemeinsame Baseline eigentlich. Und der ist dann auch erstmal wieder abgehauen, weil seine Residency in Berlin ging länger und er ist dann ein Jahr danach – es gibt immer so einen Ein-Jahres-Turnus an der Hochschule – mit eingestiegen, war dann quasi wie so ein Semester oder ein Jahr unter mir. Das heißt, wir hatten auch kaum in dem Foundation-Jahr miteinander zu tun. Ja, wir hatten kaum Überschneidungspunkte. Dann schon im Laufe der Zeit. Wir haben uns auf Partys ganz gut verstanden und irgendwie so ein bisschen abgehangen, aber nie so aktiv. Wir haben nicht die Nähe oder den Kontakt gesucht. Du weißt ja, wie es ist. Mit manchen Leuten trifft man sich irgendwie aus Versehen immer wieder und das auf den gleichen Veranstaltungen und hat netten Plausch und dann hört man irgendwie vier Wochen nichts mehr voneinander.

Dann haben wir unser Diplom angefangen zu machen und ich saß mit ihm in einer Bar noch mit anderen Leuten und er meinte dann so: Ja, ich brauche Hilfe. Ich kriege es nicht alleine hin. Und fast schon rhetorisch habe ich gesagt: Ja, ich kann dir ja helfen und hatte eigentlich gehofft, dass er es nicht annimmt. Und dann? Dann hat er das Angebot aber angenommen. Und dann haben wir tatsächlich gemerkt: Hey, wir können ja nicht nur gemeinsam feiern gehen, sondern wir können auch gemeinsam arbeiten. Und das hat sich total gut ergänzt irgendwie. Das ganze Studium über war ich sehr, total so auf einer ganz klassischen, printlastigen Swiss-Heavy-Graphic-Design-Schiene unterwegs und habe mich da auch sehr sicher gefühlt und wollte da auch nicht so ausbrechen. Zu der Zeit hat sich das angefühlt wie das kann ich, das interessiert mich, das möchte ich machen. Und Matze war immer schon etwas offener und freier unterwegs mit den Projekten, die er im Studium gemacht hat. Deshalb haben wir uns inhaltlich nicht so sehr überschnitten. In der ersten Zusammenarbeit haben wir gemerkt: Hey, genau das, was der andere macht, brauchen wir eigentlich voneinander. Diese Differenz hat so gut zusammengeklickt, dass wir ein paar Monate später einfach, wirklich ziemlich voreilig entschlossen haben: Hey, lass einfach ein Studio gründen. Wir haben das ein bisschen mitgekriegt, auch im Umfeld, dass andere Leute das gemacht haben. Und wir waren extrem, wirklich extrem gelangweilt davon, wie lange das zum Teil dauert, sich für einen Namen zu entscheiden und irgendwie zu überlegen, was will man eigentlich machen? So sehr, dass wir uns entschieden haben, es muss alles an einem Tag entschieden werden. Der Name, das Firmenlogo, eine Mini-Mini-Webseite und einmal einen Satz, den man sich irgendwie hinknallen kann. Das haben wir dann auch durchgezogen. Gegen die Idee, dass man Sachen auf eine bestimmte Art machen muss, damit sie auch gut sind. Das ist eigentlich der Anfang.

Mittlerweile haben wir uns natürlich in unseren Skillsets und Erfahrungen total weiterentwickelt und diese krasse Differenz ist nicht mehr so da. Was wir uns behalten haben, sind aber unsere Skills. Sei es jetzt persönliche Fähigkeiten, Dinge, die einem leichter fallen und Wissen, das man hat in Bezug auf Gestaltung. Und auch die Studio-Führung, erlauben wir uns weiterhin aufzuteilen. Wir können nicht beide alles und das ist auch bewusst so entschieden, weil wir das Gefühl haben, wir geben dem anderen einen Vertrauensvorschuss und das Thema XY wird dann schon gemanaget und ich muss nicht alles selber können und wissen und machen. Damit halten wir unsere Mental-Load auch soweit es geht klein.

GO: Was hättet ihr damals gerne schon gewusst?

So ziemlich alles, weil man weiß irgendwie gar nichts am Anfang. Im Studium hat man natürlich extrem viele super wichtige Sachen und auch spannende Sachen gelernt, die sich aber alle auf Gestaltung als künstlerische Praxis beziehen, weniger auf Gestaltung als Beruf, der mir Geld aufs Konto bringt. Und das betrifft natürlich alles von: Wie mache ich überhaupt ein Angebot? Kann ich als soloselbstständige Person arbeiten? Was bedeutet eine Steuernummer und eine Steuer-ID? Also komplett die Basics bis hin zu: Wie kann ich mich so positionieren, dass ich meine Ideen auch in einer Art Verkaufsgespräch vertrete, was ja Präsentationen mit Kundinnen in der Theorie oftmals sind. Wie kann ich meinen Wert selbst erkennen und etablieren? Wie kann ich überhaupt irgendwas machen, was über” ich mache jetzt irgendwie ein cooles Poster” hinausgeht? Das hat uns total gefehlt. Aber dadurch, dass man ja auch nicht weiß, wie viel man nicht weiß, hat man da auch nicht so mega die Angst vor. Deshalb hatten wir da am Anfang natürlich einige Struggles, aber nicht so, dass man dann gemerkt hat: Oh, da weiß man ja so wenig, dass man damit gar nichts machen kann. Sondern es war immer so: Hey, jetzt kommt der Moment, wo man Angebote schreibt. Dann sind die ersten Angebote extrem, extrem, zu billig, viel zu billig. Und das ist immer noch ein Problem. Kurzes Framing zu allen meinen Aussagen. Ich sage auch nicht, dass du irgendwas davon zu 100% gelöst haben wirst. Es ist ein Ongoing-Ding. Wir sind ja auch noch relativ jung und das ist immer, immer ein Thema und ich glaube, das hätte ich gerne gewusst. Und ich glaube, das wird einem bewusst nach so ein paar Jahren, dass man da immer dazulernen und sich weiterentwickeln muss. Um auch Fehler, die passieren, nicht noch mal auftauchen zu lassen oder auch mit immer komplexer werdenden Strukturen umgehen zu können. Ja, je nachdem, auf welchen Skalen man eben arbeitet. Und auch ein bisschen mehr Offenheit dazu hätte ich mir gewünscht. Vor allem im Kontext zu zum Beispiel Inputvorträgen in der Uni von Leuten, oder Studios, die vorbeikommen und ihr Portfolio präsentieren oder ihre Arbeit präsentieren. Was ich immer total spannend und schön fand. Was mir aber oft gefehlt hat, ist Realitätsbezug oder so ein bisschen Behind the Scenes. Da ist es uns extrem wichtig. Deshalb machen wir das auch total viel und gerne. Das war für uns auch sofort klar, dass wir mit dir sprechen können. Diesen offenen Austausch pflegen wir in Vorträgen, die wir machen. Den pflegen wir, wenn wir Seminare geben. Und ich glaube, das hat sich auch schon extrem gewandelt. Also ich glaube, dieses so total shiny nach außen cleane Produktprojekt so Dokus zeigen ist gar nicht mehr so das Ding. Zu unserer Studienzeit war das eigentlich 99% Prozent der Fälle so, ein Studio kam rein, hat super coole Sachen gezeigt, man saß als Studierende da und war so okay, aber wie zur Hölle soll ich denn jemals an diesen Punkt kommen? Von den Designskills mal ganz abgesehen. So was Cooles kann ich nie machen, da komme ich nie hin. Und diese ganze Frage drumherum, dass auch Struggles dabei sind und Zweifel und auch Sachen schiefgehen, das hat einfach komplett gefehlt. Wir haben nur so eine Oberfläche präsentiert bekommen. Das hätte ich gerne anders gehabt.

GO: Was erzählt ihr Studierenden, wenn ihr Vorträge haltet?

Da halten wir es immer so, dass wir sagen: Fragt bitte alles, was euch wirklich interessiert, weil wir können euch in der Theorie tagelang den Kopf wegreden. Aber was in dem Moment für euch wichtig und ein Fragezeichen ist, können wir nicht antizipieren. Deshalb machen wir da eigentlich immer so Fragerunden und da merken wir ganz arg, wie zum Teil überrascht die Studierenden sind. Es fängt immer ein bisschen harmloser an, dann geht es ein bisschen mehr ins Eingemachte. Wir versuchen wirklich, solange es nicht über irgendwelche NDA-Verträge oder so hinausgeht, so gut es geht offen zu sein. Deshalb fand ich es auch cool, dass du da auch so gezielt zum Beispiel nach Geld oder Struggles und Battles gefragt hast.

GO: Wie setzt ihr einen Preis auf eure Arbeit?

Das ist eine sehr spannende Frage und auch sehr vielschichtig. Leider gibt es nicht diese einfache Formel, die man anwenden kann. Wenn man im kulturellen Sektor arbeitet und sehr unterschiedliche Kundinnen hat, dann muss man jedes Mal aufs Neue aushandeln und schauen. Im Erstgespräch bestenfalls. Also ich empfehle dir zuerst Tipp Nummer eins: Immer erstmal eine Konversation haben, bevor man Angebote schickt. Selbst wenn die Anfragen per Mail kommen und zum Teil schon gut ausformuliert sind und man theoretisch schon ein Angebot machen könnte: immer erst ein Gespräch führen. Wie fühlt sich das Gespräch an? Werde ich in meiner Position insgesamt schon auf eine Art Ernst genommen? Ist Verständnis dafür da, dass ich eine Leistung verbringe, die potenziell einen Mehrwert bringt und dann auch so was auszuhorchen wie: Seid ihr irgendwie publicly funded? Habt ihr einen Förderantrag, auf dessen Eingang noch warten müsst? Ist es ein gewinnbasiertes Unternehmen und deshalb ist Geld da? Gründet sich gerade irgendwie jemand neu, braucht eine CI und ist eigentlich gar kein Geld da? Usw usw. Also so ein bisschen herauszuhorchen: Wie steht es denn im Finanziellen insgesamt und wie sehr ist das Wissen und die Wertschätzung für Design? Wie habt ihr bisher grafische Prozesse erlebt? Man gibt vor, das wäre das Gespräch, um dem Kunden zu erlauben, einen kennenzulernen. Aber letztlich ist es eigentlich ein bisschen andersrum und es ist ein Aushorchen.

Empfohlen wird eigentlich zum Beispiel nicht, dass man unterschiedliche Tages- oder Stundensätze hat. Ja, aber die Realität sieht dennoch so aus, dass man sie häufig anpasst. Aber ich versuche trotzdem mal bei dem einen Punkt zu bleiben. Unser Tagessatz momentan ist wahrscheinlich immer noch viel zu niedrig, aber wir sind gerade bei 600€. Iich weiß auch, das ist aus Studierendenperspektive erst mal sehr viel Geld. Wenn man das Ganze aber durch drei teilt und dann die Steuer abzieht und Fixkosten abzieht, bleibt davon wahrscheinlich nicht mehr sehr viel übrig. Zumal man auch fix davon ausgehen kann, dass niemals jeder Werktag im Monat abzurechnen ist. Die interne Arbeit, Buchhaltung, das Studio putzen… Wir können uns zum Beispiel jetzt gerade keine Putzkraft leisten. So, dann muss man doch noch mal irgendwo hinfahren, irgendwelche Sachen abholen, dann hat man mal einen Zahnarzttermin, dann geht eine Besprechung länger, dann sind Vorabmeetings, die zu keinem Job führen, die unbezahlt sind, natürlich. Das heißt, die wirklich abrechenbare Zeit am Tag, die ist eigentlich relativ klein. Und selbst wenn man es dann schafft, den Tagessatz abzurufen und genau in der antizipierten Zeit, die man angegeben hat, zu bleiben, dann kommt man bei einem Stundensatz raus. Die Realität ist aber häufig, dass man tendenziell etwas länger braucht, als man denkt, weil einfach sehr viele Faktoren unvorhergesehen sind. Kommen zum Beispiel Inhalte verspätet für ein Buch oder sind total fehlerbehaftet, dann sind’s halt nicht zwei Korrekturen, sondern acht. Und dann kannst du auch nicht sagen, ja, sind jetzt halt zehn Tage mehr. Wenn das Budget insgesamt nur zehn Tage ist. Es ist jetzt ein extrem krasses Beispiel natürlich.

Wir haben jetzt relativ viele Jobs schon gemacht, weil unsere Aufträge zum Teil auch nicht so riesig waren. Es kommt einfach eine hohe Anzahl zusammen. Jedes einzelne Szenario, was du dir vorstellen kannst, hatten wir schon. Und jedes einzelne Szenario, was wir uns auch nicht vorstellen können, kommt dann auf eine andere Art immer noch. Am Freitag letzte Woche zum Beispiel haben wir einen Teilbetrag von einer Rechnung überwiesen bekommen, die fällig war zum 30. November, das war lange so geplant, lange abgemacht. Und jetzt, am Montag, habe ich von unserem Geschäftskonto ein Ticket in der App bekommen, dass ein Rückruf für den Betrag angefordert wurde. Das heißt, der Geldgeber möchte das Geld wieder zurückhaben. Und ich hatte zufälligerweise an dem Tag auch einen Termin mit dem Kunden und konnte es dann klären. Sie sind als Verein gerade gar nicht liquide, es muss jetzt wieder zurück gebucht werden. Es wurde nichts mit uns vorher besprochen. Das Fälligkeitsdatum 30. November ist seit Monaten bekannt. Der Betrag ist auch bekannt. Es ist keine Überraschung. Wir sind im ständigen Austausch. Das wäre eigentlich eine Sache, die man nicht über die Banking App löst, sondern vielleicht mal einen Hörer in die Hand nimmt oder mal eine kurze Mail tippt. Das ist einfach nur ein kleines Beispiel.

GO: Wie stellt ihr ein Angebot?

Häufig sagt man auch, dass man was für ein kleineres Budget macht, als man sich eigentlich wohlfühlt, weil man das Projekt super spannend findet. Wir sind jetzt aus der Phase raus, wo wir alles, alles annehmen müssen für unser Portfolio. Aber tatsächlich ist es so, dass wir eigentlich fast alle Anfragen, die wir bekommen, total spannend finden. Das ist natürlich ein extremes Luxusproblem. Das wissen wir auf jeden Fall, führt aber häufig auch dazu, dass wir tendenziell eher überbucht sind und trotzdem nicht viel verdienen. Dieses Jahr haben wir extrem viel gleichzeitig gemacht. Wir haben dann irgendwann aufgehört, die Zeit zu tracken, weil wir einfach nicht mehr wissen wollten, wie viel wir machen. Was ist denn jetzt der Stundensatz? Aber das ist auch weniger ein Studioproblem. Das ist mehr ein persönliches Problem, weil wir tendenziell eher das Gefühl haben, wir müssen overdeliveren, dass wir irgendwie genug sind. Das ist auf jeden Fall was, was ich nicht empfehlen kann. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass wir diese total übereifrige Phase am Anfang oder jetzt auch immer noch brauchten, um an den Punkt zu kommen, an dem wir jetzt sind. Wo wir auch sagen können: Hey, wir lehnen auch Sachen ab, wir schrauben die Stunden ein bisschen runter, weil wir einfach sowas von am Limit sind, dass eigentlich gar nichts mehr geht. Aber genau da kann ich auf jeden Fall nur nahelegen, dass diese Überlastung und Auslastung und dieses finanziell irgendwie einigermaßen gut dastehen ein Thema ist, was einen wahrscheinlich sehr lange verfolgt.

GO: Dienstleister*in oder Künstler*in: Wo seht ihr euch?

Dienstleister oder Künstler, das ist tatsächlich immer wieder Thema in ganz unterschiedlichen Konstellationen. Vor allem in Zusammenarbeit mit Künstler*innen, die einen tendenziell hundertprozentig in die Dienstleistungssparte stecken, aber auch in weniger künstlerisch fundierten Projekten. Gefühlt wird man immer in die negativste Ecke gesteckt. Künstler, Künstlerin ist man, wenn man nicht schnell genug oder präzise genug herausfühlen kann, was der andere will. Und Dienstleister ist man, wenn man nicht genau den Ton trifft, den man treffen soll. Also so ein bisschen dazwischen. Aber ich würde trotzdem sagen, zum allergrößten Teil sind wir da wirklich irgendwo in der Mitte mit Schwenk nach links und rechts. Was aber auch für uns total fein ist, weil wir, glaube ich, uns in einem dieser Pole nicht wohlfühlen würden und es aber auch anstrengend ist, immer sehr arg zu sein und mal Sachen abzuarbeiten. Mal Dienstleister zu sein ist auch völlig in Ordnung, weil am Ende ist es auch einfach Arbeit. Die ganze Erfüllung aus dem Job heraus zu bekommen ist natürlich schwierig, auch wenn wir das häufig versuchen. Irgendwann lässt man auch ein bisschen sein Ego raus. Es ist nicht jeder Job mehr das Baby und nicht alles muss hammer-mega-krass sein. Es ist aber auch sehr schmerzhaft. Also fand ich zumindest eine längere Zeit. Wenn man es aufbereitet, für einen Post oder für das Portfolio. Man sieht, dass es noch viel geiler wäre, wenn die uns einfach hätten machen lassen. Mittlerweile ist mir das ein bisschen egal. Aber ja, am Anfang war ich so: Oh man, irgendwie die Studierenden, die ich noch kenne oder von anderen Unis, die machen so so krasse Sachen. Sieht so cool aus. Aber ja, okay, wenn es halt nicht angewandt ist, dann kannst du gestalten, was du gestalten willst und dann ist kein Reality Check dabei.

Im Studium gab es eine intensive Konzeptphase. Es wurde extrem viel Wert auf Konzept gelegt und extrem viel in die Tiefe gegangen. Wenn man ehrlich ist, hat man selbst da häufig nicht alles in der Gestaltung wiedererkannt, wenn man es nicht wusste. Also wenn ich jetzt nicht in der Semesterpräsentation nebenan stehe und meinen Konzepttext vortrage, hätte man vielleicht nicht diese ganzen Punkte darin gesehen. Ja, ja, genau so! So viel dazu. Und dann kommt natürlich auch dazu, dass wenn man Auftragsarbeiten zusammenarbeitet, man die Inhalte nicht immer 100% beeinflussen kann. Ja, wenn dann kack Bilder kommen oder langweilige Texte, dann kannst du die auch nicht wegzaubern. Genau deshalb würden wir uns da in dem Spektrum auf jeden Fall auch – nervige Aussage – sehr fluide verorten, weil es ändert sich die ganze Zeit, je nach Auftrag und auch je nach Laune. Und auch wenn man mal nicht so Bock hat, dann macht man eher Dienst nach Vorschrift, um sich dann auch erlauben zu können, zu einem anderen Zeitpunkt mal mehr Energie und Effort da mit reinzubringen.

GO: Was macht für euch ein gutes Briefing aus?

Da gibt es auch keine Lösung. Bei manchen Prozessen haben wir so vorgefertigte PDF-Sheets für die Kundinnen, so kann man zum Beispiel sagen: so und so müssen Inhalte vorbereitet werden. So und so möchten wir gerne, dass ihr die Korrekturen im Acrobat Reader kennzeichnet, damit es nicht komplett chaotisch wird. Aber für jedes Szenario, was man vorbereiten kann, gibt es wieder zwanzig, die nicht vorzubereiten sind. Ja, und dann wird die Übersetzerin krank oder der Autor springt ab. Man kann es sich nicht vorstellen. Es ist jedes Mal immer wieder irgendwas. Immer. Wir sind halt alle Menschen. Und weil bei vielen Gestaltungsprojekten einfach sehr viele Menschen beteiligt sind und diese Human-Error-Quote ist einfach zwanzig, dreißig Prozent wahrscheinlich. Das summiert sich. Und das wird auch weitergegeben, wenn es um Inhalt und Vorbereitung geht oder Budget, Verwaltung oder irgendwelche Materialien können wieder nicht geliefert werden. Und so weiter. Es hängt auch sehr stark von der Persönlichkeit der Kund*innen ab. Manche Leute lieben es, eine Vorschrift zu bekommen, wie sie Sachen vorzubereiten haben. Andere fühlen sich davon extrem überrumpelt und finden es auch total unsexy. Deshalb wünschte ich, wir hätten da auch ein fixes System. Was wir aber tun, ist zumindest auf unserer Seite Ordnung zu halten: unsere Ablage, unsere Ordnerstrukturen, unsere Verwaltung sind extrem gestreamlined. Sobald bei uns Sachen abgelegt werden, gibt es ein ganz, ganz klares System, nach dem alles funktioniert. Wir haben Jobnummern, also Jobnummer 100 zum Beispiel, der Ordner heißt 100, darin ist ein Admin-Ordner, da ist ein Ordner, wo die Inhalte reingelegt werden, da ist ein Design-Ordner, Druck-Ordner. 100 ist auch das Kürzel für unsere tolle App, mit der wir unsere Zeit tracken. 100 ist auch jeder Kalendereintrag, der eingetragen ist zu diesem Auftrag. Also nur als Beispiel. Diese ganzen Anknüpfungspunkte erlauben eben auch, dass wir im Team switchen können, wer woran arbeitet. Wir haben immer einen Projektmanager bei uns, der die Verantwortung übernimmt in der Kommunikation. Aber wir delegieren dann, wo es möglich und nötig ist, auch an jeweils andere Personen weiter, wenn wir Support brauchen oder mal eine Abwechslung. Was von außen kommt, kannst du nicht verhindern. Du kannst dich nur irgendwie adaptieren, indem du intern Strukturen und Grundlagen festlegst, die dir ermöglichen, das abzufedern.

GO: Betreibt ihr Akquise?

Das ist auf jeden Fall eine Frage, die sehr häufig gestellt wird. Ging mir auch so, ich bin aus dem Studium raus und mir war relativ klar, dass ich nicht in Karlsruhe bleiben möchte, einfach weil da nicht so viele berufliche Perspektiven für mich wichtig waren. Und dann kamen nicht so viele Städte in Frage. Ich wusste, das muss eine größere Stadt sein. Ist jetzt gar nicht, dass ich unbedingt nur in der Großstadt leben will. Mir war es wichtig, dass ich Entscheidungsfreiheit habe. Und dann fiel die Wahl auf Berlin. Ich war echt so: Hey, kein Mensch, kein Mensch wartet auf eine weitere Gestalterin, die nach Berlin kommt. Und ich war so, ja, okay, also ich war 100% überzeugt: Nobody gives a Fuck. Aber hier in Karlsruhe bleiben bringt halt auch nichts. Zumindest für die Übergangszeit suche ich mir halt einen Freelancejob, um irgendwie anzukommen. Irgendeine Grundlage zu haben, finanziell. Und dann schauen wir mal. Matze war in der Zeit auch in London. Und tatsächlich, so nervig es klingt, habe ich es dann geschafft, relativ schnell in dieser Berlin-Design-Bubble Leute kennenzulernen. Einfach weil ich für dieses andere Studio gearbeitet habe und in diesem Studio-Raum sehr viele andere Designstudios waren. Da war zum Beispiel auch Dinamo, da saß Node, da war Dan Solbach, da saß Pascal Storz, Helmut Völter, ungefähr die halbe Bubble. Ja, und Matty war in London und hat über das andere Studio und über seinen Partner, der auch Künstler ist, einfach relativ viele Artists in London kennengelernt. Ist auf jede Veranstaltung, auf jede nervige Vernissage gerannt, auch wenn man eigentlich nur einen Wein abgreifen wollte. Egal. Trotzdem hingehen. Dann hat es sich so ergeben, dass wir diese beiden Bubbles aufgebaut haben. Und ähnlich wie unser Studienstart, hatten wir in unseren Netzwerken eine relativ geringe Überschneidungsmenge. Also als Studio haben wir natürlich ein sehr breites Feld, aber ich kenne immer ganz andere Leute als Martin und gemeinsam kennen wir eigentlich tatsächlich gar nicht so viele Leute und das ist einfach ein extrem großer strategischer Vorteil. Der sich aber leider nicht so wirklich planen lässt. Ist einfach ein bisschen eine Zufallssituation, eine sehr glückliche Situation. Aber die hat eben verursacht, dass wir aus diesen beiden Feldern entweder Supportanfragen bekommen haben, so: Hey, kannst du mich unterstützen bei dem Projekt oder: Hey, ich bin Künstler, ich will eine schnelle Artist-Website, hättet ihr Bock das zu machen für 200 Pfund? Und wir so? Ja, natürlich. Machen wir sofort! Wir konnten, wir können ja immer noch nicht coden.

Und gleichzeitig ging Corona los. 2020 haben wir wirklich angefangen mit Shortnotice Berlin, London. Und das heißt halt auch, dass wir sowieso nicht wussten, was passiert. Wir haben davor nichts Digitales oder Web-lastiges gemacht. Gar nichts. Mich hat das null interessiert. Ich habe einen HTML- und CSS-Kurs in der Uni gemacht und dann abgebrochen. Das hat mir keinen Spaß gemacht und dann haben wir über WordPress halt so basic Sachen irgendwie versucht zu layouten um dann so ein bisschen das Editorial einfach ins Web zu bringen. Wir haben ja keine hyperkomplexen Seiten gebaut, sondern einfach nur so ein paar Portfolio-Seiten. Wir waren uns auch nicht zu schade dafür, irgendwie Sachen neu zu lernen und uns auch vielleicht noch nicht auf dem Level Sachen umsetzen zu können, wie wir es eigentlich theoretisch im Print gekonnt hätten. Das ist auch ein bisschen so, eigentlich sieht es gerade nicht so geil aus, aber es ist okay. Und auch total schlecht bezahlt. Aber egal, weil sonst kommt ja eh gerade nichts rein. Und dadurch, dass wir noch bei anderen Studios waren, konnten wir es uns auch leisten. Dann mit extrem extrem Mini Mini Mini Budget Aufträge anzunehmen. Es war dann am Anfang erstmal nur ein Freund, dann ein Freund von einem Freund, dann ein Bekannter von einem Bekannten und dann kannte man die über zwei Ecken oder so und so ist es eigentlich nach wie vor auch immer noch, dass sich allermeistens von einem Job ein oder zwei weitere Sachen ergeben. Und unser Netzwerk, das wir haben, empfiehlt uns auch weiter, und ist im Austausch mit Kurator*innen die wieder Projekt XY machen usw usw. Und so hat’s sich ergeben, dass wir tatsächlich – also wirklich knock on wood, ich weiß auch nicht warum wir haben, wir machen das jetzt nicht irgendwie krass besser als Leute, bei denen es nicht so läuft, das kann ich komplett sagen, es hat nichts mit Skills zu tun, das ist nicht ein Geheimtrick, den ich jetzt nicht sagen kann oder so – es hat sich einfach so ergeben, dass wir bisher noch keine Akquise machen mussten. Ich weiß nicht warum. Es ist einfach random. Wirklich komplett random. Und auch nicht replizierbar. Es ist kein Trick dabei. Es sind einfach extrem viele Zufälle. Wir kennen sehr viele Leute, haben im richtigen Moment die ausversehen richtigen Entscheidungen getroffen.

Zum Beispiel als ich in meiner Anfangszeit in Berlin die anderen Leute im Studio kennengelernt habe, wo ich gearbeitet habe. Ich fand das nicht so nice. Das war nicht so eine gute Zeit für mich und ich habe es gehasst. Aber das hat dann dazu geführt, dass wir zum Beispiel Johannes kennengelernt haben, der von Dinamo, und der uns dann halt irgendwie ein Jahr später fragte: Hey, ihr habt gerade irgendwie coole Sachen gemacht, habt ihr Bock für uns Art Direction zu machen? Ja, und das wäre nicht passiert. Deshalb auch dieses Umziehen nach Berlin. So fragwürdig, wie das für mich am Anfang war. Ob das was mit der Karriere zu tun haben kann, hat sich dann herausgestellt. Wenn ich es nicht gemacht hätte, wäre es auf jeden Fall nicht passiert. Also Thema Akquise verfahren wir weiterhin so, dass wir halt versuchen, nicht aktiv Networking zu betreiben, Weil das merkt man auch einfach, wenn man angelabert wird, wenn jemand was will. Ja, mittlerweile passiert es halt auch andersrum. Dass Leute halt uns irgendwie anlabern wollen oder irgendwas wollen. Und es ist überhaupt nicht verwerflich oder falsch, aber es fühlt sich irgendwie immer so ein bisschen weird an. Wo am meisten entstanden ist, ist einfach über ein ehrliches – also ich sage jetzt nicht Networking darf man nicht machen – aber einfach über ein ehrliches Interesse an dem Menschen, an der Person, nicht an dem Auftragsvolumen oder an der coolen Font oder Buch, was gerade rauskam. Sondern wirklich ehrliches Interesse. Offenheit dem anderen gegenüber und auch eine Neugierde sich beizubehalten und sich auch vielleicht nicht so zu verstellen. Weil jegliche Art, die man mitbringt, ist für die ein oder andere Person einfach irgendwie interessant.

Und das haben wir auch gemerkt, wenn wir uns verstellen. Das haben wir jetzt zum Beispiel gerade bei einem Auftrag. Da haben wir uns aus Versehen, weil man immer wieder auch Fehler macht, uns im Prozess von der Bewerbung für diesen Job total verstellt, weil wir dachten, so wird das gewünscht, dass wir auftreten und uns damit total unwohl gefühlt, es aber trotzdem gemacht, weil wir dachten, es muss jetzt irgendwie so sein. Und jetzt haben wir den Salat, weil die überhaupt überhaupt kein Verständnis haben für die Art, wie wir eigentlich arbeiten. Die haben die verstellte Version von uns angeheuert und wir klatschen gerade ganz arg mit unseren Identitäten, weil so, wie wir eigentlich arbeiten oder die Art, wie wir über Gestaltung nachdenken, auf einmal gar nicht mehr zu den Vorstellungen des Kunden passt. Ja, und das ist extrem unangenehm und total dumm. Und ich weiß auch, dass wir da selber dran schuld sind. Aber es ist einfach für uns auch immer wieder ein Reminder: das lohnt sich einfach nicht. Wenn man komplett so tun muss, als wäre man jemand ganz anderes, nur um an irgendeinen Job zu kommen… Es lohnt sich einfach nicht.

GO: Die Arbeit die man für Kunden macht, mit denen man sich wohlfühlt, ist bessere Arbeit?

Man muss auch einfach vorsichtig sein, wen man sich anlacht. Das ist aber auch gleichzeitig eine sehr, sehr privilegierte Aussage. Es ist auch nicht so, als würden wir immer die schlausten Entscheidungen treffen oder auch im Vorfeld erahnen können, wie das läuft. Das versuche ich auch die ganze Zeit auf jeden Fall zu betonen. Dass wir nach wie vor immer wieder Sachen falsch machen, immer wieder die gleichen Fehler machen, wo wir eigentlich wissen: Hey, das wollen wir eigentlich nicht mehr machen. Ja, aber wenn dann das Szenario ganz bisschen anders ist, dann hat man es wieder. Dann erkennt man es nicht rechtzeitig. Man geht über die eigenen Grenzen. Man traut sich nicht, sich einzugestehen, dass jetzt gerade was schief läuft. Man sagt nicht rechtzeitig was. Usw usw. Ich habe das auch Ongoing. Das ist auch einfach normal. Wenn alles nach so einem genauen Schema laufen würde, dann könnte man das ja irgendwo einmal nachlesen und einfach so durchziehen. Also ich habe jetzt keinen Zweifel an uns als Studio und ich weiß auch de facto, dass Leute unsere Sachen cool finden. Ich weiß, dass de facto Leute sich bei uns bewerben, die ganze Zeit für Praktika und Jobs und so. Ich weiß, dass Leute die Gestaltung cool finden und es irgendwie gut finden, dass wir ein Studio haben, was wir für Jobs machen und so. Das ist also wieder dieses Ding, so Reality-Check mäßig. Man sieht es selber dann nicht. Man regt sich nur auf über das und das. Man hat sich da und da wieder komplett überarbeitet. Ja, man, man findet es irgendwie scheiße, was man gemacht hat oder man weiß oh man, wenn ich jetzt da einmal ein bisschen präziser formuliert hätte, wie es aussehen soll, dann wäre es vielleicht besser geworden.

Instagram versus Reality ist auch so ein Ding. Ich weiß natürlich nicht, wie meine Außenwahrnehmung ist, weil ich uns ja nur intern sehen kann. Aber ich kann mir vorstellen, vielleicht ansatzweise, alles ist fun, wir sind total locker. Das ist eine Repräsentation von unserer Idealvorstellung. Wir sind natürlich auch auf eine Art locker und fluide und so, aber da ist auch sehr viel Pain dabei und sehr viel Struggle und und es ist nicht alles easy. Dieses Jahr haben wir von Mai bis September oder August zufälligerweise, obwohl wir theoretisch auf dem Papier genug verdient hätten, vier Monate lang keinen Cent reingeholt. Hat einfach keiner die Rechnung bezahlt. Das kam dann alles auf einmal. Also es war de facto nicht zu wenig Verdienst. Alles okay. Aber vier Monate lang ging quasi kein Geld ein. Und was am Ende bei rauskommt, ist noch nicht mal beim Durchschnitt, sondern beim Medianeinkommen von normalen akademischen Deutschen. Wir können uns irgendwas zwischen zwei, zwei und zwei, vier auszahlen pro Person. Wir können davon alles zahlen. Aber es ist einfach crazy, wie viel man arbeiten muss, dass das rauskommt. Auch sicher selbst zum Teil mit verschuldet, weil wir zu billig sind und man lernen muss, wie wir teurer werden. Nicht teurer, sondern nachhaltiger.

Und dazu kommt auch, wie unglaublich viele laufende Kosten man als Studio so hat. Ich kann dir gleich mal ein paar Sachen aufzählen, aber ich weiß noch in der Studienzeit, man hatte seine WG Zimmer irgendwie. Das Essen hat so und so viel gekostet und dann irgendwie mal feiern gehen und Drinks holen so und so viel. Und dann hat man noch ein paar Sachen geschraubt. Alles sehr überschaubar. Man wusste immer ganz genau, was jeden Tag rausgeht. Ich war nie überrascht. Ich war auch immer sehr gewissenhaft. Und jetzt gehen einfach Beträge hin und her, die gar nicht zum Lifestyle passen, den man am Ende hat. Das Studio kostet knapp 1100€ Miete. Dazu die ganzen Fixkosten. Dann haben wir eine Freelancerin, die auf Tagesbasis zwei Tage die Woche arbeitet. Sie kostet auch 1600. Dann sind Versicherungen und sonstige Software-Sachen, die noch mal 200 oder so kosten. Dann Reisekosten, 2, 3, 400€ im Monat für irgendwelche Business Expenses, die dann nicht alle immer 100% zurückgezahlt werden. Ja dann irgendwie Technik, Anschaffungen und so Transport für Ausstellungen, Material, Andrucke was auch immer. Also diese allgemeinen Sachen auch noch mal ein paar Hundert Euro. Plus, dann gibt’s eigentlich auf’s Jahr gerechnet jeden Monat irgendeine Person, die noch irgendwie supportet und deshalb natürlich auch bezahlt werden muss. Und dann natürlich noch 1000€ Umsatzsteuer. Davon gehen ja insgesamt zwanzig Prozent weg. Und dann haben wir auch noch eine Einkommensteuervorauszahlung, die alle drei Monate fällig ist. Also, ich will dir keine Angst machen, weil es natürlich auch mit der Zeit wächst. Und so teuer ist natürlich der Anfang gar nicht. Wir hatten auch zum Beispiel länger keinen eigenen Studioraum. Wir haben davor bei mir in der WG gearbeitet, wo ich ein Zimmer dafür mehr zurechtmachen konnte. Das hat uns extrem viel Geld gespart am Anfang. Wir haben nicht in Technik investiert, nicht in krasse Sachen investiert und sind immer eigentlich okay über die Runden gekommen. Die Expenses steigern sich einfach mit der Zeit und irgendwann fühlt man sich auch okay damit. Du hast ein Business Konto und ein privates Konto, die haben einfach nichts miteinander zu tun. Manchmal denke ich, oh man, ich habe 500 pro Person für die Studiomiete hergegeben. Meine private Miete, weil ich mit meinem Partner zusammen wohne, ist auch noch mal so 6, 700€ pro Person. Ich denke mir dann so: Wie soll ich das denn alles bezahlen? Und da muss ich mich erinnern: Nein, die Studiomiete ist nicht deine Ausgabe. Das ist Firmenausgabe. Und das brauchst du nicht mit deinem Einkommen gegenrechnen, weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Ja, und das dauert. Je nachdem, wie man veranlagt ist. Manchen Leuten ist es wahrscheinlich auch völlig gleich. Für mich war es nicht so leicht. Ja, und wenn man dann irgendwie zwei Wochen im Urlaub ist und dann so überlegt, okay, ich habe jetzt meine Wohnung nicht untervermietet, plus ich zahle hier gerade noch ein Hotel oder eine Unterkunft oder so, uff, besser nicht so genau drüber nachdenken.

Mit der Zeit ergeben sich größere Aufträge, die besser budgetiert sind und wir nicht mehr 10.000 Sachen machen müssen, sondern halt nur fünf oder so. Und dadurch ermöglichen sich auch ganz andere logistische, finanzielle Freiheiten. Also wir verdienen jetzt natürlich schon besser als vor ein paar Jahren, aber wir sind auf jeden Fall nicht an dem Punkt, wo wir denken, okay, jetzt fängt es an, dass es sich lohnt. Und das hat auch ein bisschen krass. Weil wir wollen, wenn es irgendwie geht, unser Studio weiter aufbauen und dann zeitmäßig, nicht verantwortungsmäßig, etwas reduzieren. Mehr Quality-Time mit Entwurf und Delegation und Feedback und schauen, dass das Bigger Picture läuft. Weil gerade sehr viel unserer Zeit gefressen wird, Brände zu löschen, wenn man doch eigentlich voll gerne einfach ein Konzept an dem Tag für Projekt XY gemacht hätte. Was ich auch mit auf den Weg geben kann, ist, frühzeitig versuchen, sich irgendwelche Zonen Puffer zu schaffen, an denen man ganz konkret an irgendeiner Aufgabe, die einem wichtig ist, arbeitet. Sonst wird man so hin und her geschoben die ganze Zeit, vor allem als selbständige Person, weil man ja immer selber sein Boss ist und selber dem nachgehen kann, was gerade wichtig ist.

Man ist nach außen hin das Studio, das die coolen Jobs macht und nach innen hin ist man total oft gestresst und genervt von Sachen. Also wir sind da wirklich am Struggeln, aber wissen das auch. Weil wir so viel machen. Es kommt halt einfach sehr viel über unseren Tisch. Es sind sehr viele externe Stimmen dabei, sehr viele Meinungen, sehr viele kleine Miniproblemchen oder größere Probleme. Sachen, die schief gehen. Auch ganz normal. Allein die Anzahl dieser kleinen Probleme, die man am Tag lösen muss. Das haben wir uns selbst auferlegt, indem wir so viele Sachen machen. Der Umgang damit wird halt ein anderer, weil wir mittlerweile die kleineren Sachen nicht an uns heranlassen. Aber tatsächlich kommt dann als Ersatz für die kleinen Sachen halt größere Sachen und wir regen uns eigentlich die ganze Zeit gleich viel drüber auf. Das ist ein Prozess, der extrem viel Kommunikationsaufwand in sich beansprucht. Es muss immer wieder nachbesprochen werden. Kleine Checkins. Hey, ist alles okay? Auch ein bisschen antizipieren. Morgen wird es stressig bei der anderen Person, kann man irgendwie irgendwas tun, was das ein bisschen einfacher macht oder für einen selbst? Hey, kann ich auch einfach zehn Minuten früher gehen als du? So? Ja, also das sind so kleine kleine Sachen, die man sich rausnehmen muss. Und ich glaube, je nachdem wie sehr People pleasing man ist, fällt einem das leichter oder weniger leicht.